Medien Lokale Meinungsmacht
Eine Verlegerin stellt einen Journalisten kalt – und erntet Protest
Die Küstenstadt Bremerhaven erlebt gerade eine Affäre, über die zwar überregionale Medien berichten, nicht jedoch die Lokalpresse. Das könnte daran liegen, dass es um die Lokalpresse geht. Die Verlegerin der Nordsee-Zeitung, Roswitha Ditzen-Blanke, spielt eine der beiden Hauptrollen. Die andere hat ein freier Journalist, sein Name ist Detlef Kolze. 14 Jahre lang hat Kolze für das Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung berichtet, vor allem über Lokalpolitik. Doch vor wenigen Wochen wies die Verlegerin die Redaktion an, keine weiteren Artikel aus seiner Feder zu drucken.
Die Nordsee-Zeitung ist ein typisches Lokalblatt mit örtlichem Monopol, nicht übermäßig konfliktfreudig, mit ausgeprägter Neigung zum Lokalpatriotismus. Und ihre Verlegerin ist zugleich Vizepräsidentin der Bremerhavener Industrie- und Handelskammer (IHK). Detlef Kolze wiederum tritt man wahrscheinlich nicht zu nahe, wenn man ihn als Altlinken bezeichnet, als Vertreter einer politischen Strömung also, die in der Redaktion der Nordsee-Zeitung eher unterrepräsentiert ist. Der IHK war Kolzes Berichterstattung seit Langem ein Dorn im Auge. Sie sei »selektiv«, heißt es.
Bremerhaven schließlich ist eine Stadt mit problematischen Wirtschaftsdaten und Neigung zu Komplexen ( ZEIT Nr. 12/06, Stadt der Beleidigten ), ein Umstand, der die Brisanz des kleinen Redaktionskonfliktes steigert. Inzwischen hat Kolze ein Kündigungsschreiben bekommen – ohne Angabe von Gründen. Der Verlag war trotz mehrfacher Nachfrage zu keiner Stellungnahme bereit. Dafür kämpft nun die Stadt für den Journalisten.
»Sie hat gedacht, dass sie Kolze einfach rausschmeißen kann und dann Ruhe ist«, sagt ein Insider aus dem Verlag. Doch jetzt sieht die Verlegerin sich mit dem Vorwurf konfrontiert, durch ihr rüdes Vorgehen zum schlechten Image der Stadt beizutragen. In Bremerhaven ist die Aufregung groß. Allein die Protestbriefe an die Verlegerin, die Kolze in Kopie erreichten, zählen schon nach Dutzenden, insgesamt kamen mehr als hundert Unterschriften zusammen. Die GEW protestierte, die Grauen Panther, die Philosophische Gesellschaft, das Nord-Süd-Forum und der Verein für Literatur und Politik. Der Tenor ist immer gleich: Protest gegen den Rauswurf und die Aufforderung, den 60-jährigen Autor wieder zu beschäftigen. In der Stadtverordnetenversammlung prangerten die Grünen die Verlagspolitik an, die »negative Schlagzeilen« zu verhindern suche, »zur Not dadurch, dass unbequeme Journalisten nicht mehr beschäftigt werden«.
In vorderster Front der Pro-Kolze-Bewegung engagiert sich einer, den er in der Vergangenheit nicht selten kritisiert hat. Bürgermeister Michael Teiser, ein konservativer Christdemokrat, sagt über Kolze: »Ich verbinde mit ihm einen kritischen Journalismus, der sich nicht auf Emotionen, sondern auf Fakten stützt.« Teiser sorgt sich um die politische Kultur und die Bedingungen einer kritischen Berichterstattung in seiner Stadt. »Möglicherweise überlegen andere jetzt, wie sie in Zukunft schreiben, damit ihnen das nicht passiert.«
In Hamburg hat der Fall einen ehemaligen Wissenschaftssenator der SPD aufgeschreckt. Leonhard Hajen, gebürtiger Bremerhavener, schrieb an die Verlagschefin: »Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass eine Stadt ärmer wird, wenn sie keine kritischen Journalisten aushält.« – »Wenn so etwas in Russland vorkommt, würden wir uns nicht wundern, aber hier!«, beschwert sich der Autor eines Protestbriefs.
So geht das am laufenden Band. Im Verlag ist der Streit um Kolze offiziell kein Thema – hinter vorgehaltener Hand wird aber viel Unmut über die Affäre laut. Sie schade doch dem Blatt, heißt es, das eigene Bild in der Öffentlichkeit werde beinahe mutwillig beschädigt. »Aussitzen« sei die aktuelle Strategie, ist aus dem Umfeld der Verlegerin zu erfahren. Dass sie einen Fehler gemacht habe, könne oder wolle sie nicht einsehen. Auch dazu sagen Verlag und Verlegerin – nichts.
Sorgen macht sich der Betriebsrat der Lokalzeitung. Uwe Roes ist der Vorsitzende und sagt: »Der öffentliche Druck ist sehr groß. Wir schließen nicht aus, dass die Sache auch wirtschaftlichen Schaden zur Folge hat.«
Für diese Befürchtung spricht, dass Kolzes Rauswurf mittlerweile auch an den Schulen der Stadt erörtert wird, die es sich bislang zur Aufgabe gemacht hatten, den Nachwuchs in Projekten an die Zeitung heranzuführen. »Wir haben Frau Ditzen-Blanke geschrieben, dass so etwas die Pressefreiheit gefährde, und erwarten eine Reaktion«, sagt die Gesamtschulrektorin Gertrud Wiehler. Bislang erhielt sie keine Antwort. »Wenn wir keine befriedigende Reaktion bekommen«, droht die Schulleiterin, könne man die Lokalzeitung nicht länger unterstützen. Dann »werden wir das beenden«. Auch andere Schulen beraten das Thema gerade. Die Empörung unter Bremerhavens Lehrern sei groß, sagt Frau Wiehler. Die Rolle der Verlagschefin bei der IHK zerstöre das Vertrauen in die Zeitung. Schon mache unter den Kollegen die Forderung die Runde, symbolisch die Zeitung abzubestellen.
Betriebsrat Roes hat vor ein paar Tagen ein Gespräch der Verlegerin mit der Redaktion des Sonntagsjournals moderiert. Seither kennen wenigstens die Mitarbeiter der Nordsee-Zeitung so etwas wie eine offizielle Begründung für das Vorgehen gegen ihren Kollegen: Sein öffentliches Auftreten sei seiner Stellung unangemessen gewesen. Betriebsrat Roes kann sich das nicht vorstellen. »Die Redaktion hat in 14 Jahren Zusammenarbeit nie etwas davon mitbekommen.«
- Datum 17.07.2008 - 12:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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so wird eine arme stadt noch viel aermer! schade, sehr schade - ist ein guter engagierter journalist
Horst Temmen
... für die allerorts auszumachende Kleptokratie in der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Da werden (immer noch!) Rekordgewinne eingefahren (Grossindustrie, Mittelstand -- kein Unterschied), aber kritische und wache Journalisten, die sich mit den Problemen derer, die diese Gewinne erst möglich machen (und die oft über ihren Beitrag zum Erfolg beschissen werden) -- ja, auch der Pförtner, die Sekretärin, der Ingenieur und die Putzfrau tragen ihren Teil zum Betriebserfolg bei -- kritisch auseinandersetzen und damit natürlich die Kleptokratie (die Klasse des Kapitals, die die resultierenden Gewinne nicht fair teilen will) vorführen, die werden kaltgestellt.Ich mag die Integrität des Bürgermeisters, der hat sein Herz auf dem richtigen Platz und seinen Verstand, wo der hingehört: zwischen den Ohren! Er versteht die kritische Stimme als konstruktiven Beitrag zum Ganzen.Es ist ohnehin unverständlich, dass eine Person als Verlegerin einer Lokalzeitung nicht die Integrität besitzt, sich den Posten des Vize der IHK zu verkneifen, sich also das (lokale!) Ego-Streicheln damit zu versagen. Der latente Interessenkonflikt ist hier bereits durch diese Schwäche der Verlegerin (Schmeichelei des Amtes bei der IHK) für die Zeitung als Ganzes vorgegeben; dass hier aber bereits daraus die offene Schlacht programmiert wird, einen kritischen Journalisten (der jede Zeitung dieser Republik schmücken würde) ins ökonomische 'Aus' zu schicken, zeigt auf, wie myopisch und unmoralisch die heutige Kleptokratie operiert.Als Demokraten müssen wir den Dissenz kultivieren und engagieren (wir könnten ja etwas lernen), anstatt diesen auf denkbar fiese (ökonomische) Weise abzuwürgen.[entfernt, bitte vermeiden Sie persönliche Angriffe und Verleumdungen/ Redaktion; svb]"Unternehmenskultur heutzutage bedeutet, die Mitarbeiter so schnell über den Tisch zu ziehen, das diese die dabei entstehende Reibungshitze als Nestwärme empfinden".
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