Der Widerstand gegen Hitler ist auf einem guten Weg. Viele Deutsche haben sich ihm, gemäß einer Beobachtung des famosen Komikers Uli Keuler, schon in den 1950er Jahren angeschlossen, und seine Erfolgsgeschichte geht immer weiter. Im vergangenen Jahr hat der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck dem deutschen Volk mitgeteilt, Tom Cruise, "der größte Star der Siegernation", werde den Widerstandskämpfer Graf Stauffenberg darstellen und sein "Superstar-Licht" auf unsere Geschichte fallen lassen. Das werde das Ansehen Deutschlands mehr befördern, "als es zehn Fußballweltmeisterschaften hätten tun können".

Nun hat ein Berliner der Geschichte des Widerstandes ein Kapitel hinzugefügt, welches in seiner Bedeutung doch mindestens einem WM-Achtelfinale gleichzusetzen ist. Frank L., ein ehemaliger Polizist, hat in der soeben eröffneten Berliner Filiale des weltumspannenden Wachsfigurenimperiums der Madame Tussaud einem sitzenden Hitler aus Wachs nach beherztem Sprung über dessen Schreibtisch den Kopf abgerissen.

Es gibt in der deutschen Kultur vor allem zwei Wege, mit Hitler umzugehen, die Hitler-Einfühlung und die Hitler-Austreibung, und Frank L. hat sich sofort für den richtigen entschieden. Die Einfühlung ist ein Holzweg und erfüllt sich in Filmen wie Der Untergang oder in der Hitler-Tagebuch-Aktion des Magazins stern. Die Hitler-Einfühlung will die Bestie zum Reden bringen, selbst wenn sie am Ende mit der Stimme eines Schweizers (Bruno Ganz) oder eines Sachsen (Konrad Kujau) spricht. So geht das nicht. Man sollte, im Gegenteil, jedem Deutschen die Chance geben, die Frank L. nutzte: allein vor dem Tyrannen zu stehen und ihm mit einem parodierten Gruß, der sich als Haken entpuppt, das Haupt abzuschlagen.

Denn das Wesen aller Wachsfigurenkunst und auch aller Geschichtsforschung ist der symbolische Sieg der Kleinen über die großen Bösen: Madame Tussauds Karriere begann damit, dass sie von den Toten der Französischen Revolution – Ludwig XVI., Marie Antoinette, Danton – Masken anfertigte; sie gab so den Franzosen das Hochgefühl, jene überlebt zu haben, von denen sie beherrscht worden waren. Dieser Effekt hat sich erhalten: Der Besucher des Wachsfigurenkabinetts steht vor starren, toten Unsterblichen, und er ist ihnen an Grazie und Witz überlegen.

Auch Frank L. hat diese Überlegenheit empfunden. Und er hat den Grüßreflex, von dem die Deutschen unter Hitler geritten wurden, zu einem Befreiungsschlag ausgebaut. Herr L. lebe hoch!

Jedoch, die Freude ist von kurzer Dauer. Der kaputte Hitler wurde in höchster Eile, als sei er ein bedeutender, schwerkranker Patient, nach England (!) ausgeflogen; soeben wird er in den Londoner Studios der Madame Tussaud behutsam repariert, und rasch, ganz rasch soll er nach Berlin zurückkehren. Das Ausland! Es erträgt uns Deutsche nicht, jedenfalls nicht ohne Hitler. Peter Kümmel