MärchenFlattern. Schweben. Hauchen

Ein zauberhaftes Märchen der amerikanischen Autorin Lois Lowry vom Leben der »Traumbringer«

Pssssssssst! Diese Zeilen werden ausnahmsweise spät in der Nacht geschrieben, im Mondlicht, dann, wenn der Schatten des Sprossenfensters auf den Boden neben dem Teppich fällt. Um sich in die verzauberte Welt einzufühlen, die Lois Lowry in ihrer Erzählung Traumbringer lebendig werden lässt, schadet es auch nicht, das Buch seinen schlaflosen Kindern flüsternd vorzulesen, damit die zarten Wesen, um die es geht, nicht aufgeschreckt werden.

Eigentlich dürften wir von den Traumbringern, die uns die wohligen Träume einhauchen, gar nichts wissen. Genauso wenig wie von den Dunkelrössern, die uns Albträume einfauchen. So fern von den Erkenntnissen der Schlafforschung diese Geschichte auch sein mag, so einleuchtend und anregend ist sie für unsere Fantasie. Das Schöne dabei: Wir laufen niemals Gefahr, in esoterischen Gefilden zu landen. Die klitzekleine Heldin des Buches, in der Traumbringer-Siedlung die »Allerkleinste« genannt, ist nämlich im Benehmen ganz irdisch-kindlich: unerfahren, gutgläubig, albern, gewitzt, traumtänzerisch, plappernd und singend, daumenlutschend, aber ungeheuer wissbegierig. Und sie erweist sich in ihrer Arbeit als Auszubildende in ihrem »Haufen« als sehr talentiert, das heißt hauchzart in der Berührung der Erinnerungsstücke. Diese Zartheit ist nötig, um sämtlichen Dingen, die den »Klienten« eines Traumbringers umgeben (jeder ist für einen Menschen zuständig), die Geschichten zu entnehmen, die der Betroffene mit diesen Sachen verbindet. Dann muss der Traumbringer die Bruchstücke, schöne wie traurige »Splitter«, verknüpfen und dem Schlafenden ins Ohr hauchen. Die Allerkleinste führt sich das kraftraubende Prozedere immer wieder vor Augen: Berühren. Sammeln. Verknüpfen. Hochflattern. Schweben. Konzentrieren. Tief durchatmen. Heraufbeschwören. Zielen. Einhauchen. Verschwinden. Wenn das alles reibungslos verläuft, zeigt sich alsbald ein Lächeln auf dem Gesicht des Menschenwesens. Aber wehe, die Dunkelrösser übernehmen das Kommando. Sie brennen sich durch die Wand, stampfen, hämmern, wiehern und fauchen dem armen Delinquenten die übelsten Erinnerungen in den Schlaf.

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Wir begleiten die kleinen Flatterwesen, die Allerkleinste und ihren Ausbilder, auf einer besonders kniffligen Mission: Ein aggressiver kleiner Junge wird während der Sommerferien von einer pensionierten Lehrerin in Pflege genommen, bevor es sich entscheidet, ob seine Mutter nach der Trennung vom gewalttätigen Vater in der Lage ist, ihn zu sich zu nehmen. Und die Dunkelrösser haben es auf das Kind abgesehen. Viel Arbeit für die Allerkleinste und ihren erfahrenen Kollegen.

Wie wir an der Seite der Traumbringer in die Geheimnisse der Nacht eindringen dürfen, das ist einfach zauberhaft. Dazu bewegen wir uns ganz leise durchs Haus und flüstern wider alle Vernunft: »Ja, so soll es sein.« Siggi Seuß

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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    • Schlagworte Märchen | Auszubildende | Benehmen | Pflege | Schlaf | Schlafforschung
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