Emanzipation Paarlauf
Wie eine Frau mit drei Kindern ihre Habilitation schafft. Angelika Lohwasser, 41, erzählt. Ein Protokoll
Natürlich wäre ohne die Kinder alles schneller gegangen. Die Habilitation wäre längst abgeschlossen, eine Festanstellung gesichert. Stattdessen kam alle drei Jahre ein Kind. »Wie Malaria«, scherzt Angelika Lohwasser. Der älteste Sohn ist neun, die Tochter sechs und der Kleine drei Jahre alt. Und ihre Mutter nun arbeitslos.
Sie bewirbt sich auf Stellen in Museen und Professuren im Fach Ägyptologie im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Ägyptologie ist ein kleines Fach mit gerade mal zwölf Lehrstühlen in Deutschland. Die meisten sind von Männern besetzt. Bisher ist Angelika Lohwasser in allen Bewerbungsverfahren knapp gescheitert. Liegt es an den Kindern, dass sie am Ende nicht auf Platz eins landet? Liegt es daran, dass sie wenig »Feldarbeit« vorweisen kann, weil sie in den letzten Jahren ihre Kinder nicht wochenlang allein in Berlin lassen wollte, nur um zu einer Ausgrabung in den Sudan zu fahren?
»So habe ich das bis jetzt noch nicht interpretiert«, sagt Angelika Lohwasser. Aber »wie in Wellen« kommt manchmal dieses Gefühl über sie, es jetzt erst recht allen beweisen zu müssen, nur weil sie Mutter ist. In der Liste ihrer Veröffentlichungen ist keine Lücke zu entdecken. Niemand kann daraus entnehmen, dass sie in den letzten neun Jahren drei Kinder zur Welt brachte. Sie publizierte und arbeitete immer weiter, egal, wie klein die Kinder waren.
»Die Frage stellt sich natürlich, ob es gut ist, dieses System durch das eigene Verhalten zu unterstützen oder besser den Widerstand zu proben. Aber dann riskiert man, selbst vor verschlossenen Türen zu stehen.« Also versucht sie, die vorhandenen Strukturen so weit wie möglich auszureizen. »Wenn ich es schaffe, bin ich zumindest ein Vorbild dafür, dass es klappen kann«, sagt sie.
Damit wäre das Problem ihres Mannes allerdings noch nicht gelöst. Denn auch er ist Ägyptologe und würde sich gerne habilitieren. Bisher hat er seiner Frau den Vorrang gelassen und selbst zurückgesteckt. Er arbeitet als Kunstbronzegießer im Schichtdienst. Das ist nicht die Erfüllung, aber nur so kann er verlässlich die Hälfte der Familienarbeit übernehmen.
Demnächst wird seine Frau fünf Wochen lang im Sudan sein. Zum ersten Mal nach langer Zeit wird sie eine Ausgrabung leiten. Vielleicht ist dieses Projekt der Schlüssel zu einer gesicherten Stelle. Und dann wäre irgendwann er dran, so lautet der Plan.
Protokoll: Jeannette Otto.
- Datum 17.07.2008 - 07:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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"Damit wäre das Problem ihres Mannes allerdings noch nicht gelöst. Denn auch er ist Ägyptologe und würde sich gerne habilitieren. Bisher hat er seiner Frau den Vorrang gelassen und selbst zurückgesteckt. Er arbeitet als Kunstbronzegießer im Schichtdienst. Das ist nicht die Erfüllung,
aber nur so kann er verlässlich die Hälfte der Familienarbeit übernehmen.": Diese Frau hat es also besser als die meisten Männer in vergleichbarer beruflicher Position (nach Promotion und vor Professur), denn die müssen eine Familie ernähren (sofern sie überhaupt schon eine haben -- bei Männern ist das unsichere Gehalt häufig ein Ausschlusskriterium bei der Partnersuche), sich am Haushalt und der Erziehung der eventuell vorhandenen Kinder beteiligen und haben keine Frau, die für ihren Mann im Schichtdienst arbeitet. Da fragt man sich doch:1. Warum gibt es eine Frauenförderung, die u.a. auch solche Frauen unterstützt, während ihr Mann, falls er auch einmal zum Zug bei seiner Habilitation kommen sollte, bei eventuellen Berufungen gegenüber Frauen benachteiligt wird (und zwar in doppelter Hinsicht!)?2. Will die Zeit mit diesem Artikel eine derart unausgewogene Arbeitsverteilung propagieren, wie sie bei dieser Familie anscheinend existiert? Wundern würde es mich nicht.
ich verstehe zwar nicht so ganz, wie kinder 'wie die malaria' kommen können (obwohl mir das phänomen durchaus vertraut ist). aber ich verstehe sehr gut, wenn menschen andere 'modelle' ausprobieren und dabei die erfahrung machen, dass sie dabei an die berühmte 'gläserne decke' stoßen. in sippenhaft, sozusagen.
was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist, wo kommentator 1 da eine 'unausgewogene arbeitsteilung' entdeckt haben will! gibt's dafür noch eine erklärung nachgeliefert oder müssen/sollen wir das als tiefste tiefen ausleuchtenden geistesblitz einfach hinnehmen..stehenlassen...überlesen...?
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