Rufus und ich haben uns schon oft gesehen, trotzdem reden wir nie viel miteinander. Das letzte Mal habe ich ihn bei Henry und Anna getroffen, in ihrer großen, dunklen, überhaupt nicht düsteren Wohnung am Straußberger Platz. Es waren noch die schönen, sorglosen Tage der Fußball-EM, an diesem Abend lief eins von den besseren Spielen, aber wir durften es leider nicht anschauen. Der Abend gehörte Rufus – und seiner Aktion Blackout Sabbath.

Worum es dabei genau ging, verstand ich nicht, auch deshalb, weil Rufus und ich mal wieder so wenig miteinander redeten, dass er nicht dazu kam, es mir zu erklären. Es hatte, glaube ich, etwas mit Verzicht zu tun und mit Rufus’ Angst, der Mensch könne wie eine lächerliche Tiergattung einfach aussterben, wenn er "so" wei-termache. Auf der ganzen Welt sollten heute die Freunde und Fans von Rufus daran denken – und ein paar Stunden lang bescheidener, unzivilisierter sein als sonst.

Darum durften wir, was kein großes Problem war, an diesem warmen, sanften Sommerabend zum Beispiel keinen Strom benutzen – Rufus hatte Henry und Anna gebeten, bis Mitternacht die Sicherungen rauszudrehen. Der Kühlschrank war aus, weshalb Henry und Anna schon seit Wochen ihre Fertigpizzas und tiefgefrorenen Gambas aßen. Überall standen Kerzen, Henrys riesiger, cooler Fernseher von Bang & Olufsen guckte uns tot und schwarz an, statt HollandRussland zu übertragen. Und die Klingel war auch aus, und Rufus lief ab und zu nach unten und schaute nach, ob in der Karl-Marx-Allee neue Gäste vor der Haustür warteten. Er sagte, er würde nur die Leute reinlassen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad gekommen waren, aber das stimmte natürlich nicht.

Als alle da waren, spielte Rufus – Rufus Wainwright, um genau zu sein – für uns auf Annas altem, wimmerndem Flügel ein paar von seinen neuen Songs, unplugged und bei Kerzenschein. Es war natürlich der Wahnsinn. Rufus hatte schon mal fast einen Nummer-eins-Hit in Amerika, er machte seit Jahren ein schönes, tristes Album nach dem anderen, er gab letzten Herbst in der ausverkauften Hollywood Bowl ein Judy-Garland-Memorial-Konzert. Und jetzt griff er – suchend, aber nicht unsicher – in Annas Flügel, fand immer die richtigen Akkorde und sang mit seiner genialen Trompetenstimme Shakespeare-Sonette, die er für ein Stück vertont hatte, das er gerade mit Bob Wilson am Berliner Ensemble probte. Wie wirksam dieses kurze Privatkonzert im Kampf gegen zu viel Zivilisation und für mehr Askese sein würde, wusste ich nicht, aber es war der magischste Teil des Abends.