Natürlich war der Prozess gegen Serkan A. und Spyridon L. kein Strafverfahren wie jedes andere: Die Verhandlung gegen die beiden jungen Männer, die kurz vor Weihnachten in München einen Rentner beinahe zu Tode geprügelt haben, war, keine Frage, ein politischer Prozess. Politisch insofern, als die Tat selbst, in all ihrer Brutalität von einer Videokamera aufgezeichnet, die Republik erschüttert hat. Sie löste eine Debatte über die Kriminalität junger Ausländer aus, in der Hysterie und Demagogie wild durcheinandergingen. Unvermeidlich politisch aber auch deshalb, weil die Verhandlung vor dem Landgericht München unter gieriger Beobachtung der Medien stand und weil jede Entscheidung des Gerichts notwendig politisch interpretiert werden würde: ein mildes Urteil als Bestätigung des Vorurteils, deutsche Jugendgerichte seien Nachwuchskriminellen gegenüber zu lax, eine harte Strafe als Resultat einer medialen Kampagne.

Es wäre naiv, zu glauben, ein solches Umfeld lasse ein Strafgericht unberührt. Aber es wäre auch weltfremd, anzunehmen, publizistisches Interesse und politischer Druck mache die Juristen zu Marionetten des Boulevards. Die Öffentlichkeit des Strafprozesses gehört zu dessen Wesenskern, und Zweck jeder Strafe ist es ja nicht zuletzt, dass sie von der Allgemeinheit registriert wird, zur Abschreckung möglicher Nachahmer und zur Wiederherstellung des sozialen Friedens.

Am Dienstagmittag hat die Jugendkammer des Landgerichts München nun ihr Urteil gesprochen. Der 21 Jahre alte Türke Serkan A. wurde zu zwölf Jahren Haft, der 18-jährige Grieche Spyridon L. zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Das sind harte Strafen. Sie liegen am obersten Rand dessen, was zu erwarten war, und erfüllen weitgehend die Forderungen der Staatsanwaltschaft. Wo immer sich das Gericht zwischen Milde und Strenge zu entscheiden hatte, an allen wichtigen juristischen Weggabelungen, befanden die Richter gegen die Angeklagten: Ihnen wurde keine verminderte Schuldfähigkeit, sondern volle Einsicht in ihre Taten attestiert; ihre Behauptung, sie seien betrunken gewesen, wurde ebenso abgeschmettert wie ein Beweisantrag der Verteidigung in letzter Sekunde, der dem 76-jährigen Opfer ausländerfeindliche Äußerungen nachweisen sollte. Serkan A., zur Tatzeit zwanzig Jahre alt, wurde wie ein Erwachsener bestraft, nicht wie ein Jugendlicher, was im Ermessen des Gerichts gestanden hätte; und verurteilt wurden die beiden geständigen Angeklagten schließlich nicht wegen schwerer Körperverletzung, wie die Verteidigung gefordert hatte, sondern wegen versuchten Mordes.

Jede dieser Entscheidungen ist nachvollziehbar. In der Summe aber haben sie unweigerlich Signalwirkung: Die monströse Tat der beiden Schläger, die ihrem wehrlosen Opfer mit Anlauf gegen den Schädel traten, wird schnell und schwer bestraft. Den Bildern aus der U-Bahn-Unterführung, die kollektiven Ängsten eine schockierende Gestalt gaben, sollte rasch ein entschiedenes Urteil entgegengesetzt werden. Auch dieser "kurze Prozess" vermittelt selbstredend eine politische Botschaft. Sie lautet: Strengere Gesetze und härtere Strafen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität sind überflüssig. An Instrumenten herrscht kein Mangel. Ein Gericht muss sich nur dazu entschließen, sie einzusetzen.

Das Gericht in München hat das getan. Es hat nicht von den Tätern her gedacht, sondern vom Opfer. Das ist im Falle von Serkan A., dem die Gutachter eine "weitgehend gefestigte dissoziale Persönlichkeit" bescheinigten, die eine Anwendung des Jugendstrafrechts ausschloss, nur konsequent; bei Spyridon hingegen, der als Jugendlicher verurteilt wurde, ist die harte Gangart problematisch: Denn dort muss zwingend der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehen.

Es gehört aber zu den schockierenden – und gleichfalls hochpolitischen – Erkenntnissen des Prozesses, dass die beiden Täter erzieherisch kaum mehr erreichbar sind. Aufgewachsen in entwurzelten, lieblosen Verhältnissen, bestialisch von ihren Vätern geprügelt, prallten alle pädagogischen Versuche, alle sozialtherapeutischen Maßnahmen, alle Entziehungskuren, alle Bewährungsstrafen an den Jungen ab. Auf beklemmende Weise waren sich die Prozessbeobachter einig, dass es für die Täter von Vorteil gewesen wäre, wenn die mit ihnen befassten Behörden früher härter durchgegriffen hätten. Sei es, dass den Eltern das Sorgerecht hätte entzogen werden sollen, sei es, dass ein Richter noch kurz vor dem Überfall in der U-Bahn den Vollzug einer anderen Strafe trotz schwerer Bedenken ausgesetzt hatte. Nun hat das Landgericht München Härte demonstriert. Das Versäumte zweier ruinierter Leben lässt sich damit nicht nachholen. Natürlich nicht.