Musikfestival Tönende Vinylschau
Gefeiert wird das Absehbare: Wie das Festival Jazz Baltica im holsteinischen Salzau den Jazz zur neuen Klassik des 20. Jahrhunderts erhebt
Das saftige Grün in Salzau riecht verführerisch. Fast könnte man inmitten der Schlossanlage, der Weiher, Wein- und Wurststände, der lauen Winde und gepflegten Atmosphäre die Musik vergessen. Und doch wehen von den Konzertscheunen in wohltemperierten Abständen Bruchstücke vom Broadway Blues herüber, Klaviergirlanden einer Ballade oder Gitarrenfetzen eines Standards erinnern daran, dass mit rund zwanzig Konzerten an drei Tagen die 18-jährige Geschichte der Jazz Baltica musikkulinarisch nicht zu überhören ist.
So weit das Wohlgefühl. »On Sax« war das Festival diesmal überschrieben, und man konnte die Saxofonisten kaum zählen, von Joe Lovano, dem artist in residence, über den Inder Rudresh Mahanthappa und die junge Grace Kelly bis zum Idol des freien Jazz, Ornette Coleman. »Von – bis« klingt wie ein Lockruf und wurde zunehmend zum Warnsignal. Der Saxofonist – das ist die Insignie des Jazz. Als Bluessänger des Jazz stand er einmal an der Straßenecke und auf den Bühnen der Tanzsäle, wortlos musste er den Gefühlen einen Ton geben. Da gab es den harschen, den schmeichelnden, den kühlen und den sentimentalen Saxofonsänger, den eleganten und den aufpeitschenden und auch den fordernden, der sich nicht ums Publikum scherte, der spielte, was er hörte. Zahlt, wenn’s euch gefällt. Wenn nicht, auch egal.
Es gibt sie noch immer, und doch müssen sie sich inzwischen wieder anstellen. Erster Solist, beiseitetreten, zweiter Solist, beiseitetreten, dritter Solist, beiseitetreten, viertes Solo, endlos, wäre da mehr Platz für mehr Mikrofone gewesen, hätte es auch für acht Saxofonisten in einem Konzert gereicht. In der Warteschlange. Bitte ziehen Sie eine Nummer! Dahinter, wie gewohnt, die sogenannte Rhythmusgruppe, im Laufe der Standards ein paar Soli für den Pianisten, eins für den Bassisten und zu guter Letzt auch für den Schlagzeuger, denn so viel Zeit muss sein. Die Rückkehr der Vergangenheit ist zum Programm geworden, gefeiert wird das Absehbare. Und so tauchen auch die alten Fragen auf, die fast vergessen waren: Warum zieht eine Musik, die sich als Ausdruck der individuellen Freiheit versteht, so enge Grenzen, wählt eine Musik, die auf Improvisation stolz ist, so starre Formen?
Schlendert man durch die angeschlossene Ausstellung mit einer Geschichte der Schallplatte und des modernen Jazz – Long Play, öffnen sich die Augen: Das Festival ist die tönende Vinylschau. Schwerpunkt diesmal die unzerstörbare Jamsession-Kultur der fünfziger Jahre mit ihren Höhepunkten in den Jazz at the Philharmonic-Konzerten, Sammelbecken großer Namen, Publikumsmagnet unter dem Vorzeichen der musikalischen Exklusivität, Garant für volle Häuser. Die Fragezeichen sind inzwischen nicht weniger geworden. Warum setzt da nicht mal einer aus, hört das Stück nicht nach dem Solo auf? Dürfen es immer zwölf Takte sein, und muss das arme Thema noch mal kommen? So schablonenhaft ist diese Musik geworden, dass nicht einmal die Improvisationen überraschen. Rauf und runter perlen die Akkorde, orgelt Modales und Quietschiges, gefeiert werden vor allem die Parameter Ausdauer und Geschwindigkeit, altbekannte Zutaten für Ekstase. Das obligatorische Klatschen nach den Soli gilt dann als beides: Benotung und Bestätigung der Zugehörigkeit. Ich bin Jazzfan, also klatsche ich.
So sind es die unerwarteten Momente, die dem Jazz seine Qualität zurückgeben – Ton und Leben. Unabhängig von Oldies und Newcomers; mit Alter und Jugend hat das nichts zu tun. Jener Moment beispielsweise, wenn der »alte« Lee Konitz mit einem Trio über einen Standard improvisiert, ohne sich von den üblichen Harmoniewechseln in ausgefahrene Gleise drängen zu lassen, und nur auf seiner linearen Wellenlänge denkt. Wenn die »junge«, 1992 in Massachusetts geborene Saxofonistin Grace Chung alias Grace Kelly Smile von Charlie Chaplin mit einer Phrasierung singt, dass einem die Tränen hochsteigen. Wenn Lee Konitz die vorletzte Note seiner Melodie sucht und nicht zu finden scheint, er aufblickt, den Mund verblüfft öffnet, den Ton dann krächzend singt, wahrlich singt, um danach den Schlusspunkt wieder zu spielen. Wenn der Tenorsaxofonist Scott Robinson aus New Jersey mitten in der hektischsten Saxofon-Battle sein Solo auf dem Nullpunkt beginnt, ganz still, verhaucht, nur vom Bass begleitet, das Tempo ignoriert, um dann im luftleeren Raum seinen Ton aufsteigen zu lassen. Oder jener Moment, wenn My Funny Valentine, vom 90-jährigen Pianisten Hank Jones gespielt, durch die geöffneten Fenster der kleinen Scheune weht, sich mit dem Vogelzwitschern mischt, fernem Hundegebell und dem nahen Summen eines vorbeifahrenden BMW.
- Datum 09.07.2008 - 17:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.07.2008 Nr. 29
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