Alzheimer Man kann etwas tun
Im Jahre 2030 werden zwei Millionen Deutsche an Demenz erkrankt sein. Höchste Zeit für das Land, sich darauf einzustellen, mahnt der Mediziner Claus Wächtler
DIE ZEIT: Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, einem Patienten die Diagnose Alzheimer zu verschweigen?
Claus Wächtler: Nein, wieso?
ZEIT: Die Krankheit ist unheilbar, sie führt zum Tod, und viele Patienten leiden an Depressionen und Angststörungen, weil sie wissen, was ihnen bevorsteht.
Wächtler: Wir haben in der Tat das Problem, dass wir einerseits eine Demenz vom Alzheimer-Typ heute weit eher und zuverlässiger erkennen können als früher, dass es andererseits aber nach wie vor keine Möglichkeit gibt, die Krankheit zu heilen. Trotzdem halte ich eine frühe Diagnose für wichtig. Ich hatte zum Beispiel einen Patienten, der spielte exzellent Schach, war noch berufstätig, aber wenn er abends nach Hause kam, stellte er seine Schuhe in den Eisschrank. Da sorgt eine eindeutige Diagnose auch für Verständnis und Klarheit, selbst wenn sie niederschmetternd ist. Vor allem aber gibt es durchaus Möglichkeiten, gegen die Alzheimerkrankheit anzugehen, auch wenn sie nicht zu stoppen ist.
ZEIT: Welche Möglichkeiten sind das?
Wächtler: Erstens lässt sich das Fortschreiten der Krankheit mit den existierenden Antidementiva durchaus um etwa ein bis zwei Jahre verzögern. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Lebenszeit zwischen Diagnose und Tod nur sieben Jahre beträgt, ist das gar nicht so wenig. Zweitens lassen sich die aus der Krankheit häufig folgenden Depressionen oder Angststörungen mit Psychopharmaka oft erfolgreich behandeln. Und drittens kennen wir eine Reihe nichtmedikamentöser Verfahren, deren Wirksamkeit inzwischen erwiesen sind.
ZEIT: Das so genannte Gehirnjogging?
Wächtler: Genau das. Wir wissen, dass ein zwei- bis dreimal pro Woche durchgeführtes Training der kognitiven Fähigkeiten, zum Beispiel durch Denksportaufgaben oder Auswendiglernen von Gedichten, bei Erkrankten im Frühstadium den Abbau der Hirnleistung verlangsamen kann. Regelmäßige körperliche Aktivität kann den Effekt noch erhöhen. Auch mit Hilfe psychotherapeutischer Verfahren wie Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierter Gesprächstherapie lässt sich der Alltag oft besser bewältigen.
ZEIT: Brauchen nicht auch die Angehörigen therapeutische Unterstützung?
Wächtler: Sechs von zehn Erkrankten werden daheim gepflegt. Viele Menschen betreuen den Partner, die Mutter oder den Vater rund um die Uhr, oft ohne jedes emotionale Feedback, mitunter werden sie nicht einmal mehr erkannt, haben sogar mit Aggressivität vonseiten des Erkrankten zu kämpfen. Da braucht es nicht nur finanzielle Unterstützung durch die Sozialversicherung, sondern auch seelische durch Selbsthilfegruppen oder Therapeuten. Sonst werden bald auch die pflegenden Angehörigen krank. Demenz gilt nicht umsonst auch als »Angehörigenkrankheit«.
ZEIT: Muss man den Umgang mit einem dementen Menschen im fortgeschrittenen Stadium nicht ohnehin von Grund auf lernen?
Wächtler: Ja, das muss man. Deshalb kommt auch irgendwann meist der Punkt, an dem pflegende Angehörige, die oft selbst sehr alt sind, auch bei bestehender Unterstützung überfordert sind. Dann müssen geschulte, professionelle Pflegekräfte die Betreuung übernehmen und ein für den Erkrankten optimales Umfeld schaffen, beginnend bei Räumen, in denen er sich nicht verirrt, bis hin zur sinnvollen Tagesbeschäftigung.
- Datum 13.06.2009 - 18:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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