Als Bundeskanzler bin ich jedes Jahr einmal nach China gereist. Nun, seit dem Ende meiner Amtszeit, bin ich drei- bis viermal im Jahr in China. Da ich nicht mehr im engen Terminkorsett des Amtes stecke, habe ich jetzt Gelegenheit, häufiger und vor allem ausführlicher als früher mit Politikern, Unternehmern und Intellektuellen zu sprechen. Meine Reisen führen mich nicht mehr nur nach Peking und Shanghai, sondern auch in die aufstrebenden Provinzen des Landes. Ich empfinde diese Gespräche als großes Geschenk, denn sie entwickeln sich stets zu interessanten Diskussionen, bei denen ich noch mehr über das Land lerne, die meinen Blick auf China schärfen und mich zugleich in meiner Überzeugung bestärken, dass wir China als Partner brauchen.

Uns Deutschen gegenüber sind die Chinesen sehr offen und zugeneigt. Dieses Angebot der Zusammenarbeit dürfen wir nicht abweisen, denn China ist für uns nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus politischen Gründen immens wichtig. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Bipolarität haben wir eine Übergangsphase amerikanischer Dominanz erlebt. Nun ist die Welt auf der Suche nach einer neuen Ordnung, und alles deutet darauf hin, dass wir künftig mehrere Pole der Weltpolitik haben werden. Neben den USA wächst die globale Bedeutung Russlands, Indiens und Chinas. Ob das vereinigte Europa die Kraft hat, sich zu einem weltpolitisch bedeutsamen Akteur zu entwickeln, ist offen. Die aktuellen Ereignisse und Rückschläge geben noch keinen Grund zu Optimismus. Fakt bleibt, dass wir China zur Bewältigung der großen internationalen Herausforderungen brauchen. Herausforderungen wie zum Beispiel der Klimawandel, die Energiesicherheit, die unkontrollierte Migration, die Bekämpfung des Terrorismus oder die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen können nur mit und nicht gegen China gemeistert werden. Und gerade Deutschland, das wie kein anderes europäisches Land international verwoben ist, muss für die enge Einbindung Chinas in die Weltordnung werben und arbeiten.

Alle, die das Land kennen, wissen, dass wir dieses Ziel nicht durch öffentliche Anklage Chinas, sondern nur durch vertrauensvolle Zusammenarbeit erreichen werden. Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland unsere eigenen Möglichkeiten nicht ausreichend nutzen, um an der Öffnung und Modernisierung Chinas mitzuwirken. Deutschland könnte von allen europäischen Staaten den größten Einfluss haben, aber derzeit positionieren sich andere Länder, etwa Frankreich, politisch, wirtschaftlich und kulturell wesentlich besser.

China hat in den vergangenen 30 Jahren eine äußerst positive Entwicklung genommen. Vor 1978 war seine Gesellschaft von Hunger, Not und Unterdrückung gekennzeichnet. Wer Chinesen heute trifft, vor allem in den Großstädten an der Küste, aber auch in den Metropolen der Provinzen, der erlebt gebildete, weltoffene und aufgeklärte Menschen. Der Wohlstand, der breite Schichten der Bevölkerung erreicht hat, gibt Sicherheit. Wer über China redet, muss anerkennen, dass das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten rund 400 Millionen Menschen aus bitterster Armut und Hunger befreit hat. Wenn man die Lebensstandards in China und Afrika vergleicht, die vor 30 Jahren auf einem ähnlichen Niveau waren, dann hat China einen gewaltigen Schritt getan, indem es seinen Bürgern ein besseres Leben ermöglicht hat.

Es gehört zu den größten zivilisatorischen Erfolgen des vergangenen Jahrhunderts, dass China diesen Modernisierungsschritt vollzogen hat und zugleich als Vielvölkerstaat seine Stabilität wahren konnte. Aber immer noch gibt es Menschen im Land, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben müssen. Daher ist verständlich, dass die chinesische Führung der Verwirklichung der sozialen Menschenrechte Vorrang gibt. Wir können zuversichtlich sein, dass es China in der nächsten Dekade gelingen wird, diese existenzielle Armut, die insbesondere auf dem Land noch herrscht, zu überwinden.

Die Öffnung und Modernisierung im Inneren ist mit einer ausgleichenden Rolle nach außen einhergegangen. In allen Konflikten, die sich an den Grenzen Chinas abspielen – ob Kaschmir, Taiwan, Nordkorea –, setzt die chinesische Führung auf friedliche Lösungen und auf Verhandlungen. Peking hat eine Entspannungspolitik mit Taiwan und Japan eingeleitet, die über wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Kontakte forciert wird. Die Armee wurde seit 1987 um rund ein Drittel reduziert, die Militärausgaben liegen bei etwa einem Zehntel der amerikanischen. Verstärkt wird das Land aktiv bei Friedensmissionen der Vereinten Nationen.