Alzheimer Wenn das Ich sich auflöstSeite 5/5

Sie hatten sich auf einen schönen Nachmittag gefreut. Die Alzheimer Gesellschaft hatte in einem Seniorenheim zum Tanz geladen. Es gab Kaffee und Kuchen, wie immer, ein paar Dutzend Leute saßen an den Tischen, Kranke und Gesunde, Angehörige und Patienten. Die Bartels betraten den Raum, hinten spielte ein Musiker auf der Elektroorgel, er sang Volkstümliches und alte Schlager, einige Paare tanzten schon, da fiel ihr Blick auf einen Mann, der an einem der Tische saß. Mit der einen Hand hielt er die Gabel, ein Stückchen Kuchen darauf, die andere Hand hatte er auf die Schulter seiner Frau gelegt, die im Rollstuhl neben ihm saß, die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund leicht geöffnet. So saß sie da und bewegte sich nicht, nur hin und wieder kaute und schluckte sie. Zwei Stunden lang saß ihr Mann neben ihr, er hat sie gefüttert und gestreichelt und ihr den Speichel von der Wange gewischt. Die Bartels sahen es, und es war ihnen, als sähen sie ihre eigene Zukunft.

Sie sind trotzdem geblieben. Sie haben getanzt und gegessen, haben sich unterhalten und auch ein paar Mal mit den anderen gelacht, und am Ende, als alle aufstanden und sich bei den Händen fassten, da haben sich die Bartels mit in den Kreis gestellt, und alle haben sie gesungen:

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In Hamburg sagt man Tschüss.
Das heißt Auf Wiedersehn.
In Hamburg sagt man Tschüss.
Das klingt vertraut und schön,
und wer schon mal in Hamburg war,
der kann das gut verstehn,
und wer schon mal in Hamburg war,
der kann das gut verstehen.

»Es war dann doch ganz schön«, sagt Gerdi Bartel, »die Gespräche, die Musik, und man tanzt ja auch ganz gerne.« Dennoch sind sie nicht wieder hingegangen.

Heiner Bartel sagt, er habe weniger Angst vor dem Tod als vor der Umnachtung, die ihm vorausgeht. Angst davor, noch zu leben, noch da zu sein, bei Gerdi, seiner Frau, sie aber trotzdem allein zu lassen.

Gerdi Bartel hat sich ein Buch gekauft. Es heißt Abschied zu Lebzeiten. Darin berichten die Angehörigen von Alzheimerkranken über ihren Alltag. Es geht um Männer, die ihre Frau anschreien, weil sie nicht wissen, wer diese fremde Person ist, die ihnen das Gesicht wäscht; es geht um Inkontinenz und beschmutzte Fußböden und darum, dass vielen irgendwann die Kraft ausgeht und sie den Erkrankten dann ins Pflegeheim geben. Gerdi Bartel hat das Buch heimlich gelesen, einmal aber ließ sie es auf dem Nachttisch liegen.

»Was ist denn das für ein Buch?«, fragte er.

Er nahm es in die Hand, schaute es an, blätterte darin, dann legte er es wieder zurück. Sie wartete, was er sagen würde, gespannt, ein wenig ängstlich auch. Aber er schwieg. Und sie schwieg dann auch.

Das Gehirn eines gesunden, erwachsenen Menschen ist etwa 1,3 Kilogramm schwer. Das Gehirn eines Alzheimerpatienten im Endstadium wiegt oft nur noch 900 Gramm. Wo beim Gesunden gut durchblutetes Hirngewebe pulsiert, klaffen dann große Löcher. Wenn der Erkrankte nicht vorher an Nierenversagen oder einer Lungenzündung stirbt, greifen die Eiweißpartikel als Letztes den Hirnstamm an, der die primitiven Körperfunktionen steuert. So erlahmt das Kauen, das Schlucken, zuletzt das Atmen. Das ist dann das Ende.

Heiner Bartel geht die Straße entlang, in der er seit 30 Jahren wohnt und jeden Meter kennt. In der Hand hält er einen Briefumschlag. Er schaut die Straße hinauf und hinunter, er sieht die Drogerie, den Elektroladen, das Blumengeschäft, und er weiß, an den Blumen muss er vorbei. Er wollte den Weg noch einmal gehen, unbedingt wollte er es. Also hat seine Frau ihm die Strecke beschrieben, immer wieder, und dieses Mal bleibt sie drin in seinem Kopf. Als er die Tulpen und Rosen hinter sich lässt, sieht er eine Telefonzelle, dahinter entdeckt er etwas Gelbes.

Er geht näher heran, es ist der Briefkasten.

Heiner Bartel steckt den Umschlag in den Schlitz. Leise schließt sich die Klappe. Einen Moment bleibt er stehen, dann geht er zurück.

Später wird Gerdi Bartel sagen, sie habe ihren Mann seit Wochen nicht mehr so glücklich erlebt wie in dem Moment, als er nach Hause kam und ihr sagte, er habe den Briefkasten wiedergefunden.

 
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