Emanzipation Kraftakt

Warum eine Frau zehn Jahre lang mit befristeten Verträgen arbeitet. Susanne Schlünder, 43, erzählt. Ein Protokoll

Susanne Schlünder hatte viel zu tun in den letzten neun Monaten. Sie hat ihr zweites Kind bekommen, mit Kollegen eine Tagung geleitet, Drittmittel eingeworben, wissenschaftliche Artikel geschrieben und verschiedene Bewerbungsverfahren durchlaufen. Offiziell ist die Romanistin bis August in Elternzeit, aber ihr Arbeitspensum hat sich kaum verringert. »Spinnst du, warum tust du dir das an?«, fragt ihr Mann sie manchmal.

»Es ist eigentlich unmöglich, in der Elternzeit einfach auszusteigen«, sagt sie dann. »Die Projekte laufen weg, und am Ende muss ich etwas vorweisen.« Ihre Juniorprofessur an der Uni Osnabrück ist auf sechs Jahre befristet, nach drei Jahren erfolgt eine Evaluation. »Hätte ich jetzt ein Jahr ausgesetzt, wäre die in Gefahr gewesen«, sagt Schlünder. Ein wenig neidisch blickt sie da nach Frankreich oder England: »Dort gibt es nach der Promotion entfristete Dauerstellen. Eine britische Kollegin in Elternzeit sagt konsequent alles ab.«

Zehn Jahre lang hangelte sich Susanne Schlünder von einem Kurzvertrag zum nächsten. »Unter solchen Bedingungen gründet keine Frau guten Gewissens eine Familie.« Sie war 36, als sie mit einer Stelle an der Humboldt-Uni zum ersten Mal eine Perspektive von fünf Jahren hatte. Da wagte sie es, ein Kind zu bekommen. Nach acht Wochen Mutterschutz ging sie zurück an die Uni.

Ihr Mann ist freischaffender Künstler, und so hat sie die Rolle des Hauptversorgers übernommen, während er sich um die Kinder kümmert. Er ist es, der das Baby zum Stillen ins Kongresszentrum bringt oder unbemerkt den Kinderwagen um die Ecke schiebt, wenn seine Frau einen Bewerbungsvortrag für eine Professur hält.

»Wenn man Kinder hat, sollte man besser so tun, als hätte man sie nicht«, sagt Susanne Schlünder. Sie wünscht sich, dass Kinder viel stärker »mitgedacht« würden. Es sollte möglich sein, Termine in Bewerbungsverfahren verschieben zu können. »Damit niemand mehr eine Woche vor oder nach der Entbindung den entscheidenden Vortrag halten muss.«

Gerade in diesem letzten Jahr, das eigentlich ihrer Tochter gehören sollte, hat sich die Wissenschaftlerin bis an die Grenzen ihrer Kräfte ausgetestet. »Aber was wirklich an mir nagt«, sagt Susanne Schlünder, »ist, dass ich meine Habilitation nicht auch noch in der Elternzeit abgeschlossen habe.«

Protokoll: Jeannette Otto.

 
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