Wann ist er Ihnen zum letzten Mal in den Sinn gekommen? Wer?, fragen Sie bloß – doch haben Sie ihn einmal im Sinn, werden Sie den Wahn schwer wieder los. "Wahnsinn!" ist das Tor von Fernando Torres, das Spanien zum Europameister macht, "ein Wahnsinn!", dass ein ehemaliger Hamburger Senator einer gesunden Frau Sterbehilfe geleistet haben soll. Und Karlheinz Klement, in der österreichischen FPÖ zum Fachmann für Frauenfragen umoperiert, ist verliebt in seine Neuschöpfung "Gender-Wahnsinn" – was wie eine inspirierte Übersetzung von Judith Butlers Gender Trouble klingt.

Ob der Ausdruck eher höchste Anerkennung oder höchste Verachtung meint? Luther brauchte ihn, um zu geißeln, was in seinen Augen Irrlehren waren wie das Sakrament der Letzten Ölung: "Wenn das nicht Wahnsinn ist, so frage ich, was überhaupt Wahnsinn ist?" Kant hat sich an einer Methodik des Wahnsinns versucht: "Wahn ist die Täuschung, die bloße Vorstellung einer Sache mit der Sache selbst für gleichgeltend zu halten." Wer dem anderen gesteht, ihn "wahnsinnig gern zu haben", wäre sich nach Kant also bewusst, in die Liebe verliebt zu sein und nicht ins Gegenüber. Angesichts des ganz normalen Wahnsinns unserer Superlativgesellschaft wäre das fast schon wieder naiv. Rainer Burkard

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