Heute keine Engländer dabei. Nur ein paar Spanier, Franzosen, Dänen. Es ist kurz nach 18 Uhr, am vergangenen Samstag, als Frank Büter seinen Bus in Richtung Lübeck-Flughafen steuert. Es ist ruhiger geworden auf den Plätzen hinter ihm, seitdem auch die billigen Flugtickets wieder teurer werden. Büter sagt: "Jetzt nimmt man den kleinen Leuten auch noch das letzte bisschen weg, den Urlaub. Da müsste die Regierung was tun." Der Fahrer sieht im Billigfliegen einen Fortschritt. Das Gefühl der Freiheit – auch für die Normalos, wie er sagt. Er fährt die Strecke vom Hamburger Hauptbahnhof nach Lübeck, seit Ryanair von dort fliegt.

Man sitzt in Büters Bus, um herauszufinden: Was ist das für eine Kultur, die durch den hohen Ölpreis bedroht ist? Deshalb hat man gebucht: Ryanair-Flug FR 9005, von Hamburg nach Barcelona. Was natürlich in Wahrheit heißt: von Lübeck nach Girona. Girona ist 90 Kilometer von Barcelona entfernt.

Vor zehn Jahren war Lübeck ein verlassener Flughafen, den man über Feldwege erreichen musste. Inzwischen hat der Airport einen eigenen Autobahnanschluss und einen Flughafen-Bahnhof.

Daniela Wolf brät seit fast zehn Jahren ihre Würstchen vor der Abfertigungshalle. Da gibt es jetzt sechs Gates, die Autovermietungen Sixt und Hertz haben schicke Büros eröffnet, die neue Airport-Lounge, "powered by Möbel Kraft", versammelt zehn Ledersessel unter einem Ventilator. Früher sei hier alles tot gewesen, sagt Daniela Wolf. Inzwischen hat sie 20 Angestellte. Sollte das Billigfliegen für viele zu teuer werden – daran will sie gar nicht denken. Es ist ein unsichtbares Band, das Frank Büter, den Busfahrer, Daniela Wolf, die Würstchenbraterin, und die geschätzten 500 Angestellten des Flughafens verbindet mit den Passagieren von Ryanair, die sich nun hektisch in die Check-in-Schlange einreihen.

Es sind Pendler wie die 30-jährige Ioana Alexander, die in Hamburg ihren Studienabschluss macht und demnächst nach Barcelona zieht. Bestimmt 20 Mal ist sie die Strecke inzwischen geflogen. Da sind die Abiturienten, die in ihren Abi-2008-T-Shirts lärmend durch die Halle ziehen. Sie wollen für eine Woche nach Lloret de Mar, 300 Euro, alles inklusive. Nonstop-Saufen, vielleicht ein Tagesausflug nach Barcelona. Hätte die Suchmaschine nicht Girona als billigstes Angebot ausgespuckt, dann wären sie eben nach Kattowitz geflogen oder Pisa.

Ryanair hat Orte auf die touristische Landkarte gebracht, deren Namen an Atomkraftwerk-Standorte erinnern: Arad, Oulu und Szczecin, Frankfurt-Hahn und Düsseldorf-Weeze. Ryanair ist die Königin der Low-Cost-Airlines, und weil sie sich selbst die Sitzplatzverteilung spart, ist Fliegen mit ihr darwinistischer als Bahnfahren.

Karl Platz war heute der Schnellste. Platz, 81 Jahre alt, ein Rentner aus Hamburg-Brahmfeld, steht ganz vorn am Absperrband, das die drängenden Passagiere zurückhält. Er trägt Polohemd und Jeans, die Zähne vollverblendet. Er sieht zehn Jahre jünger aus, seine Freunde nennen ihn Charly, über seiner Schulter hängt ein Rucksack. 60 Euro hat er für den Flug bezahlt. Er hat im Internet gebucht, so früh wie möglich. Seit 35 Jahren hat er eine Wohnung an der Costa Brava. Vor 50 Jahren ist er zum ersten Mal mit dem Wohnwagen nach Spanien runter, später mit dem BMW-Zwölfzylinder, die 1600 Kilometer hat er manchmal am Stück gemacht. In seiner Glanzzeit hatte er sechs Frisiersalons, heute noch einen. Er hat mal in der NKL gewonnen. Er hätte es nicht nötig, billig zu fliegen, aber Sparen muss sein.