Ungerecht? Natürlich, es mag in manchen Augen nun ungerecht erscheinen, auf welche Art und Weise Alfred Gusenbauer in den vergangenen Wochen aus seinen Ämtern vertrieben wurde. Es gibt viele Gründe für sein Scheitern, die von seinen Apologeten zu langen Argumentationsketten aneinandergereiht wurden, um zu beweisen, wie sehr dieser ambitionierte Politiker unter seinem Wert geschlagen worden sei. Sie führten die Unnachgiebigkeit der politischen Gegner an, die Rankünen oder regionalen Eitelkeiten in der eigenen Partei und räumten sogar schlichte Anfängerfehler ein. Hinzu komme, dass auch jenseits der Grenzen Sozialdemokraten derzeit einen schweren Stand hätten. Aber selbst in ihrer Gesamtheit können all diese Gründe nicht den tiefen und jähen Fall des Kanzlers schlüssig erklären. Sie haben gewiss alle dazu beigetragen, doch den Ausschlag gaben sie nicht.

Die Schuld an dem traurigen Ende trägt, in letzter Konsequenz, er selbst, da er regelmäßig seine Fähigkeiten überbewertete und sein Handeln an dieser Fehleinschätzung orientierte. Häufig konnte er lesen, seine Schwierigkeiten rührten vor allem daher, dass ein Prophet eben nichts gelte im eigenen Land. Diesem Argument konnte er vermutlich einiges abgewinnen, und er war entschlossen, der Welt das Gegenteil zu beweisen. Man kann darin Hybris sehen, Besserwisserei oder lediglich mangelnden Realitätssinn. Der Unterschied ist letztlich bedeutungslos.

Wahrscheinlich verdankte er es dieser Einstellung, dass er es überhaupt bis in das Kanzleramt geschafft hatte, und das zu einem Zeitpunkt, wo alle Zuversicht fast ausschließlich auf die Kraft der Autosuggestion angewiesen war. Doch am Zenit angelangt, hätte es anderer Qualitäten bedurft als jener, über die Alfred Gusenbauer in so reichem Ausmaß verfügt, um in das neue Amt hineinzuwachsen. Das war sein entscheidender Fehler: Er übte die Funktion aus, als sei sie für ihn geschaffen worden. Sie war ihm zwar bloß in den Schoß gefallen, doch warum sollte in diesem Zufall nicht auch eine jener historischen Notwendigkeiten stecken, von denen in den theoretischen Standardwerken, die er alle in sich hineingebüffelt hatte, so häufig die Rede ist? Diese Möglichkeit wollte Gusenbauer nicht ausschließen, er hielt sie sogar für wahrscheinlich. "Kanzler bis zur Pensionierung", scherzte er in jenen Tagen nur geringfügig getrübter Freude.

In seinem berühmten Vortrag über Politik als Beruf behauptete Max Weber, einer der Gründerväter der Soziologie, vornehmlich drei Qualitäten wären entscheidend für die erfolgreiche Ausübung einer politischen Tätigkeit: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Unter Augenmaß verstand Weber die Fähigkeit, Realitäten nüchtern einschätzen und auf "Distanz zu den Dingen und Menschen" gehen zu können – auch zu der eigenen Person. In der Distanzlosigkeit sah Weber hingegen eine der "Todsünden jedes Politikers", sie verurteile einen Intellektuellen zu "politischer Unfähigkeit".

Wer sukzessive das politische Augenmaß verliert, meint allmählich auch, der Zweck heilige die Mittel, die Verteidigung der Macht, und sei sie auch nur geliehen, rechtfertige den Einsatz jedes opportunistischen Instruments. Da ist Alfred Gusenbauer keineswegs ein Einzelfall. So lange dieses Kalkül funktioniert, behauptet man von solchen Politikern sogar mitunter, sie würden Geschichte schreiben. Nicht nur einen servilen Leserbrief an die Kronen Zeitung.

Ein bemerkenswerter Aspekt einer Distanzlosigkeit liegt darin, dass der, der Distanz eingebüßt hat, dies meist gar nicht zu erkennen vermag. Er fühlt sich vielmehr verkannt und verkennt gleichzeitig die Dimension seines Schrittes. Eine Faustregel der Medienbranche besagt, dass auf dem Boulevard umkomme, wer sich freiwillig auf den Boulevard begebe. Dieses Metier kennt nur Opfer. Auch ein ausgebuffter Profi wie der frühere deutsche Kanzler Gerhard Schröder musste eines Tages seine Meinung revidieren, ihm genüge " Bild und Glotze", um sein Land regieren zu können. Diese Technik funktioniert vielleicht eine Weile, doch wenn sie aufhört zu funktionieren, ist auch alle Glaubwürdigkeit zum Teufel.

In The End , einem Lied der Doors aus der Zeit, in der Gusenbauer noch insgeheim Kanzlerträume hegte, heißt es: And when the music’s over – turn off the light! Diese Aufgabe obliegt im Kanzleramt auf dem Ballhausplatz dem Portier. Möglich, dass er die Kronen Zeitung liest.