Martin Walser hat sich mit der "Auschwitzkeule" und seinen Rachefantasien in Tod eines Kritikers auch außerliterarischen Ruhm verschafft. Vor einer Woche gedachte er abermals zu provozieren, doch hörte niemand so richtig hin. Nur ein paar Kurzmeldungen war seine Rede vor der Bayerischen Akademie in München wert.

Dabei hätte Walsers 16 Seiten lange Suada gegen den Zeitgeist sehr wohl Widerspruch verdient. Er warf den Deutschen ihr "Rechthabenmüssen" vor, den "moralischen Oberton", die Selbstgerechtigkeit, die stets in "Heuchelei" ende. Mit Blick auf die Korruptionsaffäre bei Siemens echauffierte er sich über die grassierende "Verdächtigungsbereitschaft" und die "moralische Entrüstung der journalistischen Ermittler".

Dies war aber nur der Vorlauf für das Eigentliche. Nennen wir es "Walsers Neue Erkenntnis- und Moraltheorie". Es gebe immer mindestens zwei Seiten einer Wahrheit, dozierte er (so die Berichte, im Manuskript auf der Website fehlt dieser Satz), und: "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr." Plumps, und schon waren 2500 Jahre westlichen Denkens ins postmoderne Klo gefallen. Denn: Alle Logik, alle Wahrheitssuche ruht seit Aristoteles auf dem Fundament: A ist entweder A oder Nicht-A, es kann nicht beides sein. Die Maus kann nicht tot und lebendig zugleich sein. Eins plus eins ist zwei – aber nicht "vielleicht" oder gar "drei".

Oder gehen wir näher an Walsers altes Anliegen heran: die Vergangenheitsbewältigung. Wenn einer sagt: "Auschwitz war eine Todesfabrik", gilt dann korrekterweise auch die andere Seite: "Auschwitz war doch nur ein Arbeitslager"? Diese Art der Wahrheitstheorie zerplatzt an ihrer eigenen Absurdität.

Aber vielleicht galt Walsers Diatribe nur den Moralingeschwängerten, vor denen schon die Bibel ("der werfe den ersten Stein") warnte. Doch zeugt diese Lesart eine neue Frage: Sind die Deutschen tatsächlich ein Volk von "Rechthabenmüssern"? Wer genauer hinsieht, wird zweier Denkwelten gewahr. In der einen blüht die unerschütterliche Gewissheit namens "Das weiß doch jeder", die sich etwa an Klimakatastrophe oder Eisbärentod festmacht. Abweichendes darf hier nicht auf Toleranz hoffen.

Doch jenseits dieses Reservats öffnet sich ein riesiges Feld der Beliebigkeit, in dem es überhaupt nicht "deutsch", sondern nur postmodern zugeht: Anything goes, es gibt keine Wahrheit, sondern nur noch "Erzählungen". Wo auf jedes "Das ist dumm/furchtbar/gemein" ein "Das muss man doch verstehen" folgt. Das ist die Welt der falschen Toleranz und Äquidistanz. Und genau jene, die sich Walser herbeiwünscht – oder?

Er sollte sich das Gegenteil wünschen, weil diese Welt, in der "nichts ohne sein Gegenteil wahr ist", in Wahrheit schrecklich langweilig wäre. Wir brauchen mehr "Rechthabenmüsser", aber die richtigen: die dezidiert, aber respektvoll, leidenschaftlich, aber regelhaft argumentieren. Eine Welt, in der um die Wahrheit gekämpft, ihr Überbringer aber nicht bekämpft wird. Lieber Walser, wenn Sie und ich recht haben und Müllers Kuh dazu, dann hätten wir nichts mehr zu bereden. Statt Streit nur Schweigen. In der Hölle wäre es interessanter.