Die "Sterbehilfe"-Aktion von Roger Kusch werfe die Frage nach der Selbstbestimmung des Menschen auf, schreibt Frank Drieschner in seinem Artikel Suizid – warum nicht? (ZEIT Nr. 28/08). Aber Kuschs Aktion, Frau Sch. mit einer Kombination zweier Medikamente in einen (mindestens kurzfristig qualvollen) Tod zu schicken, hat weder etwas mit Selbstbestimmung noch mit Sterbehilfe zu tun. Die Frau war nicht sterbenskrank und auch sonst nicht hinfällig. Frau Sch. wollte sterben und konsultierte deshalb, nachdem sie zunächst anderswo nachgefragt hatte, Kusch. Dieser meint in einer seltsamen Attitüde, eine Art Vollstrecker des Selbstbestimmungsrechts von Menschen in punkto Tod zu sein. Er beruft sich dafür auf das Grundgesetz und die Europäische Menschenrechtskonvention. Kusch will die Würde des Menschen dadurch herstellen, dass er jedem Menschen die Entscheidung "über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens" überlässt.

Dabei ist es schon ein bedenklicher Akt, einen Menschen beim Suizid zu assistieren, den man kaum kennt. Man könnte aber hierüber noch hinwegsehen, wenn Kusch wenigstens leise gehandelt hätte. Die Dame meinte offensichtlich, dass sie in einem Alten- oder Pflegeheim kein würdiges Leben mehr führen könne. Aber es ist ein barbarischer Akt, diese Aktion auch noch medial zu inszenieren; die Dame wie auf einem Jahrmarkt als staunenswertes Objekt zu präsentieren und sie für die eigene Mission derart schamlos zu instrumentalisieren.

Kuschs Aktion wird von ihm geschickt als "gute Tat" präsentiert. In Wirklichkeit stellte die Institutionalisierung von Tötung auf Verlangen eine moralische und ethische Bankrotterklärung für ein Gemeinwesen dar. Der Tod wäre als Ware konsumierbar und würde noch weiter aus unserem Lebenshorizont verdrängt. Frau Sch. nannte derartige Bedenken in ihrem "Abschiedsbrief". Ich fürchte, sie hat in ihrem Egoismus übersehen, dass eine kalte und herzlose Gesellschaft entstünde, würden alle Menschen genauso handeln wie sie.

Lothar Struck ist ZEIT-Leser in Düsseldorf

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