Mit Bildern macht man Politik. Niemand weiß das besser als Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, niemand nutzt das gieriger. Auch deshalb zerbrechen sich die Präsidentenberater seit Tagen den Kopf darüber, wie sie ihren Chef an diesem Wochenende am besten platzieren. Schließlich soll er beim EU-Mittelmeer-Gipfel groß, erfolgreich und optimistisch erscheinen. Auf dass die Bilder gleich zwei Botschaften von Paris aus in alle Welt senden: Sarkozy lässt Europa glänzen. Und umgekehrt.

Einfach wird das nicht werden – schließlich hat sich Sarkozy viel, vielleicht zu viel vorgenommen: Der Mann, dessen Land seit Anfang des Monats die EU-Ratspräsidentschaft innehat, will mit seiner Pariser Party zugleich Europas Auftreten in der Welt verbessern, die Stimmung in der EU heben und ganz nonchalant auch noch seinen Ruf als »unbestrittener Führer des erweiterten Europas« (Le Monde) festigen. Manche Diplomaten nennen das mutig. Andere vermessen.

Die Einladungsliste für das Wochenende könnte bunter nicht sein. Um die Außenpolitik Europas (und natürlich die Frankreichs) aufzupolieren, hat Sarkozy über 40 Regierungschefs aus der EU und dem Mittelmeerraum in den Grand Palais geladen. Dort sollen dann Staatsmänner wie Hosni Mubarak aus Ägypten, Ehud Olmert aus Israel, Baschar al-Assad aus Syrien mit Regierungschefs aus dem Balkan und europäischen Kollegen aus Deutschland, Estland oder Italien neue Beziehungen beginnen – natürlich unter französischer Führung. Nach deren Regie werden sie feierlich ihre neue »Union für das Mittelmeer« einweihen, speisen und dann am Montag zum französischen Nationalfeiertag gemeinsam die Militärparade auf den Champs-Élysées bewundern. Anschließend, hofft Sarkozy, können Europas Chefs mit neuem Elan auch ihre internen Probleme angehen. Spätestens am Ende der französischen Präsidentschaft, so der ehrgeizige Plan, soll das jüngste Debakel um den Lissabon-Vertrag und damit die institutionelle Krise der EU weitgehend vergessen sein.

Wenn am Wochenende in Paris die Champagnergläser klirren, hat Sarkozy zumindest ein Problem schon gelöst. Die meisten Gäste, die er eingeladen hat, werden erscheinen. Allein das ist ein Erfolg der französischen Diplomatie. Denn lange schien es so, als ob sein erster EU-Gipfel als Gastgeber für Sarkozy zu einer peinlichen Veranstaltung werden könnte. Es fehlte nicht nur an hochrangigen Zusagen. Viele Regierungen zweifelten offen am Sinn der neuen Institution, allen vorweg die Bundesregierung. Regierungen aus dem Osten der EU wehrten sich gegen den geografischen Schwerpunkt, der ihre Nachbarn außen vor lässt. In der Türkei witterte man ein Projekt zur Verhinderung des EU-Beitrittes und fürchtete, mit einer billigen Mitgliedschaft für diesen neuen Club abgefunden zu werden. Und in den nordafrikanischen Staaten spottete man über den französischen Neokolonialismus. Unter dem Mantel dieser neuen Union plane Frankreich die größte Expansion seit der Eroberung Algeriens 1830. Paris wolle wie einst das alte Rom sein »Mare Nostrum« (damals auch »Mare Internum«) festigen. »Wie viele grandiose Ideen von Sarkozy, ist die Umsetzung planlos«, fasst die International Herald Tribune zusammen und bezeichnet das Ergebnis als »dünnen, protzigen Krempel«.

In Europa sind indes so manche Kritiker verstummt. Denn in den vergangenen Wochen haben Sarkozys Beamte ihre ursprünglich tatsächlich billig glitzernde Mittelmeer-Union zur »Union für das Mittelmeer« geschrumpft. Mit dem Namen änderten sie auch das Konzept. Sie banden ihre europäischen Partner, allen vorweg die Deutschen, eng in die Planung ein und verwandelten die luftige Wahlkampfidee in konkrete Pläne. Vorsichtig entwickelten sie Vorschläge zum gemeinsamen europäischen Umweltschutz, zur Energiepolitik und zur Terrorbekämpfung. Auch der Präsident nutzte seine Rastlosigkeit sinnvoll, warb persönlich bei vielen Regierungen des Südens um ihren Segen. Inzwischen haben, oh Wunder, sogar verfeindete Staats- und Regierungschefs wie Syriens Assad und Israels Olmert zugestimmt, in Paris unter einem Dach zu weilen. Das mag ihre jüngst begonnenen Friedensverhandlungen nicht unmittelbar voranbringen, und es wird den Nahostkonflikt auch nicht beenden. Doch Frankreich hofft auf eine Verbesserung des politischen Klimas – und eine stärkere europäische Rolle im Nahen Osten.

Träumereien, vielleicht. Doch selbst vehemente Gegner der Mittelmeer-Union müssen inzwischen zugeben: Europa könnte neuen Elan in seiner Außenpolitik gut brauchen – sogar wenn er in der spontihaften Manier eines Sarkozy daherkommt. Viel zu viele Initiativen sind in den vergangenen Jahren in den bürokratischen Mühlen der EU-Kommission verschollen. Die sogenannte Nachbarschaftspolitik, das Herzstück der EU-Außenpolitik, funktioniert heute mehr schlecht als recht. Zwar webt die Kommission unablässig ihr Netz aus Handelsverträgen, Kooperationen und Hilfsprojekten enger – um Europa mit einem Kordon freundlich gesinnter Staaten zu umgeben. Doch bislang entwickelten sich die Nachbarn nur dann schneller, wenn sie mit einer EU-Mitgliedschaft rechnen durften. Darauf hoffen heute nur noch wenige.