Film Lasst doch einfach alles raus!
Einsam, trostlos und ohne Kreditkarte: Die Superhelden dieses Kinosommers wissen auch keinen Ausweg aus den Katastrophen unserer Welt. Aber sie lernen allmählich, mit ihnen zu leben.
So viel ist klar: Ein Superheld wird man nicht, um sich zu amüsieren. Superhelden mögen in ihren karnevalesken Outfits komisch aussehen. Aber sie sind Kinder der Katastrophe. Bevor sie antreten, um die Drecksarbeiten zu erledigen, die in unserer zivilisierten Welt sonst keiner machen will, hat sich immer schon etwas ereignet, das sich nicht wiedergutmachen lässt – ein Verbrechen, ein Unfall, ein Desaster von kosmischen Dimensionen. Und fast immer leidet der Superheld unter dem Job, der ihm aufgegeben wird. Der Wissenschaftler Bruce Banner, besser bekannt als der Unglaubliche Hulk, ist in der neuen, gleichnamigen Comic-Verfilmung denn auch die meiste Zeit damit beschäftigt, ein Mittel zu suchen, das seinen verstrahlten, bei Stress und Wut ins Monströse mutierenden Körper wieder auf Normalformat bringen könnte. Er wird verfolgt vom amerikanischen Militär, das ihn als Elitesoldaten verpflichten will – eines der wenigen konsequenten Motive des Films, der im Prinzip ein Action-Movie mit ein paar Megaschlägereien ist. Einsam und trostlos, ohne Kreditkarte und ohne Handy streift Banner durch brasilianische Favelas und nordamerikanische Landschaften. Und der schmale, übernächtigt wirkende Schauspieler Edward Norton gibt der Verzweiflung das passende Gesicht – ein Superheld am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Was Bruce Banner nicht weiß, ist: Er ist nicht allein. Was 1938 in den USA mit einem bunten Heftchen begann, auf dessen Cover ein Typ im blauen Bodysuit ein Auto stemmte – Superman! –, hat sich zu einem Imperium ausgewachsen. Im 21. Jahrhundert herrscht der Superheld zu Wasser, zu Lande und in der Luft, im Kinderzimmer und in den Boutiquen der Merchandising-Industrie – während die dort vormals führenden Dinosaurier unbemerkt und unbetrauert einen zweiten Tod gestorben sind.
Heute ist es möglich, Filme wie Comics herzustellen – aus dem Nichts
Das Image der B-Ware, des kulturell Minderwertigen, haben der Superheld und der Comic im Zuge der Aufwertung popkultureller Phänomene abgestreift. Als Graphic Novels sind Comics Kunst geworden; ihre Fans gelten nicht mehr als ungebildet, ewig pubertierend oder gescheitert, sondern als hip. Und sie befinden sich in prominenter Gesellschaft – die schillernde Existenz der Superhelden inspiriert Schriftsteller, Künstler und Designer. Auf der Leinwand haben wir jetzt einen vorläufigen Superhelden-Sättigungsgrad erreicht. Nach dem im Frühsommer überraschend erfolgreich gestarteten Iron Man und dem aktuellen Hulk kommen in diesem Jahr ein neuer Batman- Film von Christopher Nolan, ein Hellboy- Sequel und eine Version der an der Genregrenze angesiedelten Comics um den maskierten Detektiv The Spirit ins Kino. Weitere bekannte Heldenpersönlichkeiten sind angekündigt – darunter Wolverine und die Watchmen –, nicht gerechnet die Parodien, die jeden Genreboom begleiten. War Superman noch eine Art Allzweckwaffe, so ist heute die Heldengesellschaft verblüffend ausdifferenziert: Für jeden Job gibt es einen Spezialisten. Und man könnte den Eindruck bekommen, dass diese Leute auch nicht anders funktionieren als wir. Dabei hatte Hollywood lange nichts anfangen können mit den »Super Heroes«, die in den USA als eingetragenes Warenzeichen der führenden Comic-Buchverlage Marvel und DC firmieren. Erst in den späten Siebzigern brachte der Film mit Richard Donners Superman einen Comic-Blockbuster zustande; erst an der Wende zu den Neunzigern drangen Tim Burtons überdekorierte Batman- Produktionen – bis heute das Neuschwanstein der Comic-Verfilmungen – in den Bereich des Popkults vor. Dass der Comic und das Mainstreamkino in den folgenden Jahren eine schier unauflösliche Verbindung eingegangen sind, hat sicherlich mit der Revolution der filmischen Technik zu tun. In Typen, die zu Geräuschen wie thwip, skreech und blam! an Hochhäusern entlanghangeln, sich selbst entzünden oder den Tee in der Tasse schockfrosten, in diese Charaktere, die reines Spektakel sind, konnte sich erst das Kino des digitalen Zeitalters ernsthaft verlieben – ein Kino, das sich zunehmend vom Fotografischen entfernt und der bildenden Kunst annähert. Es ist heute prinzipiell möglich, Filme aus dem Nichts zu erschaffen, vom weißen Blatt – genau so eben, wie man Comics zeichnet.
Will man die Massen wirklich ergreifen – und an eine Serie binden! –, genügt es jedoch nicht, den jeweils letzten Schrei der Abteilung digitale Effekte zu annoncieren. Es genügt nicht einmal, den Helden das machen zu lassen, was nach landläufiger Ansicht seine Bestimmung ist: den Superschurken der Woche zur Strecke bringen, den scum, den Abschaum, vom Antlitz der Erde wischen. Der Comic hat Phasen der Aufklärung und des Dekonstruktivismus durchlaufen, und die autoritären Knochen unter den Superhelden haben sich im Laufe der wechselvollen Comic-Geschichte überlebt: Ein Big Shot wie Batman, der letztlich nur eine Villa und einen Wagenpark verteidigt, wirkt heute bräsig neben Underdogs wie den X-Men, dem Hellboy oder dem sehr, sehr schwarzen, von Wesley Snipes gespielten Blade.
Der Superheld hat nur eine Chance: Er muss sich Netzwerke schaffen
In der pubertären Allmachtsfantasie jedenfalls, die man ihm immer angehängt hat, geht der Superheld nicht auf; in seiner rätselhaften Doppelexistenz steckt mehr, etwas Komplizierteres, ein Geheimnis. Als eine Form von Travestie, als Geschichte der Transformation selbst hat der amerikanische Romancier Michael Chabon in einem Essay für den New Yorker kürzlich das Superheldentum beschrieben. Es wäre demnach kein Bild mit einem festgelegten Gehalt, sondern eher so etwas wie eine – Struktur. Eine Art Formel, nach der sich die unglaublich beweglichen Moleküle des superheldischen Körpers immer neu sortieren: die feinen Körnchen, aus denen Spider-Mans Gegenspieler Sandman besteht, die grünen Hulk-Zellen, die in Bruce Banners Blut schwimmen, das gummiartige Zeug, aus dem Mr. Fantastic besteht.
Das Schöne ist: Was für den Einzelnen gilt, gilt erst recht für die Gattung. Superheldengeschichten sind geradezu wunderbar reform- und modernisierungsfähig. Das Genre kann von problematischen Identitäten erzählen, vom Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Masse, von politischer Unterdrückung, Arbeitsbeziehungen, ökologischen Katastrophen oder den Sünden, die die Biotechnik am Körper begeht – also von konkreten Problemen und Konflikten, die der Kostümierung bedürfen, um enthüllt werden zu können.
So wie im frühen, einem Massensterben entronnenen Superman und dem Anti-Nazi-Kämpfer Captain America – beide sind Erfindungen jüdischer Autoren – Reflexe auf die Erfahrungen des Holocaust und der Diaspora erkannt wurden, lassen sich heute in den Blade-Filmen mit ihren blutigen Schlachten zwischen Zombies und Vampiren Abbilder des modernen Wirtschaftskriegs sehen. Der Herzschmerz des Unternehmers Tony Stark alias Iron Man ist der eines angeschlagenen, reformbereiten Kapitalisten, der zentrale Konflikt der X-Men- Serie ist der zwischen der gesellschaftlichen Mitte und einer stigmatisierten Minderheit – mit dem englischen Schauspieler Ian McKellen als Vertreter des Gay Pride. Denkbar geworden ist sogar, dass der Superheld seine eigene Außerdienststellung betreibt und eine demokratische Massenbewegung ins Leben ruft wie der geheimnisvolle Mann mit der lächelnden Maske in der Verfilmung der Graphic Novel V für Vendetta.
Die scheinbar naheliegende These, dass die Superheldenfantasie mit einer kollektiven Sehnsucht nach Vereinfachung zu tun hat, mit dem Wunsch, die Probleme einer von Öko-GAU und grenzüberschreitendem Terrorismus bedrohten Welt möchten sich ordentlich nach rechts und links wegsortieren lassen – ungefähr so, wie in der Geburtsstunde des Superhelden die Superschurken Hitler und Stalin –, diese These greift nicht mehr. Tatsächlich entspricht der neue Wildwuchs im Kinoheldentum der beschleunigten technischen und ökonomischen Entwicklung, den Komplexitätsschüben in unserer Gesellschaft. Der sich wandelnde, sich anpassende Superheld repräsentiert nicht mehr das Prinzip der Sicherheit, sondern im Gegenteil das einer allgemeinen Verunsicherung: Diese Typen haben immer mindestens zwei Jobs, sie müssen, ruck, zuck, vom Cocktaildress in den Arbeitsanzug finden – »das war ein Dolce & Gabbana«, stöhnt Johnny Storm, die »Fackel«, bevor er sich für eine gute Tat entflammt –, sie sind begnadete Multitasker, sie erfinden sich ständig neu. Und keiner würdigt, was sie tun. Jedenfalls haben sie ständig Probleme mit den Medien.
Im neuen Hulk wird schließlich, nicht zum ersten Mal, die Transformation selbst das Thema: Die Frage ist hier, wie der Superheld mit den Übergängen zwischen Kopf- und Handarbeit zurechtkommt, wie er Stress produktiv umsetzen kann – Kampfsportarten und Yoga sind die Empfehlung. Bruce Banner wird sich am Ende, einatmend, ausatmend überm Pulszähler, abfinden mit seiner neuen, grünen Seite, er wird lernen, sein Hulktum zu akzeptieren. Und er wird lernen müssen, im Team zu arbeiten.
Denn für den Superhelden im Kino beginnt gerade jetzt, im Augenblick seines Triumphs, ein neuer Prozess des Wandels: weg von der großen Weltrettungs-Action hin zu kleinteiligeren Konflikten, die sich auch innerhalb des westlichen Politiksystems abspielen können (wie in Marvels Civil War- Serie), weg von der Splendid Isolation Supermans, der sich in seiner »Festung der Einsamkeit« verbarrikadierte, hin zur Kollektivierung und Vernetzung. Die Firma Marvel, die neuerdings ihre Stoffe selbst fürs Kino adaptiert, hat den Weg gewiesen: In der letzten Szene ihres Hulk- Movies taucht der Iron Man- Star Robert Downey jr. auf – mit dem Vorschlag, eine Superheldenvereinigung zu bilden. Das kann nichts anderes sein als der Beginn einer gigantischen Superhelden-Soap, der Kinoadaption der Rächer- Geschichten nämlich, mit denen der Marvel-Verlag in den Sechzigern seine beliebtesten Superhelden zusammenbrachte. In den Rächer- Bänden fanden sich so unterschiedliche Erscheinungen wie Captain America und der Hulk, die Wespe und die Scharlachhexe, Iron Man, der mächtige Thor und der Submariner in wechselnden Koalitionen zusammen. Man kann hier sehen, wie Superhelden Beziehungen verhandeln, Hierarchien diskutieren und Bündnisse schließen, man erfährt, dass sie Kinderbetreuung oder Therapeuten brauchen. Und wenn sie nicht mehr weiterwissen, rufen sie jemanden aus einer anderen Serie an: Spider-Man oder die Fantastischen Vier. Kurz: Die kommenden Heroes sind sozial außerordentlich kompatibel – eine eigene kleine Gesellschaft mit allem, was dazugehört, ein Schritt in Richtung Normalität. Vielleicht wird so das Ende der großen Superheldenerzählung kommen. Vielleicht ist es aber auch der Anfang einer neuen. Einer, in der sich jeder Held zu dem, »was in ihm ist«, bekennen kann und nicht mehr verlassen und verschämt vor sich hin wursteln muss. Das Superheldentum wäre dann erst recht kenntlich als eine Art Coming-out, als Sozialisierung unserer Träume von der Selbstermächtigung, als Pop-Politik. Am Ende könnte der Superheld auf der Leinwand noch richtig Spaß haben.
- Datum 16.12.2008 - 09:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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