Alzheimer Wenn das Ich sich auflöst
Morbus Alzheimer - diese Diagnose stellt Patienten und ihre Angehörigen vor die größte Herausforderung ihres Lebens. So auch Heiner Bartel und seine Frau. Stationen eines Weges in die Dunkelheit
Heiner Bartel geht die Straße entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt und jeden Meter kennt, und auf einmal bleibt er stehen. In der Hand hält er einen Briefumschlag. Er schaut die Straße hinauf und hinunter, er sieht die Drogerie, den Elektroladen, das Blumengeschäft. Autos fahren an ihm vorbei. Er geht ein paar Schritte, schaut auf die andere Straßenseite, bleibt wieder stehen. Er dreht sich um und geht langsam zurück. Als er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zieht, wirft er den Brief auf den Boden und fängt an zu weinen.
»Was ist mit dir?«, fragt seine Frau. »Ich finde den Briefkasten nicht mehr.«
Der Mann, der das sagt, ist 63 Jahre alt, mittelgroß, trägt einen kurzen, grau melierten Bart und eine elegante Brille. Sein Gesicht und seine Arme sind braun gebrannt wie nach einem Urlaub. Heiner Bartel hat viel Zeit, in der Sonne zu sitzen, seit er weiß, dass sich sein Gehirn langsam auflöst.
Seine Frau kommt aus der Küche. Gerdi Bartel, 65 Jahre alt, ehemalige Krankenschwester und Pflegedienstleiterin, sieht den Mann, mit dem sie seit 34 Jahren verheiratet ist, schluchzend im Hausflur stehen, den Briefumschlag zu seinen Füßen. Sie denkt, oh Gott, der Briefkasten, letzte Woche hat er ihn noch gefunden. Sie denkt, wie wird das weitergehen, wann kommt der Tag, an dem er mein Gesicht nicht mehr kennt? Sie spricht das nicht aus. »Das würde alles nur schlimmer machen«, sagt sie. Stattdessen nimmt sie ihren Mann in den Arm. Sie sagt: »Wir sprechen die Strecke noch mal durch, das wird helfen, du wirst sehen.« Sie versucht, Hoffnung in ihre Stimme zu legen. Als ob Heiner Bartel vielleicht doch ein paar Meter zurückgehen könnte auf dem Weg, den sein Leben vor vier Jahren einschlug.
Am 25. Mai 2004 sitzt Heiner Bartel, damals Geschäftsführer eines deutsch-polnischen Logistikunternehmens in Stettin, in der Abteilung für Gerontopsychiatrie des Krankenhauses in Hamburg-Ochsenzoll, und vor ihm liegt ein Wort: Auto. Es steht auf einem Blatt Papier, das eine Psychologin ihm zeigt, ein paar Sekunden lang, dann kommt das nächste Blatt, der nächste Allerweltsbegriff. So geht das zehnmal, dann soll Bartel die Begriffe wiederholen. Ein paar fallen ihm ein, dann bleibt er hängen. Er soll eine Minute lang Wörter aufzählen, die mit »B« beginnen. Er gerät ins Stocken. Er soll mit Hilfe kleiner Bauklötze geometrische Figuren nachlegen, Dreiecke, Rechtecke, Quadrate. Es gelingt ihm nicht.
Er hat das komische Gefühl, mit seinem Kopf stimme etwas nicht
Er weiß, dass dies leichte Aufgaben sind. Aber er weiß nicht, weshalb er sie nicht lösen kann. Genau so wenig, wie er diese seltsamen Sachen begreift, die ihm in den vorangegangenen Monaten passiert sind. Als ihm beim Schreiben von Geschäftsbriefen plötzlich die Formulierungen entfielen, dachte er noch, er sei erschöpft, überarbeitet. Aber dann wollte er im Restaurant auf einmal die Rechnung zweimal bezahlen. Nach einem Gespräch mit Freunden konnte er sich an kein Wort erinnern. An Weihnachten ließ er eine Tüte mit Geschenken im Auto liegen, ohne sie hinterher zu vermissen.
Wegen solcher Aussetzer ist er in die Klinik gekommen, in die »Gedächtnissprechstunde«, wie die Ärzte das hier nennen. Weil er schon das komische Gefühl hatte, mit seinem Kopf stimme etwas nicht. Aber das kann doch nicht sein, oder?
Eine Stunde dauert der Test. Hinterher schreibt die Psychologin einen Bericht, zwei Seiten lang, ihr Urteil setzt sie ans Ende: »Verdacht auf Demenz vom Alzheimer-Typ«. Eine Rückenmarkspunktion bringt Gewissheit. Die Ärzte finden in Heiner Bartels Nervenwasser zahlreiche Eiweißmoleküle, die typisch sind für jene Krankheit, die der deutsche Psychiater Alois Alzheimer vor hundert Jahren entdeckte, ohne damals sonderliches Aufsehen zu erregen. Anfang des 20. Jahrhunderts litten die Menschen an Tuberkulose oder Pocken, an Syphilis oder Keuchhusten, oft starben sie lange vor ihrem 50. Geburtstag, zu früh, um die Alzheimerkrankheit zu entwickeln, die junge Menschen nur in Ausnahmefällen trifft.
Heute sind Pocken und Syphilis besiegt, die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt bei rund 80 Jahren, und Morbus Alzheimer entwickelt sich zur neuen Volkskrankheit. Der Fußballbundestrainer Helmut Schön, der Geiger Helmut Zacharias, der Boxer Bubi Scholz, der SPD-Politiker Herbert Wehner, sie alle litten an Alzheimer. Der Philologe und Publizist Walter Jens hat keine Ahnung mehr davon, dass er einmal als einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen galt. Inzwischen leiden schätzungsweise 1,2 Millionen Bundesbürger an Alzheimer oder einer ähnlichen Form der Demenz. In zwanzig Jahren werden es wohl doppelt so viele sein. Denn die Lebenserwartung steigt weiter, und die Alzheimerkrankheit unterscheidet sich von anderen Krankheiten dadurch, dass praktisch jeder sie irgendwann bekommt. Man muss nur alt genug werden. Heiner Bartel hatte das Pech, dass es ihn früher erwischt hat als die meisten anderen.
Er sitzt auf der Terrasse, seine Frau hat Erdbeeren und Quark auf den Tisch gestellt. Er hat ein großes Fotoalbum vor sich hingelegt, eine Chronik seines beruflichen Lebens, er schaut es oft an, er zeigt es gerne her. Es verbindet ihn mit der Zeit, in dem sein Gehirn noch gesund war.
Giftige Eiweißmoleküle töten Nervenzelle um Nervenzelle
Fotos von Stehempfängen sind da zu sehen, von Messen, von Dienstreisen nach Shanghai, nach Prag, nach Chicago. Fast immer steht ein mittelgroßer Mann mit Brille und kurzem dunklen Bart in der Mitte des Bildes, fast immer in Anzug und Krawatte, mal schüttelt er dem Vorstandschef die Hand, mal stößt er mit Geschäftspartnern auf einen Vertragsabschluss an, sich offensichtlich wohlfühlend inmitten der Kunden und Kollegen. Bartel zeigt auf eines der Bilder, er zeigt auf den bärtigen Mann, wie er lachend in die Kamera prostet. »Diese Person bin ich, wie unschwer zu erkennen ist.«
Es stimmt, natürlich, man erkennt ihn sofort. Das Überraschende ist, wie sehr Bartel sich trotzdem verändert hat, das Foto ist ja nur ein paar Jahre alt. Der Mann auf dem Bild hat einen furchtlosen, selbstsicheren Blick, ein Mann, von dem seine Frau erzählt, dass er »so gerne unter Menschen war«, dass er »von jedem Empfang, von jeder Konferenz zufrieden mit einem Stapel Visitenkarten wiederkam«.
Der Mann auf der Terrasse sieht aus, als ob er Angst habe. Immer ist eine Unsicherheit in seinen Augen, die einen Menschen wohl befallen muss, wenn er sich nicht mehr zurechtfindet in der Welt, in der er sich jahrzehntelang auskannte. Wenn er sich auf sich selbst nicht mehr verlassen kann. Oft, wenn Bartel einen Satz beendet hat, fragt er: »Habe ich das schon mal erzählt?« Er blättert durch das Album, manchmal beginnt er eine Erklärung, stockt, rettet sich dann in kurze Sätze, bei denen wenig schiefgehen kann, sagt, »Das war der japanische Konsul« oder: »Besuch aus Südamerika«, und findet beim nächsten Bild dann plötzlich eine Erinnerung wieder, die ihn von Schiffscontainern, Häfen und Reedereien erzählen lässt.
- Datum 13.06.2009 - 18:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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