Geistiges Eigentum
Haltet den Dieb!
Der Streit um YouTube beweist, dass Urheberrechte auch im digitalen Zeitalter wichtig sind
YouTube ist eine digitale Halde für Videoschrott. Man kann dort Teenagern beim Pizzaessen zusehen. Oder einen dicken Briten namens »Expanda« betrachten, der nach dem Genuss von vier Litern Cola seine pralle Wampe streichelt. Welch armseliges Vergnügen.
YouTube ist ebenso eine Fundgrube für Musikvideos, Filme und Fernsehsendungen. Viele Beiträge wurden von kreativen Köpfen konzipiert und virtuos umgesetzt. Hochgeladen wurden sie indes von Mitgliedern der YouTube-Gemeinschaft. Damit sind sie zugänglich für jedermann, jederzeit, kostenlos. Ein Horror für professionelle Künstler.
Manchmal ist YouTube auch ein bisschen von beidem, und das macht die Sache kompliziert. Viele YouTubeler haben sich einen Dreck um Urheberrechte geschert. Nun aber pochen sie ihrerseits auf den Datenschutz und machen große Augen, weil sich jemand wehrt. Der Medienkonzern Viacom wirft YouTube systematische Rechtsverletzung vor und errang vergangene Woche einen Sieg vor Gericht. Die Google-Tochter YouTube muss Nutzungsdaten herausrücken. Damit soll geklärt werden, was die Nutzer öfter anschauen – Privatvideos wie das des bauchstreichelnden Briten oder urheberrechtlich geschützte Filmchen.
Bei dem Streit geht es nicht bloß um eine Milliarde Dollar möglichen Schadensersatz. Jede Minute werden immerhin zehn Stunden Filmmaterial auf YouTube hochgeladen. Das Duell steht somit auch für den Kampf der alten gegen die neue Medienwelt und für die Frage, welches Geschäftsmodell im Internet funktioniert. Schon die Reaktion der YouTubeler zeigt, dass die alte Welt im Recht ist. Denn kaum war das Urteil gefallen, beklagten sie die drohende Preisgabe ihrer Daten an Viacom – obwohl der Konzern gar keine einzelnen Namen verlangt hatte. Nun aber, da die eigenen Rechte möglicherweise bedroht sein könnten, reagiert die Onlinegemeinschaft wieder ganz wachsam und keine Spur liberaler als die vermeintlich Ewiggestrigen.
Gute Inhalte gibt es nicht umsonst, und mit fremdem geistigen Eigentum darf man nicht verfahren, als wäre es das eigene. Das ist die Erkenntnis, die man aus der Causa YouTube gewinnen kann. Es mag ja anachronistisch klingen, die Verbreitung von Bildern, Tönen und Texten im digitalen Zeitalter noch kontrollieren zu wollen. Dennoch wissen auch Manager wie die YouTube-Chefs, dass sie ohne gute Inhalte nur wenige Besucher auf ihre Internetseite locken können. Die Zahl jener, die Freude an abgefilmten Bäuchen haben, dürfte überschaubar sein. Marcus Rohwetter
- Datum 9.7.2008 - 15:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
- Kommentare 23
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Was ist denn dieses ominöse "geistige Eigentum" überhaupt? Müssen wir heute noch Patentabgaben an die Erben des Erfinders des Rades bezahlen? Bekommen die Nachfahren von Shakespeare ihren GEMA-Anteil, wenn ich "Heinrich der V." lese?Patente wurden mal eingeführt, um die kleinen Erfinder vor den Großen zu schützen, heute ist es ein Druckmittel, mit dem zwischen Konzernen gehandelt wird. Kopiert wurde seit jeher - oder woher kommt das Meissener Porzellan ursprünglich?Wie war das denn für Musiker in der Zeit vor der LP? Womit haben die ihren Lebensunterhalt bestritten? Für einmal singen und dann millionenfach Kopien ziehen bestimmt nicht. Die CD und die CD-Brenner waren keine Erfindung der "Raubkopierer", wenn man das mal wieder in Erinnerung rufen darf.Jeder Euro, jeder Dollar kann von einem Menschen nur einmal ausgegeben werden und seien wir ehrlich: Die Zielgruppen der MI und der FI tun genau das, sie geben so zeimlich jeden Euro aus, den größten Teil für das lebensnotwendigste. Und dann kopieren sie sich halt noch etwas Zeug zusammen, dass sie sich eh nicht leisten könnten. Es entsteht also pragmatisch gesehen überhaupt kein Verlust, egal wie oft uns die Konzerne einreden wollen, dass jede Kopie ein entgangener Kauf ist.Und dann ist da noch das Problem des mangelnden Angebots. Wo bekomme ich denn als Deutscher derzeit die neuesten Folgen von "Lost" im O-Ton her, wenn nicht aus er graueren Quellen? Für das deutsche TV bin ich offensichtlich keine relevante Zielgruppe (oder wann kommt mal was im O-Ton) und selbst auf die DVDs muss man ewig und drei Tage warten. Tja, dann befriedige ich meine Nachfrage eben bei jemandem, der bereit ist, mir ein Angebot zu machen.
seltsames kunstverständnis, das das autor an den tag legt...sie tun ja so, als ob es nur bauchstreichelnde briten oder urheberrechtlich geschütztes material bei youtube gäbe. und selbst wenn -seit wann darf der private bauch nicht mehr 'professionelle kunst' sein? mit 'schrott' hat duchamps anno dunnemals die kunstwelt erschüttert! oder wo verläuft bei ihnen die trennung zwischen hoch- und unkultur? ihr artikel lässt missen, dass durchaus qualitativ hochwertige sachen bei youtube hochgeladen werden, die eben nicht auf dem mist der großen medienkonzerne gewachsen sind. dass diese sich manchmal, ähnlich wie die collagen der dadaisten oder der popart, aus schnippeln der kommerziellen bilderflut bedienen, halte ich ansich nicht für verwerflich.verwerflich wird es erst dann, wenn die abmahnwelle der unterhaltungsmultis rollt, um aus jedem noch-so-kleinen pups geld zu pressen. ein artikel wie dieser kann in der internetausgabe der zeit ja durchaus zielführend sein (im sinne hoher zugriffsraten aufgeregter leser). aber dass diese propaganda es offensichtlich sogar in die printausgabe geschafft hat, sehe ich als ein indiz für den fortschreitenden verfall dieses blattes.
Marcus Rohwetter setzt in seinem Kommentar unredlicherweise Datenschutz und Urheberrechtsschutz gleich.Der Unterschied liegt jedoch auf der Hand: Datenschutz betrifft private Daten, der Zank um das "Geistige Eigentum" hingegen öffentliche Daten.Wer Herr seiner Daten bleiben möchte, der darf sie nicht veröffentlichen -- und verdient allen gesetzlichen Schutz, daß man sie nicht gegen seinen Willen veröffentlicht.Wer jedoch seine Daten veröffentlicht und dafür bis an sein Lebensende (und das seiner Kinder und Kindeskinder) Geld bekommen möchte, der lebt im falschen Jahrhundert. Die Welt verändert sich, Geschäftsmodelle sterben aus.
Es ist doch immer wieder eine Sache der Perspektive, was man als Kunst betrachtet. Für den Autor mag die Betrachtung eines Colasaufenden Individuums armselig sein, für mich ist es bereits die Betrachtung von GZSZ oder sinnentleerter, werbeunterbrochener Talk- und Newsshows im Fernsehen. Daran ändert meiner Meinung nach auch nichts, dass letzteres ein paar Euro mehr kostet.
Wenn aber der Betrachter nach GZSZ-Trash sucht, und Colasäufer-Trash findet, dann ist das ohne Zweifel Kunst, da es ohne die unfreiwillige Verknüpfung der beiden nicht entstanden wäre.
Also, lieber Autor, vielleicht trinken Sie ab und zu mal eine Cola zusätzlich, und solche erhellenden Momente wie der, als Sie das Wort Anachronismus fehlerfrei in ihre Tastatur gehackt haben, könnten bald zu Ihrem Alltag gehören.
Was mich bei diesen Artikeln über Urheberrechtsverletzungen, youtube, Filesharing etc. ärgert ist, dass sie meist vergessen, einen wichtigen Punkt zu erwähnen: was ist mit den Leuten, die Geld für z.B. Musik oder (besonders) TV-Sendungen zahlen würden, wenn sie nur dürften - aber nicht können, weil es keine entsprechenden Angebote gibt?
Ich bin Fan von diversen britischen TV-Serien oder Sendungen, die im deutschen TV entweder gar nicht oder erst nach ein paar Jahren laufen. Manche davon werden nicht einmal auf DVD erscheinen.
Ich nehmen mal das Beispiel der Quiz-Sendung QI, geleitet vom wunderbaren Stephen Fry. Die Sendung gibt es seit 5 Jahren aber erst die ersten beiden Jahre sind auf DVD veröffentlicht.
Außerdem möchte man als Fan gleich mit anderen Fans über die Sendung diskutieren - nicht erst nach drei Jahren.
Legal ist das aber gar nicht möglich, weil der BBC-Player nur von Großbritannien aus zu sehen ist - also gucke ich die Sendung via youtube und lade andere Sendungen auch mal über ein Torrent-Programm herunter.
Ich würde der BBC liebend gerne einen monatlichen Obolus gönnen - oder für jede Sendung ein bißchen einzeln zahlen, um den BBC-Player benutzen zu dürfen - geht aber nicht. Ich würde liebend gerne die neuesten amerikanische TV-Sendungen über iTunes kaufen - darf ich aber nicht.
Die Welt ist Online so zusammengerückt, man tauscht sich mit Leuten aus aller Welt aus, redet grenzübergreifend über Politik, TV und was einen sonst so bewegt. Und was machen die Firmen? Klagen und versuchen zu kriminalisieren - anstatt, dass sie sich an die Zeiten anpassen und endlich ein passendes Angebot schaffen. Gut 60 Jahre wurde einem eingeredet, dass Konsum alles ist und Teil der persönlichen Freiheit und überhaupt das wichtigste Menschenrecht (nur wenig sarkastisch hier) - dann sollen sie das so langsam auch mal online umsetzen.
Bis dahin benutze ich youtube weiter und gerne und ohne schlechtes Gewissen.
Das Copyright auf Filme, Musik, Kunst...muss abgeschafft werden, denn nur so erreicht es alle Menschen, allem Voran Aufnahmen von Vorlesungen in Universitäten müssen frei verfügbar sein.Was haben die Menschen denn davon, wenn es nicht so ist? Gar nichts. Die Yale Uni macht es mit OpenYale vor. Wer zieht nach? Ihr Egoisten?
„Viele Beiträge wurden von kreativen Köpfen konzipiert und virtuos umgesetzt“? Ne, ganz wenige. Das meiste „professionell“ gestaltete auf YouTube ist irgendwelcher Schrott aus dem TV, der zwar urheberrechtlich geschützt ist, aber ungefähr auf dem Niveau wie der gestreichelte Bauch, der es dem Autor so angetan hat. Es gibt das ein oder andere Filmchen aus dem Fernsehen, dass interessant ist, aber diese sind nur deswegen auf YouTube, weil man sie im Fernsehen nicht (mehr) bekommt. Wer hat dadurch also einen Verlust? YouTube ist eine gute Sache, weil der Zuschauer nicht mehr nur ein passiver Konsument ist, sondern das Potential in die Hand bekommt, sich auszuwählen, was er sich antut. Es ist die real existierende Demokratisierung der Medienwelt. Dass das den klassischen Medienbetrieben nicht in den Kram passt ist ja klar. Nicht nur, dass sie an Macht verlieren (sie wollten eh nur Geld), sondern sie verlieren nach und nach ihre Existenzberechtigung. Nicht etwa die Künstler: Kreative und gut ausgebildete Gestalter für Medien werden dadurch, dass alle irgendwie mit iMovie rummischen eher begehrter und geschätzter, weil viel mehr Menschen verstehen, wie schwer es ist, richtig gut zu sein. Sondern der Wasserkopf einer Medien-„Industrie“ wird überflüssig. Und das ist gut so.Ganz davon abgesehen haben wir alle Inhalte auf YouTube doppelt bezahlt als wir unsere GeZ Gebühren abgeführt oder uns sinnlose Werbesendungen im Privatfernsehen angesehen haben. Durch YouTube wird der Reingewinn der Sender dadurch leicht beschnitten, dass sie uns den Kram nicht noch mal als 1000ste Wiederholung reinwürgen können. Den gesamtgesellschaftlichen materiellen Verlust kann unsere Wirtschaft verkraften, ein gesamtgesellschaftlicher künstlerischer oder ästhetischer Verlust ist nicht vorhanden.
Ich bin überrascht, dass die ZEIT neuerdings so konservativ ist und nicht mehr vorausschauend schreiben kann, wie sie es bereits mal getan hat.Übertriebende Ansprüche an das geistige Eigentum wird die Entwicklung des Internets stark behindern. Die möglichen Konsequenzen hätten in dem Artikel erwähnt werden müssen! Ich empfehle dazu auch unbedingt mal die Meinung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz zu diesem Thema zu lesen (zu finden hier: http://www.heise.de/newsticker/Nobelpreistraeger-kritisiert-System-des-geistigen-Eigentums--/meldung/110560).Im Übrigen werden Gerichtsurteile immer noch gefällt und fallen nicht vom Himmel!
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