Jetzt dürfen wir unsere Ehre verspielen und uns trotzdem als Gewinner fühlen. Selbst wenn das Dresdner Elbtal von der Liste des Welterbes gestrichen wird, hat Deutschland am Ende keinen Titel weniger. Denn soeben erklärte die Unesco sechs Berliner Wohnsiedlungen der Klassischen Moderne zum 33. Welterbe der Bundesrepublik. So geht höhere kulturpolitische Mathematik: 32 plusminus eins macht 32. Als hätte Deutschland sein Glück schon geahnt, nahm es letzte Woche scheinheilig lächelnd das Ultimatum der Weltorganisation zur Waldschlösschenbrücke entgegen. Während Angela Merkel die Unesco-Forderung nach einem Tunnel "begrüßte" und der Bundesverkehrsminister zusätzliches Geld zum Erhalt des Welterbes "anbot", berserkerten die Baufirmen munter weiter im Naturschutzgebiet. Nie wirkte Diplomatie verlogener. Warum rügte die Kanzlerin das Land Sachsen nicht? Warum forderte Wolfgang Tiefensee keinen Baustopp? Es gibt für die Feigheit der Berliner Regierenden nur einen plausiblen Grund: dass sie einverstanden sind mit den Provinzfürsten. Die fantasieren längst von Hotels am Loschwitzer Elbhang, vom Abriss des Blauen Wunders und einem Containerhafen beim Schloss Übigau… Kürzlich erst hat der Freistaat sich gegen ein Unesco-Siegel für die Sächsisch-Böhmische Schweiz verwahrt, anders als die Tschechen. Das ist der neue deutsche Sonderweg. Wenn die Kanzlerin nicht interveniert, werden weitere Baufanatiker ihn gehen. Evelyn Finge R