US-Wahlkampf Die Plattform zum Weißen Haus

Im Video-Portal YouTube trifft die Macht der Masse auf die Macht der Bilder. Das bekommen auch die Kandidaten um die US-Präsidentschaft zu spüren. Positiv wie negativ

Barack Obama weiß mit dem Medium YouTube umzugehen

Barack Obama weiß mit dem Medium YouTube umzugehen

Als Howard Dean nach den Vorwahlen von Iowa als Verlierer vor seine Anhänger trat, wollte er sich das nicht anmerken lassen. „Wir gehen jetzt nicht nur nach New Hampshire, wir gehen nach South Carolina und Oklahoma und Arizona und North Dakota ...“, schrie der Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten gegen den Applaus der Zuhörer an, „und dann gehen wir nach Washington D.C., und holen uns das Weiße Haus zurück. Yeah!"

Ganz bis nach D.C. kam Dean nicht mehr. In der Fernsehübertragung seines Auftrittes war der Applaus seiner Anhänger kaum zu hören, seine eigene Stimme dagegen umso mehr: Dean wirkte hysterisch und unkontrolliert. Sein Motivationsschrei machte als "Dean Scream" die Runde, rotierte auf den Nachrichtenkanälen, wurde in politischen Comedy-Shows verhöhnt – und gilt heute als Anfang vom Ende einer viel versprechenden Kandidatur.

Das war im Januar 2004. Dean hatte als einer der ersten Kandidaten erfolgreich das Medium Internet genutzt, sich online mit seinen Anhängern vernetzt, den Wahlkampf koordiniert und nicht zuletzt im Internet Spenden gesammelt. Dennoch scheiterte er ganz klassisch an der damals noch ungebrochenen visuellen Deutungsmacht des Fernsehens.

Ein knappes Jahr nach dem "Dean Scream" startete die Videoplattform YouTube – und hat sich seitdem zu einem der wichtigsten Online-Werkzeuge im amerikanischen Wahlkampf entwickelt. Früh wurde mit YouTube die Hoffnung verbunden, es könne ein Korrektiv des amerikanischen Nachrichtenfernsehens sein. Während die News-Kanäle immer wieder wenige Sekunden wiederholen, können sich Wähler bei YouTube ganze Reden anschauen, Ton- und Videoschnipsel im Zusammenhang sehen und verhängnisvolle Missverständnisse sowie tendenziöse Berichterstattungen umgehen.

Als politisches Medium sei YouTube dabei für zwei wesentliche Entwicklungen verantwortlich, schrieb der Kommentator Blake D. Dvorak, der die "YouTube-Ära" postulierte: "Erstens fängt es die verräterischen Momente der Kandidaten zur endlosen Wiederholung vor einem weltweiten Publikum ein. Und zweitens gibt es Kandidaten die Möglichkeit, direkt zu den Wählern zu sprechen, ohne das Ärgernis, Werbezeit im Fernsehen einzukaufen."

Die Regeln dieses neuen Mediums beherrscht heute kein Kandidat so sehr wie Barack Obama. Wer es nicht zu den überfüllten Auftritten des Kandidaten schafft, kann seine Reden binnen kurzer Zeit im Internet sehen. Auch die Internet-Fankultur, die auf YouTube entstanden ist, bindet Obama erfolgreich in seine Wahlkampagne ein.

Als Musiker um den Black Eyed Peas Rapper Will.i.am eine Obama-Rede als Lied vertonten und als Musikvideo auf YouTube veröffentlichten, erkannte der Kandidat das Potenzial des Clips, der in wenigen Tagen mehrere Millionen Mal angesehen worden war. Fortan dröhnte der "Yes We Can"-Song vor seinen Reden, bei seiner bis dato größten Wahlkampfveranstaltung in Philadelphia engagierte Obama die Musiker gleich als Vorband für seinen Auftritt.

McCain, der in einem Interview freimütig bekannte, weder Mac- noch PC-User zu sein ("Ich bin ein technischer Analphabet und auf die Unterstützung meiner Frau angewiesen"), begann dagegen erst vor einigen Wochen YouTube prominenter in seine Wahlstrategie einzubinden und Videos zu veröffentlichen, die auf das Medium zugeschnitten sind.

Kurz vorher hatte er zu spüren bekommen, dass es für einen Kandidaten auch zum Verhängnis werden kann, wenn bei YouTube die Macht der Masse auf die Macht des Bildes trifft. Eine Koalition aus Medienaktivisten hatte mit einem einzigen, ausschließlich online veröffentlichten Video so viel Druck auf McCain ausgeübt, dass dieser sich öffentlich von einem seiner Unterstützer distanzieren musste. Das Video hatte anti-islamische Aussagen des Pastors Rod Parsleys mit McCains Lob für dessen Arbeit als "spiritueller Führer" zusammen geschnitten.

Das Video, dass aus öffentlich zugänglichem Bildmaterial montiert wurde, erregte so viel Aufsehen im Internet, dass die Fernsehsender nicht umhin kamen, es in ihren Nachrichtensendungen zu thematisieren – und so lief der Clip, ganz ohne Werbekosten, auf nationalen Fernsehkanälen.

Dass Politiker in Zukunft häufiger von Videoaufnahmen ihrer Fehltritte heimgesucht und womöglich zu Fall gebracht werden, befürchtet Christine Pelosi, die Tochter der Sprecherin des Repräsentantenhauses, die Nachwuchspolitiker in Wahlkampfstrategien unterrichtet. "Zu meiner Zeit gab es Fotos und Negative", sagt Pelosi. "Wer die Negative hatte, hatte die Kontrolle. Diese Zeit ist vorbei." Denn heute gibt es Videos – die beliebig oft, problemlos und fast kostenlos kopiert und verbreitet werden können. „Du kannst nicht mehr an zwei verschiedenen Orten zwei verschiedene Personen sein", sagt Pelosi.

Viereinhalb Jahre nach dem verhängnisvollen "Dean Scream" wurde die Deutungshoheit des Fernsehens durch YouTube zwar gebrochen – die Macht der Bilder aber noch verschärft.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Obama ist ein vollendeter Redner.  Dagegen kann weder die als schrill verteufelte Frau Clinton, noch der etwas unbeholfenere Veteran McCain konkurrieren.  Jeder Irrtum, jedes Stottern, jede falsche Geste, jede Nachtklubparodie erscheint sofort bei Youtube und wird von zigtausenden angeklickt.  So erging es erst gestern wieder dem einstigen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson, der sich nun wegen einer obszönen Bemerkung überall verteidigen muss.  Seine zahlreichen Entschuldigungen verhallen ungehört, doch die Obszönität gehört bereits zum festen Repertoire bei Youtube. 

    • sv1en
    • 10.07.2008 um 17:23 Uhr

    „Du kannst nicht mehr an zwei verschiedenen Orten zwei verschiedene Personen sein", sagt Pelosi..Ich weiß ja nicht, was Frau Pelosi ("Demokratin"!) so denkt, aber ich finde das toll. Wenn das Schule machen sollte, dann könnten Politiker endlich nicht mehr an zwei verschiedenen Stammtischen ungestraft gegensätzliche Versprechungen machen und nach Belieben den jeweiligen Zuhörern "nach der Schnauze reden"..Ich befürchte nur, dass der Effekt sehr beschränkt sein wird ...

    • Sheak
    • 10.07.2008 um 19:44 Uhr

    Man könnte natürlich es auch so sehen, dass Hitler durch seine aufs-Publikum-zugeschnittene-Rede Unterstützung in den verschiedenen Lagern des dt. Volkes gefunden. Sicher nicht der einzige Grund, aber schonmal etwas, da sich das Internet nun Richtung politisches Medium entwickelt. 

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