Wieder darüber reden. Immer muss sie darüber reden. Über das Thema. Es hat sich an ihren Namen geheftet und gibt ihn nun nicht mehr frei. Wenn sie Glück hat, gönnt es ihr vielleicht diesen einen Tag Ruhe. Sie weiß, es wäre nur ein Aufschub.

Als Waris Dirie aus dem Flugzeug steigt, ist es später Morgen in Dschibuti, einem winzigen muslimischen Land am Horn von Afrika, auf dem Rollfeld warten schon ein paar Männer, die mit ihren Handys herumfuchteln. Die Männer wollen sie, das Nomadenmädchen, das einst aus dem Nachbarland Somalia floh und später im Westen als Model und Autorin ein Star wurde, zum Präsidenten begleiten. Waris Dirie ist das erste Mal nach zehn Jahren wieder nah ihrer alten Heimat, und ihr Besuch ist eine Staatsangelegenheit.

Sie versucht, ihre Mundwinkel zu heben, denn sie ist nicht besonders gut gelaunt. Sie hat nicht viel geschlafen im Flugzeug, sich ein wenig abseits von ihrem Manager und ihrer Assistentin gehalten und ihre braune Schirmmütze tief in die Stirn gezogen. Bis kurz vor dem Abflug war nicht klar, ob sie überhaupt reisen würde. Wenn die Gefahr besteht, dass sie öffentlich über das Thema reden muss, erwägt Waris Dirie die Flucht. Vielleicht war das auch einer der Gründe für ihr Verschwinden in Brüssel vor vier Monaten, als sie einen gemeinsamen Auftritt mit Condoleezza Rice verpasste und erst drei Tage später wieder erschien. Die Öffentlichkeit im Westen reagierte irritiert. Viele fragten sich vielleicht zum ersten Mal, wer diese schöne schwarze Frau wirklich ist, deren Gesicht sie aus Zeitschriften kennen und deren Bücher sie lesen.

Eine Stunde später steht Waris Dirie in einem kleinen Saal der Präsidentenresidenz, die Vorhänge sind zugezogen. Der Präsident, der Premierminister und fast das ganze Kabinett empfangen Dirie. Der Präsident lässt sich auf einem goldenen Stuhl nieder, Dirie setzt sich neben ihn, er tätschelt ihren Arm. Später wird sie sagen, er habe auf Somali mit ihr geflirtet. Auf Englisch fragt er: "Wo wohnst du jetzt?" – "In Österreich", sagt sie. Ratlose Gesichter. "Mozart", schiebt sie hinterher. "Ah yes", sagt der Präsident. "Mozart wurde dort geboren." Alle im Saal nicken. Der Präsident: "Wie lange bleibst du hier?" – "Drei Tage. Bis ihr mich rausschmeißt", sagt sie. "Du kannst bleiben, hier ist dein Zuhause. Du repräsentierst uns Afrikaner in der ganzen Welt!" Dirie stöhnt kurz auf. Da ist es – das Thema. Selbst wenn der Präsident es ganz sicher nicht im Sinn hatte und nur ihre Prominenz anerkennen wollte, ist da immer etwas, das sie daran erinnert. Das, woran man im Westen denkt, wenn der Name Waris Dirie fällt, würde der Präsident nie ansprechen. Es wäre gegen die Tradition.

Diries Buch Wüstenblume, ihr Leben, das sich elf Millionen Mal verkauft hat, wird gerade in Dschibuti von einem deutschen Team verfilmt. Wegen Waris Dirie haben Hunderte Komparsen, Fahrer, Übersetzer in Dschibuti Arbeit für ein paar Wochen. Am Ende des Gesprächs bietet der Präsident ihr seine Jacht an, zum Schnorcheln am Wochenende.

Waris Dirie fährt ins Kempinski-Hotel, die Straßen sind staubig, der Wind treibt Plastikmüll vor sich her. Im Hotelpool trinken französische und amerikanische Soldaten mit ihren Frauen Cocktails. Dschibuti ist einer der amerikanischen Hauptstützpunkte in Afrika im "Kampf gegen den internationalen Terrorismus". Dirie setzt sich an den Beckenrand, sie hat diesen Blick wie im Flugzeug, nach innen gerichtet, mit dem sie ihre Umwelt auf Distanz hält. Sie will nicht mehr reden an diesem Tag, vielleicht auch nicht am nächsten und am übernächsten, so genau weiß man das nie.

Ihr Manager sagt, sie habe sich auf diese Reise gefreut. So wie man sich eben auf etwas freut, das man als Kind einmal gekannt hat und wonach man sich seitdem sehnt. Als sie etwa zwölf war, wollte ihr Vater sie in der somalischen Wüste mit einem älteren Mann verheiraten, sie floh. Sie weiß nicht genau, wie alt sie damals war, sie weiß auch nicht, wie alt sie jetzt ist, so Anfang 40, schätzt sie. Nomaden notieren selten Geburtstermine. Sie hat sehr jung ihr Land, ihre Wüste, ihre Familie verlassen und ist fern der Heimat bekannt geworden. Nun sitzt sie im Kempinski, und die Kellner, deren Sprache sie spricht, starren sie an.

Am nächsten Morgen, einem Freitag, ist es schon sehr heiß, als Waris Dirie am Filmset auf dem Marktplatz von Dschibuti City erscheint. Sie trägt ein weißes Trägerhemdchen, ihre Brüste zeichnen sich unter dem Stoff ab. Die Frauen, für ihren Komparsenauftritt in lange Gewänder gehüllt, filmen Diries Ankunft mit Handys, strecken die Hände nach ihr aus, wollen sie berühren. Dirie scheint fröhlich, lacht, umarmt und küsst sie. "Wir haben Jahre auf dich gewartet, und jetzt kommst du halb nackt", sagen die Frauen zu ihr. Waris Dirie kichert, kurz darauf borgt sie sich einen orangefarbenen Schal, bedeckt ihre Schultern. Später wird sie sagen, dass sie sich in der Nacht zuvor sehr genau überlegt hat, wie sie sich kleiden würde. Es wirkt fast wie ein Spiel: Sie provoziert, es folgt die Reaktion, und sie zieht sich wieder ein Stück zurück.

Die Frauen auf dem Markt kennen ihre Fotos aus dem Westen nicht: die aus dem Pirelli-Kalender, für die sie oben ohne posierte, und auch nicht die Werbekampagnen, in denen sie sich ganz nackt zeigte. Erst an diesem Ort, neben diesen Frauen wird klar, wie tief Diries Bruch mit ihrem alten Leben, den alten Traditionen reicht. Und was er von ihr gefordert haben muss. Bisher wurde das Thema noch gar nicht erwähnt. Aber es ist da, eilt ihr voraus, umgibt sie ständig. Selbst wenn nicht viele Menschen auf diesem Markt Wüstenblume gelesen haben, haben sie doch davon gehört, oder jemand hat ihnen den Inhalt erzählt.

Dirie stellt sich an eine Ecke des Platzes. Sie sieht sich selbst als Zwölfjährige in einem zerrissenen Kleid mit blutverschmiertem Gesicht über den Markt laufen. Suraya, die junge Darstellerin aus Dschibuti, sieht ihr tatsächlich ähnlich. Gerade wird die Szene gedreht, in der Dirie nach tagelanger Flucht vor ihrem Vater durch die Wüste und mehreren Fastvergewaltigungen erschöpft in Mogadischu anlangt. Einer der einheimischen Übersetzer beobachtet Dirie von der Seite. Er kennt das Buch, sagt: "Über Vergewaltigung zu reden ist in unserer Kultur tabu." Das Thema, um das es eigentlich geht, erwähnt auch er nicht. "Sie tut mir leid", sagt er noch. Wie fühlt sich ein Leben an, in dem einen die anderen immer als Opfer sehen?

In Wüstenblume beschreibt Dirie, wie eine Zigeunerin ihr als Fünfjähriger in der Wüste mit einer zerbrochenen Rasierklinge die Klitoris und die Schamlippen entfernt und danach das Geschlecht bis auf eine kleine Öffnung zum Urinieren zunäht. Dirie wäre fast gestorben. Noch jetzt hat sie Schmerzen, ihr Sexualleben ist für immer zerstört. Bis heute werden täglich etwa 6000 Mädchen weltweit beschnitten. Wenn sie sich dem 4000 Jahre alten Ritual verweigern, gelten sie in ihrer Gemeinschaft als unrein und Hure, die keinen Mann finden wird. Nach dem Erscheinen von Wüstenblume 1998 wurde das Thema, wurde der Kampf gegen Genitalverstümmelung Diries Mission.

Waris Dirie teilt ihr Schicksal mit den meisten älteren Frauen auf dem Marktplatz, aber es trennt sie auch von ihnen. Diries Reise ist eine Reise im Zwiespalt, eine Reise zwischen Verehrung und Ablehnung. Und nicht immer ist ganz klar, was überwiegt: Viele in Dschibuti suchen Diries Nähe, fühlen sich geehrt, dass eine so bekannte Frau ihr Land besucht, dass eine von ihnen es so weit geschafft hat. Sie bewundern ihren Erfolg. Auf der anderen Seite steht der Grund für ihre Prominenz. Die Dschibutier spüren, dass sich Waris Dirie, die Frau in dem Trägerhemdchen, die inzwischen besser Englisch als Somali kann, weit von ihnen entfernt hat. Sie hat sich getraut, fast alle Tabus ihrer Kultur zu brechen: Erst lehnte sie sich gegen ihren Vater auf und ging fort, dann stellte sie als Model ihren Körper zur Schau, und schließlich redete sie laut über das Unaussprechliche, im Westen.

Waris Dirie steht noch immer an der Ecke des Platzes, reglos sieht sie ihrem früheren Leben zu. Sie sagt, sie habe Flashbacks, Rückerinnerungen, bei den Dreharbeiten, als sei sie in einem bizarren Zeitloch gefangen. Von Mogadischu ist sie damals in den Achtzigern nach London zu einem Onkel geflohen, der dort als Botschafter arbeitete. Sie konnte nicht lesen, nicht schreiben, kein Englisch, und ihre Verwandten behandelten sie wie eine Art Haussklavin. Plötzlich lacht Dirie wieder laut mit ein paar Frauen auf dem Markt. Im nächsten Augenblick vermisst sie ihre Sonnenbrille und beschäftigt mindestens zehn Menschen damit, sie wiederzufinden. Diese Stimmungsumschwünge sind es, die einen manchmal ratlos machen – eben noch herzlich und fröhlich scherzend, gibt sie bald darauf die unnahbare Diva, die erwartet, dass sich alle nach ihrer Laune richten.

Zurück auf der Terrasse des Kempinski-Hotels, rückt sie ihren Stuhl so, dass sie in der vollen Mittagssonne sitzt. "Glauben Sie, Schwarze werden nicht braun?", fragt sie. Sie hatte gesagt, sie wolle jetzt reden. Aber womit soll man beginnen: mit Brüssel, mit ihren Genitalien? In gewisser Weise ist ihr Geschlecht ein Körperteil des öffentlichen Interesses geworden. Andererseits ist das Reden darüber eine Qual. Auch über ihr Verschwinden in Brüssel mag sie nicht erzählen. Vielleicht ist Heimat ein Anfang?

Dirie hat einen elfjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung. Er lebt beim Vater in den USA, sie sieht ihn in den Ferien. Eigentlich wollte sie ihn und ihre Mutter in Dschibuti treffen, sagt sie. Es ist nichts daraus geworden, sie hätte zu wenig Zeit für sie gehabt. Ihre Mutter wohnt noch in Somalia, sie hat nun ein Handy. Die beiden telefonieren jeden Tag, auch wenn sie sich oft nicht viel zu sagen haben. Dirie bleibt meist allein in ihrer Wiener Vierzimmerwohnung mit einer Matratze auf dem Boden und vielen Kisten. Bis 2005 hatte sie keine Papiere, irrte nur mit einem Reisedokument als Staatenlose durch die Welt. Jeder Behördengang, jede Reise, jede Grenze war ein Problem. Nun hat sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Ein Land, dessen Sprache sie nicht spricht, mit dem sie nichts verbindet, außer dass ihr Manager dort lebt.

Einmal hat ihre Mutter sie in Wien besucht. In den drei Monaten ihres Aufenthaltes betrat sie nur zweimal die Straße, weil sie sich vor herumlaufenden "unreinen" Hunden fürchtete. Die Tochter zeigte der Mutter ein Video über Genitalverstümmelung. Die Mutter verteidigte das Ritual und fragte, warum Waris nicht ein wenig wie ihre Schwestern sein könne, fromme Ehefrauen, die Kopftuch tragen. "Wir leben in verschiedenen Welten", sagt Dirie. Auch über diesen Besuch hat sie ein Buch veröffentlicht: Brief an meine Mutter. Es ist ein Manifest der Sehnsucht. Außerdem beschreibt sie darin ihren "Dämon", ihre Alkoholabhängigkeit.

Sie teilt ihr Privatleben mit der Öffentlichkeit. Dadurch ist im Laufe der Jahre ein Missverständnis entstanden: Ihre Leser glauben, sie wie eine enge Freundin bis ins Intimste zu kennen, fragen sie bei Veranstaltungen nach ihrem Sexleben, erwarten Offenbarungen und Nähe. Auch auf Fotos hat sie ihren einst so verwundeten Körper nicht verborgen, sondern immer wieder enthüllt. Ihren Betrachtern erscheint sie stark, wie eine Frau, die erstaunlich offensiv ihr Trauma bewältigt hat. Es ist, als hätten beide Seiten jegliche Grenzen verloren. Dirie kann die Erwartungen irgendwann nicht mehr erfüllen und versucht, sich vom Publikum zurückzuziehen, sich zu schützen.

Ihre Familie lebt auf der Welt verstreut, und nun bezeichnet sie ihren Manager und ihre Assistentin als family. Manchmal ruft Dirie ihren Manager zehnmal hintereinander an, nur um den aktuellen Tennis-Spielstand aus dem Fernsehen durchzugeben. Wer versucht, in ihrem Umfeld zu recherchieren, stellt fest, dass es kein richtiges Umfeld gibt, keine über Jahre andauernden Freundschaften, fast nur Arbeitskontakte. Waris Dirie wohnte in England, den USA, wieder in England, Wien ist nur eine weitere Station. In Dschibuti will sie nach einem Tag ein Haus kaufen und sich niederlassen. Ein paar Wochen später wird es Polen sein, das sie gerade bereist und wo sie sich ein Grundstück anschaut. Sie besitzt ein Haus in Südafrika und Land auf Trinidad. Es wirkt wie der Versuch, Wurzeln zu schlagen, wo sie gerade ist, als wolle sie die kurzen schönen Augenblicke für ewig festhalten. "Ich bin eine Nomadin. Ich bin überall zu Hause", sagt sie auf der Terrasse des Kempinski. Überall heißt nirgendwo. Der Satz soll stark klingen und offenbart Schwäche.

Dirie harrt in der Mittagssonne aus, wenn Schatten droht, verrückt sie ihren Korbsessel ein Stück. Schweiß rinnt ihr übers Gesicht. Im Westen werden Veranstaltungen mit ihr gern so angekündigt: "Treffen Sie Waris Dirie, die Genitalverstümmelte." Ihr Manager sagt, sie hasse dieses Ausgestelltsein. Sie sagt, jetzt könnten andere etwas zum Thema beitragen. "Meine Mission ist erfüllt. Ich war oft die Einzige, die ihre Stimme erhoben hat, es war nicht immer gut für mich." In diesem Moment klingt sie sehr bestimmt. In ein paar Stunden nur wird sie wieder darüber reden.

Dirie hat eine Stiftung gegen Genitalverstümmelung gegründet, war UN-Sonderbotschafterin gegen Beschneidung, ist auf unzähligen Foren, bei Konferenzen und Charitydinners aufgetreten und hat immer über ihr Geschlecht gesprochen. Ein Thema, bei dem die meisten unwillkürlich die Beine zusammenkneifen, hat sie immer wieder herausgeschrien, auch weil ihr sonst vielleicht niemand zugehört hätte. Ihr Mut ist ihr Verdienst, dafür wurde sie zum Vorbild, zum Symbol, zum Standbild für die Ewigkeit.

Sherry Hormann, die Regisseurin von Wüstenblume, erzählt von Frauen, die bei dem Namen Waris Dirie "feuchte Augen" vor Bewunderung bekommen. Hormann bemerkt aber auch, wie schnell das Thema sehr persönlich zu werden droht: "In der Vorbereitungsphase des Films sitzt du überwiegend mit Männern zusammen, und nach zwei Minuten redest du über so etwas Intimes wie die Vagina. Das ist nicht immer unbedingt angenehm."

Wie lange hält man ein Dasein als Standbild aus, wie oft kann man über seine Genitalien reden? "Das kann man nicht sein ganzes Leben lang machen", sagt Dirie. Sie will jetzt Schauspielerin werden, singen, Mode entwerfen, irgendwas. Sie ahnt, dass das kaum möglich ist. Ihr Manager sagt, sie habe sich schon viele Male vorgenommen aufzuhören, und am nächsten Tag hat sie doch weitergemacht. Das Thema hat sich ihr Leben angeeignet, und Waris Dirie sieht nun mehr oder minder machtlos dabei zu, was es damit anstellt. "Manchmal muss man eine Hälfte von sich verlieren, um etwas zu verändern."

Irgendwann an diesem heißen Freitagmittag ist die Zeit gekommen, um über Brüssel zu reden. Von einem Tag auf den anderen war Waris Dirie nicht mehr die mutige Kämpferin, sondern das "Exmodel auf Irrwegen". Zum ersten Mal schien das Publikum zu merken, dass es diese schöne Frau aus der Wüstenblume doch nicht wirklich kannte.

Waris Dirie blieb Anfang März dieses Jahres drei Tage lang verschwunden, war unauffindbar für alle Vertrauten und auch für die EU und US-Außenministerin Condoleezza Rice, mit der sie bei einer Frauenkonferenz auftreten sollte. Sie wendet den Kopf ab, wenn man sie nach Brüssel fragt. "Ich bin wie ein Mensch zweiter Wahl behandelt worden", sagt sie. Sie meint die belgische Polizei, mehr sagt sie dazu nicht.

Kurz nach den Ereignissen von Brüssel konnte man Dirie auf YouTube in einem Video mit dem Titel Mein belgischer Albtraum sehen. Darin sitzt sie in einem Wiener Krankenhausbett. Ihre Haare stehen unfrisiert vom Kopf ab, ihre Stimme überschlägt sich, sie klagt an: Die belgische Polizei sei rassistisch. Waris Dirie wirkt wie eine psychisch schwer angeschlagene Frau. Ihre Version des Geschehens bleibt wirr und unzusammenhängend. Dieses Video überschreitet wieder eine Grenze: Wie viel kann Dirie noch von sich preisgeben, bis sie zusammenbricht?

Vielleicht muss man noch früher beginnen mit dieser Geschichte. Es fing damit an, dass Dirie gar nicht nach Brüssel fahren wollte. Eine gute Bekannte, die österreichische Autorin Corinna Milborn, die mit Dirie zwei Jahre an deren Buch Schmerzenskinder arbeitete, sollte sie nach Belgien begleiten, um ihr bei der Rede zur Frauenkonferenz zu helfen. Aber Dirie war in der Woche zuvor schwer für sie erreichbar. Milborn hat schon ähnliche Situationen mit ihr erlebt, die Abstürze, das Zurückziehen vor öffentlichen Auftritten, bei denen Dirie über ihr Trauma reden muss. Vor drei Jahren sagte Dirie alle Promotion-Termine für ihr gemeinsames Buch einen Tag vor der Premiere ab, Pressetermine und Talkshowauftritte waren gebucht. Aber Waris Dirie konnte nicht. Milborn entschied, nicht nach Brüssel mitzufahren. Dirie flog am Ende doch, aber nur mit ihrem Manager und ihrer Assistentin. Was genau in Brüssel geschehen ist, kann niemand sagen.

Sicher scheint, dass Dirie an jenem Dienstagabend im März im Hotel ihre Rede für den nächsten Tag übte, Manager und Assistentin mimten die Europaabgeordneten. Danach ist sie noch in einen Club gegangen, allein. Von dort hat sie sich ein Taxi genommen, konnte sich aber nur noch an den Namen des Hotels erinnern. Da es aber mehrere Sofitels in Brüssel gibt, brachte der Fahrer sie in das falsche. Ihr Geld reichte nicht, und ihr Handy funktionierte auch nicht. Der Taxifahrer setzte sie bei der Polizei ab. Hannes Rossacher, der einen Dokumentarfilm über Dirie dreht und auch das YouTube-Video aufgenommen hat, sagt, Dirie habe den Beamten immer wieder gesagt: "I am on a mission. I have to represent myself tomorrow." Offensichtlich verstanden und erkannten die Polizisten sie nicht. Dirie sagt, sie hätten sie wie eine Prostituierte behandelt. Die Polizei sagt, Dirie habe "nicht kooperieren" wollen. Beide Seiten misstrauten einander, es muss laut geworden sein. Danach fuhr die Polizei sie zu einem anderen Hotel, sie sagt, die Polizisten hätten sie bedroht, die Polizei sagt, sie habe unvermittelt das Auto verlassen.

Sie stieg dann in ein weiteres Taxi. Dieser neue Fahrer, der seine Geschichte ein paar Wochen später einer belgischen Zeitung erzählte, behauptete, er habe Dirie aus Mitleid mitgenommen, als sie betrunken, ohne Geld und ohne Pass durch Brüssel irrte. Dirie sagt, er habe sie entführt und an den Stadtrand in ein Haus gebracht. Er gab an, dass sie dort Sex gewollt, sie auch in seinem Bett geschlafen, er sie aber nicht angerührt habe. Dirie sagt, er habe versucht, sie zu vergewaltigen. Sie könne sich aber nur an einen Tag erinnern, fast 40 Stunden habe sie aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Irgendwann, weiß sie, ist sie aus einem Fenster im ersten Stock des Hauses gesprungen und geflüchtet, aber auch danach meldete sie sich nicht bei der Polizei. Dokumentarfilmer Rossacher meint: "Wir werden ihr nicht gerecht, wenn wir ihr Verhalten mit herkömmlichen westlichen Bewertungsmaßstäben beurteilen. Sie ist hier nicht sozialisiert worden. Manchmal schaltet sie um auf Wüstenmodus."

Nach ihrer Flucht irrte Dirie anscheinend durch Brüssel, in einem Café traf sie auf einen weiteren Mann, einen Fensterputzer, der ihr ein Sandwich kaufte und sie zu sich nach Hause einlud. In dessen Begleitung erkannte schließlich eine Polizistin Dirie auf der Straße.

Es gibt viele Lücken in dieser Geschichte, und es bleiben viele Fragen. Wieso, zum Beispiel, ist sie nach den Erfahrungen jener Tage auch mit dem Fensterputzer mitgegangen, wieder mit einem fremden Mann? Es ist, als bringe sich Dirie immer wieder in ähnliche schwierige Situationen. Es gibt eine Reihe von Stalkern und sexuellen Übergriffen im Leben der Waris Dirie, die sie auch in ihren Büchern beschreibt. Die Autorin Corinna Milborn kennt dieses "Muster" von Dirie. Sie nennt es "diese magnethafte Anziehung von unguten und gewalttätigen Männern". Einmal verfolgte ein Portugiese Dirie über Monate, drang in ihre Wohnung ein und schlug sie im Liebeswahn. Dirie sagt: "Ich habe eine Liebe-Hass-Beziehung zu Männern. Vielleicht bin ich zu stark, Männer mögen keine starken Frauen."

Gegenüber der belgischen Polizei, die sich wenig bemühte, die Wahrheit herauszufinden, behauptete Dirie nach ihrer Wiederentdeckung in Brüssel zunächst, sie habe sich nur verlaufen, ihr sei nichts passiert. Ihr Manager sagt: "Sie wollte nur noch weg." Zurück in Wien, verlässt sie tagelang ihre Wohnung nicht, schaltet das Handy ab, ist kaum ansprechbar, weint nur. Manager und Assistentin bringen sie ins Krankenhaus. Ein Arzt attestiert Prellungen, Blutergüsse und blaue Flecken an Beinen, Schultern, Sprunggelenken. Als sie gynäkologisch untersucht werden soll, fängt sie an zu schreien. Noch im Krankenhaus erstattet Dirie Anzeige wegen Körperverletzung und versuchter Vergewaltigung. Die österreichische Polizei vernimmt sie zwei Stunden lang. Ein Psychiater wird hinzugezogen, er schreibt in seinem Gutachten von Depressionen und Angststörungen, typisch für "Retraumatisierungen", für "posttraumatische Belastungsstörungen". Eine weiterführende Therapie bei dem Psychiater lehnt Waris Dirie mit den Worten ab: "I am tough." Ich bin stark, das ist einer ihrer liebsten Sätze. Sie sieht sich als Einzelkämpferin, die keine Hilfe braucht. Nie mehr Opfer sein, wenigstens vor sich selbst muss sie den Schein wahren.

Dem Manager sagt der Psychiater noch, auf keinen Fall dürfe Dirie abermals öffentlich über das Erlebte sprechen. "Aber es geht auch um ihren Ruf", sagt der Manager. Es ist ein gefährliches Spiel zwischen Exhibitionismus und Rückzug, in dem auch niemand aus Diries Umfeld ihr die Grenzen zeigt. Einerseits wirkt die Öffentlichkeit zerstörerisch, andererseits sucht Dirie sie ständig von Neuem. Wüstenblume – der Film wird nächstes Jahr in die Kinos kommen, sie wird wieder Fragen beantworten müssen. Vielleicht hat Dirie zu Beginn die Kraft des Themas unterschätzt, gedacht, ihr Trauma würde vergehen, wenn sie nur genug darüber rede. Und dabei haben Dirie und ihr Publikum irgendwann vergessen, dass die schlimmen Erfahrungen sie nicht unbeschädigt gelassen haben können.

Die belgische Staatsanwaltschaft ermittelt bis jetzt nicht. Für sie ist der Fall Dirie abgeschlossen, sagt ein Sprecher. Die Anzeige aus Österreich habe sie noch nicht erreicht. Außerdem habe Dirie in Brüssel angegeben, ihr sei nichts geschehen, keine Vergewaltigung. Diries Anwälte sagen, sie kämpfen weiter.

An jenem heißen Freitag in Dschibuti gibt der Kommunikationsminister im Hotel ein Mittagessen zu Ehren Diries. Sie sitzt eingeklemmt zwischen weiteren Ministern und ihren Gattinnen an einer Tafel. Der Minister sagt, wie stolz er sei, eine so bekannte Frau im Land begrüßen zu dürfen. Alle klatschen. Dann erhebt sich Dirie, sie stützt sich mit den Händen auf dem Tisch ab, ihr Blick ist verändert, nach außen gerichtet, sie hat auf Kampf geschaltet. "In Wüstenblume geht es um das Schlimmste, was man schwarzen Mädchen antun kann: die Genitalverstümmelung. Das ist Terror." Die Minister und ihre Gattinnen schweigen erschrocken. Der Minister weigert sich, Diries Worte für diejenigen am Tisch in Somali zu übersetzen, die kein Englisch verstehen. Dirie wird laut. "Dann übernehme ich deinen Job!" Eine der Ministergattinnen versucht zu beschwichtigen: "Wir haben das hier gestoppt."

Tatsächlich sind Beschneidungen in Dschibuti verboten, allerdings kontrolliert niemand, ob das Verbot eingehalten wird. Waris Dirie steht noch immer. Sie bemüht sich nicht, zu vermitteln, sie klagt an. "Ich bin nicht hier, um anderen zu gefallen." Der Minister eröffnet nun rasch das Buffet, bei Hähnchenkeulen und Spaghetti findet das Thema ein jähes Ende.

Nach dem Essen umringen die Gattinnen Dirie. Sie schieben sie hinaus auf den Hotelflur, umarmen sie, zupfen an ihren Kleidern, fotografieren sich mit ihr. Die Faszination von Dirie rückt den Konflikt in den Hintergrund. Auch sie scheint nun fröhlich, noch berauscht vom Kampf. "So viel Liebe", sagt sie. Aber im Hotelflur warten schon mehrere Frauen von Unicef und vom UN-Bevölkerungsfonds und wollen mit Dirie über ihr Programm gegen Genitalverstümmelung sprechen. Die Gattinnen ziehen allmählich kichernd ab, und Dirie kommt vor einer kleinen einheimischen UN-Frau in einem langen Kleid zum Stehen. Die Frau sagt: "Du siehst müde aus." Dirie weiß ganz offensichtlich nicht, was sie ihr erzählen soll: "Ich gebe mein Leben für das Thema. Ich will hier eine Stiftung gründen." Mehr habe sie jetzt nicht zu sagen. Die Frau spürt, dass das Gespräch keine gute Richtung nimmt: "Wir dachten, du wolltest mit uns reden. Die Menschen hier müssen das Thema verstehen." – "Da gibt es nichts zu verstehen, Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen", sagt Dirie. Unvermittelt nimmt sie den Kopf der Frau in ihre beiden Hände und küsst sie auf die Stirn. Dann wendet sie sich ab und setzt sich etwas abseits auf ein Sofa.

Ein Mann von einer weiteren UN-Organisation tritt hinzu, fragt den Manager, wo denn nun das Gespräch mit Dirie stattfinde. Sie selbst bleibt auf dem Sofa sitzen, es sieht nicht so aus, als würde sie an diesem Tag noch diskutieren. "Sie sollte unsere Realität, unsere Kultur verstehen", sagt er.

Egal, wo Dirie auftritt, sie gehört nirgendwo dazu, nicht in Afrika und nicht im Westen. Sie steht immer überall dazwischen, aus Afrika ist sie schon zu lange fort, und im Westen ist sie nie richtig angekommen. Die Fremde bleibt. Dirie sagt: "Ich bin manchmal fünf verschiedene Persönlichkeiten. Einige mag ich, andere sind meine Feinde."

Der Samstag endlich ist der Tag, an dem sie die Wüste wiedersehen wird, den Ort, wo alles begann. Die Wüste Dschibutis liegt zwei Stunden von der Stadt entfernt und gleicht der in Somalia. Brauner Boden, in den die Dürre Risse getrieben hat. Seit 18 Monaten hat es nicht geregnet. Kein Baum, kein Strauch, nur kahle Ödnis. Eine Landschaft wie ein Faustschlag. Hier dreht das Filmteam Diries damalige Flucht. Ihre Kinderdarstellerin schleppt sich durch die Hitze. Dirie setzt sich hinter den Kameramann, nimmt ihren Filmbruder auf den Schoß. Sie weint ein wenig. Alles an diesem Ort erinnert sie an ein fernes, an ihr früheres Leben. Nach dem Drehen will sie in der Wüste joggen, zieht sich um, rennt zehn Minuten und bricht ab. Die Vergangenheit ist zu mächtig hier.

Auf der Rückfahrt in die Stadt dreht sich Dirie zu ihrem Manager: "Ich will hierbleiben, ein Haus kaufen!" Okay, sagt er nur. Als es dunkel wird, lässt sie den Fahrer halten, steigt aus, setzt sich allein auf eine Düne und betrachtet den Sternenhimmel. Es scheint, als wolle sie diesen Augenblick festhalten, etwas, das sich vielleicht wie Heimat anfühlt, einprägen. Für ein paar Minuten ist sie eine Frau ohne Mission.

Waris Dirie wurde etwa 1965 in Somalia geboren und besuchte nie eine Schule. Als die Nomadentochter mit einem fremden Mann verheiratet werden sollte, floh sie nach London, wo sie ihre Weltkarriere als Model begann – sie arbeitete unter andem für Levi’s und L’Oreal. Heute kämpft sie als Bestsellerautorin gegen die Beschneidung von Frauen. 1998 erschien ihre Autobiografie "Wüstenblume". Sie lebt in Wien.