Wahrscheinlich werden wir unsere neue deutsche Demokratieverdrossenheit nie verstehen, wenn wir sie nicht international ansehen. Kürzlich lief im Radiosender BBC World eine angeregte Diskussion zwischen einem Afrikaner, einem Russen und einer Britin. Es ging um die Demokratie.

Der Afrikaner argumentierte, grob zusammengefasst, so: Wenn ein Land keine finanziellen Mittel habe, um einen Staat aufzubauen, dann helfe auch die Demokratie nicht. Was nicht von der Hand zu weisen ist, wenn auch in Afrika die Armut oft erst durch einen Mangel an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit so richtig unerträglich wird.

Der Russe nahm für sein Land in Anspruch, dass man sich von der westlichen Demokratie nur das herauspicke, was einem nützlich erscheine, um Wohlstand und Entwicklung zu sichern. Wobei eingeschränkte Meinungsfreiheit und verstümmeltes Parteienrecht eben gern Korruption und Vetternwirtschaft nach sich ziehen. Aber das sagte er nicht.

Beiden Positionen gemeinsam ist, dass die Demokratie an ihren Ergebnissen gemessen wird. Nur die Britin vertrat den Standpunkt, die Demokratie sei schon das Ergebnis, kein Mittel, sondern ein Ziel – angesichts der britischen Geschichte eine besonders glaubwürdige Haltung. Immerhin hat die Demokratie dort schon entbehrungsreiche Kriege und einen über Jahrzehnte sich erstreckenden Niedergang des Empires überstanden, bis hin zu einem regelrechten wirtschaftlichen Verfall in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dass die Britin ihre Gesprächspartner dennoch nicht recht überzeugen konnte, lässt sich nachvollziehen. Aus russischer, erst recht aus afrikanischer Sicht möchte man sich vom Westen, also von der Spitze des globalen Wohlstands herab, ungern belehren lassen und denkt sich: Erst kommt das Fressen, dann die Demokratie.

Das ist verständlich. Die Frage ist jedoch, ob ein solches Verständnis auch mit Blick auf die neue Demokratieverdrossenheit der Deutschen angebracht scheint. Heribert Prantl, Leitartikler der Süddeutschen Zeitung, zeigte in der vergangenen Woche dieses Verständnis: "Wenn 73 Prozent der deutschen Wahlbevölkerung die Verhältnisse in Deutschland als ungerecht betrachten und zugleich eine große Mehrheit glaubt, dass es ihr in zehn Jahren nicht besser, sondern schlechter gehen wird, dann ist das eine gewaltige Misstrauenskundgebung gegen die Volksparteien."

Mit anderen Worten: Wenn die Volksparteien nicht garantieren können, dass es der großen Mehrheit in zehn Jahren besser geht, dann verwirken sie ihre Legitimation. Falls das so sein sollte, dann müssen wir uns demokratiepolitisch aber ganz warm anziehen. Denn angesichts der steigenden Rohstoffpreise, des Klimawandels, des Aufstiegs neuer Mächte und der drohenden Rezession kann den fortwährenden Aufschwung niemand garantieren, jedenfalls keine der Volksparteien. Darum sind die zurzeit auch so panisch, vor allem die SPD, die sich bedrohlich der 20-Prozent-Marke nähert, aber auch die CSU, die schon bei 50 Prozent Existenzangst bekommt, und sogar die CDU, die es nur nicht so zeigt.