So sieht er also aus, der Herr der Finsternis. Ein aktuelles Foto zeigt einen gesetzten Endfünfziger mit vollem braunen Haupthaar, zeitlos-unmodischer Brille, dunklem Sakko und weißem Hemd mit offenem Kragen. Kein Schlips, keine Protzuhr. Im Habitus irgendwie großväterlich. Nichts Auffälliges, alles ziemlich normal. Und das ist auch die Botschaft von Klaus Gehrig, dem Aufsichtsratschef der Lidl-Stiftung: Ja, wir haben Fehler gemacht, aber eigentlich ist Lidl doch ein ganz normales Unternehmen.

Lidl gehört zur Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm. Seit Jahren liefert sie negative Schlagzeilen, regelmäßig werden ihr rabiate Geschäftsmethoden, Mitarbeiterführung nach Gutsherrenart und Geheimniskrämerei vorgeworfen. Mal fand Greenpeace heraus, dass Obst und Gemüse bei Lidl mit Pestiziden belastet waren, mal prangerte die Gewerkschaft ver.di die Arbeitsbedingungen in den Filialen an. Großes Aufsehen erregte jüngst der Spitzelskandal, bei dem Rechercheure des sterns nachwiesen, dass Lidl seine Mitarbeiter in mehr als 500 Filialen von Detektiven überwachen ließ.

Wieder einmal fand sich Lidl in der Rolle des Buhmanns unter den Billigheimern wieder. Während Konkurrent Aldi zeitweise zur Kultfirma avancierte, deren preiswerter Champagner zum Renner bei Besserverdienern wurde, gab und gibt der klandestine Lidl-Konzern die perfekte Projektionsfläche für das schlechte Gewissen vieler Deutscher ab, die wohl ahnen, dass Preisdrückerei keine Tugend ist, aber trotzdem ihrem Discounter die Treue halten.

Nach der Spitzelaffäre und dem im ZEITmagazin LEBEN protokollierten Undercover-Einsatz des Journalisten Günter Wallraff über die Zustände bei einem Lidl-Zulieferer ging der Handelskonzern in die Offensive. Endlich bekam Lidl ein Gesicht. Zwar nicht das von Firmeneigentümer Dieter Schwarz, von dem so gut wie keine Fotos existieren. Sondern eben von Klaus Gehrig, 60 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder und seit 1976 bei Lidl in verschiedenen Funktionen tätig. Er gilt als Nummer zwei hinter Schwarz. Wochenlang tingelte Gehrig durch Zeitungsredaktionen, besuchte Radio- und Fernsehsender. In zahlreichen Interviews versuchte er, die aktuellen Vorwürfe zu entkräften, gab Fehler zu, ging manchmal gar zum Gegenangriff über. Wie ernst aber ist nach all den Skandalen die Glasnost-Periode bei Lidl zu nehmen? Gibt es tatsächlich einen Wandel in der Firmenkultur? Oder ist alles nur Schminke? Wer diesen Fragen nachgeht, entdeckt ein Unternehmen, das manchmal tatsächlich handelt. Aber offenbar immer nur auf Druck.

Die Spurensuche beginnt bei Johann Priemeier im niederbayerischen Simbach, dem Besitzer der Antersdorfer Mühle, eines traditionsreichen Ökobetriebs. Priemeier war früher Finanzvorstand der Münchner Biosupermarktkette Basic und hatte sich Ende 2007 mit dem übrigen Basic-Management überworfen. Der Grund: Priemeier hatte sich mit Lidl eingelassen. Das brachte ihm sogar eine Strafanzeige wegen Bestechung ein – die Vorwürfe wurden zwischenzeitlich allerdings fallen gelassen.