US-Wahlkampf Mail von Obama

Unser Autor erhält fast täglich persönliche Botschaften von Barack Obama - obwohl er ihn noch nie getroffen hat

ZEITmagazin-Autor Jürgen von Rutenberg erhielt zahlreiche Mails des US-Präsidentschaftskandidaten

ZEITmagazin-Autor Jürgen von Rutenberg erhielt zahlreiche Mails des US-Präsidentschaftskandidaten

Seit Monaten schreibt Barack mir E-Mails. Alle paar Tage meldet er sich und verrät mir vorab, was er erst Stunden später im Fernsehen verkünden wird; schickt mir ein Video von einem inspirierenden Auftritt (schon wieder!) im Kreise seiner engsten Mitarbeiter; schimpft darüber, dass irgendwelche dubiosen McCain-Unterstützer wieder Unwahrheiten über ihn verbreitet haben. Heute Morgen bekam ich eine Mail von seinem obersten Wahlkampfmanager mit der Betreffzeile "Strategy briefing for you": "Es ist wichtig, dass Du genau informiert bist, wie wir uns organisieren werden, um im November zu gewinnen." Und dauernd liegt Barack mir in den Ohren damit, wie dringend er ausgerechnet mein Geld braucht.

Ganz recht, Barack schreibt mir, nicht etwa "Barack Obama", "Senator Obama" oder "The Next President of the United States of America". Der nächste US-Präsident und ich, wir waren schon immer per Vorname, also quasi per Du. Seine Mitteilungen an mich enden stets mit einem "Thank you" und: "Barack".

Gleich seine erste Mail – damals war er noch mitten im Wettrennen mit Hillary Clinton – begann mit der knappen Grußformel: "Jürgen", und fuhr fort: "Right now you have a unique opportunity to go head to head with George W. Bush."

Wow. Es war nicht so sehr diese einzigartige Gelegenheit, mich mit Bush anzulegen, die mich beeindruckte, sondern das "ü" in "Jürgen". Meine Mail-Freundschaft mit Barack hatte nämlich begonnen, als ich über seine Website eine Interviewanfrage abgeschickt hatte. Um die amerikanische Software nicht zu verwirren, schrieb ich meinen Namen mit "ue" statt mit "ü". Ich wäre auch bestimmt nicht beleidigt gewesen, wenn Barack mich als "Juergen" angeschrieben hätte, der Mann hat schließlich Wichtigeres zu tun, als auf der US-Tastatur seines MacBooks nach dem Makrobefehl für "ü" zu suchen. Soweit ich weiß, kann Barack kein Deutsch. Aber irgendjemand in seinem Team war nicht nur sprachenkundig genug, den Namen in die deutsche Form zurückzuübersetzen – sondern auch noch weltoffen genug, diesen Absender aus Berlin mit dem komischen Namen in den E-Mail-Verteiler der Obama-Kampagne aufzunehmen.

So bin ich nun – auf eine seltsame, neue Art, die ich noch nicht restlos durchschaue – Teil der Obama-Bewegung. Denn diese E-Mails haben tatsächlich eine Wirkung. Sie sind alles andere als Spam, dazu sind sie zu schön formuliert. Manchmal wunderschön. Ich bekomme jedenfalls nicht oft Mails, in denen Dinge stehen wie: "Jürgen, zusammen können wir Geschichte schreiben"; "Zusammen können wir mehr schaffen, als nur eine Wahl zu gewinnen. Zusammen können wir dieses Land verändern, und wir können die Welt verändern"; "Dies ist unser Moment. Dies ist unsere Zeit, dem Land, das wir lieben, eine neue Richtung zu geben." Let’s go!

Zur Abwechslung schrieb mir vor einer Weile Al Gore, der mir acht Stunden im Voraus steckte, dass er Barack im Wahlkampf unterstützen werde. Al Gore hatte sich bekanntlich in seinem eigenen Wahlkampf – damals, in der Prä-W.-Ära, lang ist’s her – blamiert mit der Behauptung: "Ich half, das Internet zu erfinden." Barack hat das Internet tatsächlich neu erfunden – jedenfalls als Mittel der Politik.

"MySpace politics" nannte das US-Magazin The Atlantic Obamas Kampagne, erklärte sie zum "heißesten Start-up" des Jahres und ortete die eigentliche Quelle des Obama-Wunders im Silicon Valley. Bei den Netzwerk-Visionären dort war Obama von Anfang an besonders gut angekommen, alle seine vermeintlichen Nachteile gereichten ihm hier zum Vorteil: jung, unerfahren, mehr Ideen und Rhetorik als Geld? Hey, genau so hatten die Gründer von Google, YouTube und Facebook auch angefangen! Und so floss nicht nur jede Menge politisches Risikokapital in Obamas Wahlkampforganisation, sondern neben technischem Know-how auch eine neue Vorstellung davon, wie sich Menschenmassen auf scheinbar mühelose Art organisieren lassen – eben über soziale Netzwerke nach dem Muster von MySpace. Die Netzwerke verändern alles: den Geldfluss, den Wahlkampf, die Berichterstattung. Sie reduzieren den Abstand einzelner E-Mail-Empfänger zur großen Politik.

Dabei sind die massenhaft verschickten E-Mails noch der simpelste Teil der neuen Möglichkeiten. Eine Million Menschen haben sich auf Barack Obamas Homepage registrieren lassen. Sie ist vollgepackt mit interaktiven Formaten, über die sich seine Anhänger organisieren können. So haben inzwischen anderthalb Millionen Amerikaner für Obama gespendet, irgendeine Summe zwischen 25 Dollar und der neuen jährlichen Höchstgrenze von 2300 Dollar. Bei seinen Stadionauftritten ruft Barack die Leute dazu auf, ihre Handys hochzuhalten und fünf Ziffern einzugeben – schon werden ihre Telefonnummern der Obama-Zentrale übermittelt.

Diese Netzwerke sind das reale Gegenstück zu Obamas Rhetorik, insbesondere zu seinem oft deklarierten Ziel, massenhaft politikferne Wähler zu aktivieren und so eine Gegenmacht zu den Lobbybastionen in Washington aufzubauen. Seine gigantische E-Mail-Liste ist ein echter Machtfaktor. Wenn es so weitergeht, wird Obama dank seiner Onlinepräsenz auch anders regieren können. Seine Fans und seine Berater hoffen jedenfalls, dass er im Weißen Haus weniger Zeit mit Lobbyisten und anderen Geldgebern verbringen muss. Und dass er über Plattformen wie MySpace, Facebook, Twitter und iTunes (wo seine Reden kostenlos zu hören und zu sehen sind) dem Kongress Druck machen kann.

Noch ist an dieser MySpace-Politik einiges ungewohnt. Am letzten Juni-Wochenende war ich wie meine Mitadressaten aufgerufen, Nachbarn und Freunde zu einer privaten Wahlparty in mein Wohnzimmer einzuladen. Ich bekam ein hübsch gemachtes Agit-Video geschickt, zum Angucken und Diskutieren. Nun ja, wir hatten sowieso Besuch, darunter sogar zwei wahlberechtigte Amerikaner, und so erzählte ich ihnen von den Obama-Partys. Schon waren wir selbst eine. So gut kann Politik von unten sein. Aber auch nur – oder bin ich schon verblendet? –, wenn jemand wie Obama zur Wahl steht. Und die Vorfreude auf das Ende einer Ära so groß ist.

Bundesweite Kurt-Beck-Partys? Da hilft noch so viel MySpace nicht. Nächstes Jahr werden Angela Merkel und, sagen wir, Frank-Walter Steinmeier sicherlich auch viele Mails ans Wahlvolk schicken, und wer weiß, vielleicht wird die Kanzlerin uns eine tägliche SMS schicken. Amtsinhaberin und Herausforderer werden chatten, bloggen, vloggen und twittern. Die Euphorie dürfte sich trotzdem in Grenzen halten, denn es gibt keinen deutschen Politiker, der so viel Wärme ausstrahlt wie Obama. Der deutsche Politiker bleibt ja, Wahl hin, Wahl her, doch lieber auf Distanz.

Ist Obama so beliebt, weil er so vernetzt ist – oder so vernetzt, weil er so beliebt ist? Vielleicht beides. "Wie jedes Onlinephänomen hat Obama Grenzen übersprungen", schrieb die New York Times, "und dabei in Berlin so viel Wirbel gemacht wie zu Hause." Stimmt! Wenn der US-Präsident schon nicht von der Weltbevölkerung gewählt wird – angesichts seiner weltweiten Macht ja keine ganz abwegige Idee –, sind Baracks Mails nach Deutschland immerhin ein Schritt in Richtung Weltöffentlichkeit.

Diese Offenheit geht natürlich mit Kontrollverlust einher. Kaum hatte die schöne Schauspielerin Scarlett Johansson vor einigen Wochen eine – tatsächlich persönliche – Mail-Antwort von Barack Obama bekommen, wunderte sie sich in einem Interview darüber, dass er "für so etwas" Zeit habe. Und schon fantasierten die Tratsch-Blogs eine "E-Mail-Romanze" zwischen den beiden herbei. Dabei findet die wahre Romanze gerade woanders statt – millionenfach. Auf meinem Laptop hat die Obama-Ära längst begonnen.

 
Leser-Kommentare
    • Chi
    • 13.07.2008 um 10:52 Uhr

    Ich brauche keine Makrobefehle fürs ü eingeben und auch dann keinen cleveren, hellwachen Mitarbeiterstab, um Dir da zunächst mal herzlich zu dem tollen Kontakt zu gratulieren. Nein, im Ernst: So was muss doch genutzt werden!  Welche Experimente hast Du denn schon gemacht? Es wird doch wohl nicht lediglich bei diesem arg netten Artikel für uns bleiben, an dem wir uns ja herzlich erfreuen. Geh doch mal in die Offensive. Schreib Barack, dass Du ihn ernst nimmst, selbst literarisch!, und seine Aufforderung zum Gedichteschreiben Dir zur deutschen Dichterbrust genommen hast. Schreib ihm ein Hohes Lied (worauf, wird Dir schon einfallen. Das kann man vor Ort besser erfühlen!). Schreib ihm eine Sonette und schreibe dabei natürlich nur 7 metrisch gegliederte Verszeilen.... und zögere nicht, ihn tief zu motivieren, in den Rest der Sonette sein ganzes amerikanisches Herzblut zu legen!  Vielleicht auf die deutsch-amerikanische Freundschaft oder den gemeinsamen Kampf gegen das Böse... Sag ihm auf jeden Fall, dass wir Deutschen es sehr schätzen, wenn sich der Präsident persönlich - na ja, quasi fast persönlich - darum kümmert, dass wir ihn sehr mögen oder lieben werden. Das wird schon! Jedoch braucht es nun auch Deine Hilfe. Dass Du dies dann zuerst in Amerika ein bisschen übst,  ist gut für 2009. Man könnte kleine Fehler dann noch ausmerzen. Danach lege Dich dann  auch dichterisch für die Kanzlerin oder ihr Gegenspieler  ins Zeug! Ich finde, dass ist doch mal eine herzhaft wohltuende Art von neuem Journalismus. Das andere, das langweilig Kognitive, die ewig gleichen Argumente haben wir doch zu Hauf und zu Überdruss mögen uns nicht mehr dran langweilen. Hier tut sich die Chance zu einem neuen Journalismus auf, der die Herzen der Menschen neu erreicht, auch wenn es dabei so nebenbei um sehr politische und wirtschaftliche Ziele geht. Sind wir einfach mal nicht zimperlich! Wohlan!Jürgen -  Let's go! ...in aller Freundschaft(Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)  Deine Christa.... Lesen heißt durch fremde Hand träumen. (F.Pessoa)

  1. nicht von Obama erfunden, sondern von Howard Dean - dem einzigen US-Politiker, der 2003 wirklich gegen den Irakkrieg war und es trotzdem bis zum Bewerber fuer die demokratische Praesidentschaftskandidatur geschafft hat, eben dank seinem team und dessen offensiver Nutzung des Internets. (In irgendeinem mittelwestlichen Zwergstaat wurde er dann ausgebremst, verlor die Nerven und beschimpfte die anwesenden nicht-internet-vernetzten Bauern als "Bauern").

  2. liebe Leser und liebe Journalisten,
    an dieser Stelle möchte ich Euch bitten, dieses Interview zu lesen.
    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2008/05/interview-mit-webster-g-tarpley.html 
    Mich wundert, warum W.G. Tarpley im Zeit-Archiv nicht zu finden ist. Herr von Rutenberg, was sagen Sie dazu ?
    Seid gegrüßt
    wandris

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie tun mir herzlich leid, wenn sich diesen BS den der "bekannte Buchautor" da schreibt wirklich glauben... Es mag ja ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber man muss auch so etwas immer kritisch hinterfragen! Einfach so jemanden beschuldigen kann jeder...PS: Die Merkel ist in Wahrheit E.T. ! Das hat mich auch ein sehr glaubwürdiger Buchautor gesteckt!"Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

    Sie tun mir herzlich leid, wenn sich diesen BS den der "bekannte Buchautor" da schreibt wirklich glauben... Es mag ja ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber man muss auch so etwas immer kritisch hinterfragen! Einfach so jemanden beschuldigen kann jeder...PS: Die Merkel ist in Wahrheit E.T. ! Das hat mich auch ein sehr glaubwürdiger Buchautor gesteckt!"Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

  3. Senator Obama sieht jünger aus als er ist.  Bei seinem Amtsantritt wird Obama 47 sein, Johann Kennedy und Bill Clinton waren beide 46 bei ihrem Amtsantritt, frühere US-Präsidenten noch wesentlich jünger.

  4. Sie tun mir herzlich leid, wenn sich diesen BS den der "bekannte Buchautor" da schreibt wirklich glauben... Es mag ja ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken, aber man muss auch so etwas immer kritisch hinterfragen! Einfach so jemanden beschuldigen kann jeder...PS: Die Merkel ist in Wahrheit E.T. ! Das hat mich auch ein sehr glaubwürdiger Buchautor gesteckt!"Wir wollten uns geistig duellieren, aber du kamst ohne Waffen!"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer sagt, dass ich den BS für wahr halte ? Zugegeben, es riecht nach Verleumdung, insbesondere aufgrund des sehr positiven Abschneidens von H. Clinton, aber dennoch halte ich im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" eine derartige Perversion für nicht ausgeschlossen. Meine Absicht mit dem Link war, mehr über den Autor Tarpley zu erfahren.
    Sind solche Schlusszitate 5 Sterne wert?

    Wer sagt, dass ich den BS für wahr halte ? Zugegeben, es riecht nach Verleumdung, insbesondere aufgrund des sehr positiven Abschneidens von H. Clinton, aber dennoch halte ich im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" eine derartige Perversion für nicht ausgeschlossen. Meine Absicht mit dem Link war, mehr über den Autor Tarpley zu erfahren.
    Sind solche Schlusszitate 5 Sterne wert?

    • Chi
    • 13.07.2008 um 17:51 Uhr

     
    Das war keine Kritik, aus kein Sarkasmu, sondern das war eine kleine Inspiration. Sorry, wenn sie etwas humorvoll ausgefallen ist. Mir gefiel der Artikel wirklich gut! Ich hatte halt Lust, da noch ein paar Gedanken weiterzuspinnen, die durch den Autor in mir verlebendigt wurde.
    Lesen heißt durch fremde Hand träumen. (F.Pessoa)

  5. Wer sagt, dass ich den BS für wahr halte ? Zugegeben, es riecht nach Verleumdung, insbesondere aufgrund des sehr positiven Abschneidens von H. Clinton, aber dennoch halte ich im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" eine derartige Perversion für nicht ausgeschlossen. Meine Absicht mit dem Link war, mehr über den Autor Tarpley zu erfahren.
    Sind solche Schlusszitate 5 Sterne wert?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service