Von manchen Dingen hat man immer zu wenig, Geld zum Beispiel, Glück, gleichfarbige Socken – jeder hat da seine eigenen Erfahrungen. Von anderen Dingen wiederum gibt es bekanntlich zu viel. Wir wollen die hier nicht aufzählen, aber dass es heuer zu viele Marienkäfer gibt, wie der Tagesspiegel berichtet, können wir nicht glauben. Einerseits nämlich ist der Marienkäfer ein Glücksbringer erster Güte, das beweisen schon, wie jedes Kind weiß, die sieben Glückspunkte auf seinem Rücken. Andererseits verzehrt der Marienkäfer, wie jeder Rosenfreund weiß, die eklige und schmarotzerhafte Blattlaus. Je mehr Marienkäfer, desto weniger Blattläuse desto mehr Glück.

Nun aber ist Folgendes passiert: Ein aus Asien stammender Marienkäfer ist im Begriff, den einheimischen Artgenossen zu verdrängen. Der Eindringling trägt den klangvollen Namen Harmonia axyridis. Anders als der teutonische Käfer vermehrt er sich zweimal im Jahr und hat infolgedessen auch mehr Punkte. (Oder ist es umgekehrt? Rätselhafte Fauna!) Diesen Fruchtbarkeitsvorteil macht sich der asiatische Genosse unfair zunutze, indem er massenhaft auftritt, seinem Konkurrenten alle Blattläuse wegfrisst und sich danach auf die Früchte wirft. Etwa auf Trauben. Wenn die nun gekeltert werden, naturgemäß mit den Käfern, kriegt der Wein einen axyridischen, eher unangenehmen Geschmack. Seltsam, dass wir schon so viele deutsche Marienkäfer getrunken haben, ohne es zu merken.

Wäre das nicht überhaupt das billigste Mittel, dem Hunger in der Welt und den hohen Lebensmittelpreisen zu begegnen? Der Soziologe Marvin Harris hat in seiner vor Jahren erschienenen Schrift Wohlgeschmack und Widerwillen beschrieben, wie sehr unsere Essgewohnheiten von schierer Konvention abhängen. Eiweiß gibt es überall, und sei es in der Harmonia axyridis. Auch die Quallen, die derzeit die Kieler Förde aussehen lassen, als hätte sie Brandblasen, sind eiweißreich, und es bedarf nur des richtigen Rezepts, um sie schmackhaft zuzubereiten. Manche Menschen essen ja auch Hamburger. Bei den Chinesen, die uns den vielpunktigen Marienkäfer beschert haben, kann man lernen, wie lecker Grillen und Maden munden, und wenn es ihnen (den Chinesen) gelänge, aus den Algen, die jetzt das olympische Segelrevier zu einem grünen Brei gemacht haben, eine schöne Sättigungsbeilage zu zaubern, wäre doch alles in Butter. Finis