Unterricht Glücklich wie nie
Eine Heidelberger Schule verteilt erstmals Zeugnisnoten im Fach "Glück". Ein Interview mit Schülerin Tijana Matkovic

© iriskniris/photocase.de
Über Glück nachzudenken, lohnt sich
DIE ZEIT: Tijana, seit einem Jahr wirst du an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg im Fach Glück unterrichtet. Nun bekommst du sehr wahrscheinlich eine Eins auf dem Zeugnis. Heißt das, du bist ein besonders glücklicher Mensch?
Tijana Matkovic: Ich würde mich schon als glücklich bezeichnen, und eine Eins auf dem Zeugnis macht mich noch ein bisschen glücklicher, da Erfolg in der Schule wichtig für mich ist.
ZEIT: Wofür genau gibt es die Eins in Glück?
Matkovic: Zum Beispiel haben wir durch den Unterricht mit Schauspielern oder Ernährungswissenschaftlern gelernt, wie man Glück durch eine gute Lebensweise erreichen kann. Diese Erfahrungen konnten wir dann in unsere Projekte einbringen. Da ich ein sehr gläubiger Mensch bin und für mich Glück auch stark mit Religion zusammenhängt, habe ich mich mit dem Thema Buddhismus auseinandergesetzt. Wir mussten uns überlegen, was unser Thema mit Glück zu tun hat, welchen Zusammenhang es gibt.
ZEIT: Bist du jetzt glücklicher als vorher?
Matkovic: Auf jeden Fall. Denn durch den Unterricht habe ich überhaupt erst angefangen, über mein eigenes Glück und meine eigenen Werte zu reflektieren. Allein durch die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus, der besagt, dass das Leben leidvoll ist, habe ich gemerkt, wie glücklich ich eigentlich bin und wie gut es mir geht.
ZEIT: Wenn man das Glücklichsein lernen kann, wie geht das in der Praxis?
Matkovic: Man sollte nicht so viel analysieren und nicht in Selbstmitleid versinken. Stattdessen die Dinge schätzen lernen und sich das Glück des Augenblicks bewusst machen. Viele haben doch eigentlich alles, was sie brauchen, um glücklich zu sein. Man muss nicht viel Geld oder den Riesenerfolg haben, um Glück zu verspüren.
Tijana Matkovic, 18, besucht die 12. Klasse an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg
Interview: Esther Göbel
- Datum 21.10.2008 - 13:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
- Kommentare 15
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Und gleichzeitig Regen sich überall Eltern auf, dass ihre Kinder zu wenig Zeit haben weil sie soviel in der Schule verbringen.... Was soll man dazu noch sagen.
... interessant, dass es irgendwo so ein Fach gibt. Sicher ist es auch ganz nützlich, wenn Menschen sich ihrer eigenen Emotionen und Ziele klar werden und Mittel und Wege ausprobieren um glücklicher zu werden. Aber Glück lernen?Witzigerweise kam gerade gestern (21.07.08) nachmittag auf dem Deutschlandfunk eine Studie zur Glücksforschung. Dort wurde ausgeführt, dass das persönliche Zufriedenheitslevel stark genetisch determiniert ist und dass jeder Mensch sich über kurz oder lang immer wieder auf dieses Level einpendelt. Außer (und das war wohl eine neue Erkenntnis) wenn es sich um besonders schwere persönliche Einschnitte handelt. Bei einer Behinderung etwa oder bei Arbeitslosigkeit sinkt das Level dauerhaft (auch wenn sich die heftigsten negativ-Ausschläge bald wieder legen). Bei mehrmaliger Arbeitslosigkeit sinkt also auch das Level mehrmals dauerhaft. Ob es Ereignisse/Trainings gibt, die es dann doch irgendwie wieder heben können, wurde aber leider nicht erläutert.
... imho eine ganz gute Zusammenfassung gibt es hier.Demnach bestimmen:Zitat:"familiäre Beziehungen, - finanzielle Lage (Einkommen), - befriedigende Arbeit, - soziales Umfeld, - Gesundheit, - persönliche Freiheit und - Lebensphilosophie (Religion)."das persönliche Glück/Zufriedenheit. Allerdings ist mir nicht ganz klar, inwiefern das mit der Aussage über die Vererbbarkeit zusammenpasst, dazu habe ich auf die schnelle nix finden können. Theoretisch müssten bei einer Studie zur Vererbbarkeit obige Faktoren rausgerechnet werden. Das vererbte Level könnte also (in bestimmten Grenzen) nach oben und unten ergänzt werden.Aber auch bei der Aufzählung obiger Fakten sieht man schnell: der Mensch ist ein soziales Wesen. Alle diese Faktoren kann er beeinflussen, aber kaum einen davon (allein auf sich gestellt) grundlegend ändern. Daher müssten im Glücksunterricht zuerst solche Zusammenhänge offengelegt werden (geschieht ja vielleicht, konnte ich dem Interview nicht eindeutig entnehmen).
Aus dem Artikel hätte man wohl ein bisschen mehr machen können. Da wird an einer deutschen Schule ein Fach eingeführt, welches das wichtigste Handlungsmotiv des Menschen überhaupt thematisiert, und da springen nicht mehr als ein paar oberflächliche Fragen an eine betroffene Schülerin heraus ?
Wer hat es organisiert ? Wie kam es zu der Idee ? Wie positionieren die Verantwortlichen das Fach im Verhältnis zu Religion und Ethik ? Usw. usf. ...
Der Schlüssel zum Glück ist in der neuen Ich-kann-Schule nicht das sonst in der Schule übliche Mitmachen, das Sicheinfügen, das Sichunterziehen, das Sichabplagen und Sichanstrengen und sich Bemühen - im Gegenteil! In der Ich-kann-Schule ENTmüht man sich und man strengt sich AB. Wenn man schon jemand plagen wollte, dann höchstens die, die meinen, dass man sich plagen soll, aber doch nicht sich selbst! Sich in die Schablonen einfügen kommt doch für ein ständig wachsendes und an Weisheit zunehmendes Wesen schon naturgemäß nicht in Frage. Kaum entmüht man sich, kaum strengt man sich AB usw., schon kann man potent auflachen und spürt das Glück kommen und wachsen. Und den sog. Lausbuben gehts damit am besten, denn: die Unkunst des Fügens bringt die Kunst des Unfugs hervor! Glück spürt man nicht, wenn man sich dauernd alles verkneifen muss, Glück spürt man, wenn man seine Potenz wachsen fühlt. Leider ist die Standardschule so konstruiert, dass der impotente Zuständige sein Glück in Gefahr sieht, wenn schon kleine Kinder potent sind. So ist die übliche Schule von grundauf auf die Verhinderung von Glück angelegt. Welch ein Glück, wenn wir uns erlauben könnten, das wahrzunehmen und darüber hinauszuwachsen! Herzlich grüßt
Franz Josef Neffe, DCI
"There is no way to happyness. Happiness is the way". ... Eines der groessten Aergernisse, mit dem wir uns in der Neuzeit in unserer uebersaettigten, ihrer selbst ueberdruessigen westlichen Kultur herumschlagen muessen, ist sicherlich die Zeile in der amerikanischen Unabhaengigkeitserklaerung zum "Pursue of happyness". Die Gruendungsvaeter hatten dabei in alter presbyterianischer Manier eher materielle Intentionen, haetten sie gewusst, was das in ferner Zukunft fuer Auswuechse der herbeigeredeten Machbarkeit zur Folge haben wuerde, ich wage zu behaupten, sie haetten sich vorsichtiger ausgedrueckt.
dieses Schulfach "Glück" zu nennen. Das erweckt die Illusion, als ob man (immer subjektiv empfundenes) Glück gleichsam wie Mathemathik oder Geografie erlernen kann. Unterrichtsfächer wie Ehtik oder Philosophie gibt es schon länger an deutschen Schulen und sie setzen sich mit verschiedenen Lebenseinstellungen, Lebensweisen und Denkweisen auseinander. Man kann den Schülern ein ethisches Denken vermitteln, das über den eigenen Tellerrand hinausgeht, man kann sie sensibilisieren für andere, fremdartige Auffassungen von Lebensqualität, man kann sie konfrontieren mit den durchaus glücklichen Menschen vieler Entwicklungsländer und hinterfragen, warum jene Menschen trotz ihrer geringen materiellen Lebensqualität Glück empfinden. Schwertun wird sich ein Lehrplan jedoch, strebte er an, Schülern zum persönlichen Glück zu verhelfen und woraus bitte entsteht am Ende die Note? Aus dem besonders gelösten Gesichtsausdruck oder gibt es immer eine 1, damit man glücklich ist und somit das Unterrichtsziel erreicht?
Was muss in den Köpfen vorgegangen sein, die sich dieses
Fach ausgedacht haben? „Glück“? Als Schulfach? Wenn es nicht so widerlich
konsumistisch wäre, wäre es einfach nur lächerlich. Glück kann Ziel ethischen
Handelns sein, aber es ist selbst keine Ethik. Es kann (abstraktes) Ziel
wirtschaftlichen oder politischen Handelns sein, aber es ist nicht selbst
Politik oder Wirtschaft. Was also genau wollen die dort unterrichten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, Menschen bis in
ihre ur-individuellen Empfindungen hineinzureden, ihnen schon im Kindesalter
die Souveränität über das eigene Glück weg-systematisieren zu wollen, indem man ihnen den ach so „bewussten“
Konsumstil der bürgerlich-linken, halbintellektuellen, akademischen Mittel- und
Oberschicht eintrichtert?Es reicht doch, wenn man ein Opfer der Moden ist, die auf
den modernen, westlichen Selbst-Überdruss antworten, indem sie das Glück
zwischen halbverdauten, fernöstlichen Weisheiten und Bioläden verorten –
Haltungsnoten im Bereich eines milieuspezifischen Habitus und Phrasendreschen
braucht es wirklich nicht. In der Schule soll man denken lernen, nicht halb
debil herumassoziieren und „gute Lebensweisen“ von Schauspielern und
Ernährungswissenschaftlern erlernen. Welch – leider so typische – dummdreiste Arroganz, die schwierigsten, ethischen
Fragen nicht durch das Studium verschiedener, philosophischer Positionen,
sondern über Erlebniskultur und Konsum beantworten zu wollen. Was dabei
herauskommt, sieht man selbst. Matkovic sagt: „Man
sollte nicht so viel analysieren und nicht in Selbstmitleid versinken.
Stattdessen die Dinge schätzen lernen und sich das Glück des Augenblicks
bewusst machen.“ Heißt: Wenn es mir
gut geht und ich das gerade merke, sollte ich tunlichst mit dem Denken aufhören,
bevor ich es mir selbst noch verderbe. Denn, wem es gut geht, der hat ein Recht
auf eine gewisse Portion Ignoranz.
Es ist so ärgerlich… blindlings in den Konsumtotalitarismus…
wer geht mit?
Ansonsten kann ich Ihrem Kommentar nur zustimmen.
Ansonsten kann ich Ihrem Kommentar nur zustimmen.
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