Bei Biologen sind Seezunge, Scholle und Steinbutt weit weniger beliebt als bei Gourmets. Denn seit Darwins Zeiten sorgen die schmackhaften Plattfische für heftige Debatten unter den Evolutionsforschern; ihren Gegnern dienten sie gar als willkommenes Argument gegen die Gültigkeit von Darwins Theorie. Der Grund ist ihr asymmetrischer Körperbau: Die Tiere schwimmen nicht wie andere Fische in Bauchlage, sondern schweben mit ihrem abgeflachten Körper seitwärts über den Boden. Und beide Augen sitzen bei ihnen auf derselben Seite des Kopfes, sodass sie ihr räumliches Sehvermögen behalten.

Die Erklärung, wie die Evolution dieses Kunststück fertiggebracht hat, fällt den Forschern bis heute schwer. Die Asymmetrie der Plattfische sei eine der »außergewöhnlichsten anatomischen Spezialisierungen unter den Wirbeltieren«, schreibt der amerikanische Biologe Matt Friedman jetzt im Fachblatt Nature – und füllt mit seinem Artikel endlich eine Lücke in der Evolutionsgeschichte: Er präsentiert ein bizarres Fossil; der Fund belegt, dass ein Auge des Fisches allmählich von einer Seite des Schädels auf die andere Seite gewandert ist.

Der Diplomand an der University of Chicago hatte eine ganze Reihe vergessener Fischfossilien in Naturkundemuseen in England, Frankreich, Italien und Österreich wiederentdeckt, die vor allem aus Kalksteinbrüchen in Italien stammen. Bei der Untersuchung der rund 50 Millionen Jahre alten Fundstücke – unter anderem mit der Computertomografie – machte Friedman eine erstaunliche Entdeckung: Unter den Fossilien befanden sich die Überreste zweier längst ausgestorbener früher Plattfischarten. Beide waren Zwischenformen, auf halbem Weg zu heutigen Nachfahren wie Flunder und Butt. Diese primitiven Vertreter besaßen nicht nur einige Merkmale, die heutige Plattfische nicht mehr aufweisen.

Friedmans Analysen ergaben auch, dass vor allem eines ihrer Augen bereits deutlich in Richtung Scheitel verschoben war. »Wir haben hier ein Übergangsstadium vom normalen Fisch zu den heutigen Plattfischen«, sagt Friedman, »die Evolution der extremen Asymmetrie des Schädels war ein langsamer gradueller Prozess.«

Bei normalen Fischen (vorderes Exemplar) liegen die Augen auf beiden Seiten des Kopfes. Beim Fast-Plattfisch (hinten, rekonstruiert nach Fossilienfunden) ist eines davon schon fast bis zum Scheitel gewandert. Heutige Plattfische tragen beide Augen auf einer Seite. Beim Heranreifen von Plattfischen spielt sich dieses Kapitel der Evolution gleichsam im Zeitraffer ab. Die Larven der Fische haben noch einen normalen symmetrischen Körperbau, und ihre Augen liegen wie bei allen anderen Fischen an der linken und rechten Seite im Schädel. Erst mit der Metamorphose zu Jungfischen beginnt die spektakuläre Wanderung eines Auges zur gegenüberliegenden Seite.

Friedmans Entdeckung urzeitlicher Fast-Plattfische könnte nun einen beinahe 150 Jahre währenden Disput beenden. Schon Darwin nämlich hatte seine Not, den Evolutionszweiflern zu erklären, wie die Plattfische denn plötzlich aufgetaucht sein könnten. Bis jetzt waren nie Übergangsstadien im Fossilbestand entdeckt worden.

Um solche plötzlichen Neuschöpfungen der Natur zu erklären, hatte der deutsch-amerikanische Evolutionsbiologe Richard Goldschmidt in den dreißiger Jahren die These aufgestellt, große Veränderungen im Erbgut, sogenannte Makromutationen, könnten manchmal evolutionäre Sprünge bei Arten auslösen und auf einen Schlag » hopeful monsters «, drastisch veränderte neue Wesen, entstehen lassen. Goldschmidts Kollegen schätzten diese Idee nicht besonders. Allerdings konnten auch sie den evolutionären Weg der Plattfische nicht recht nachzeichnen.

Erst jetzt zeigt Friedmans Entdeckung: Auch das nur teilweise gewanderte Auge muss für die Urplattfische vor 50 Millionen Jahren schon einen Selektionsvorteil besessen haben. Und: Die Evolution vollzieht sich tatsächlich in kleinen Schritten.