US-Hypothekenkrise Fannie und Freddie bedrohen die Welt
Die Schieflage der größten Hypothekenfinanzierer in den USA wird zur Gefahr für die Kreditwürdigkeit des Landes. Die Regierung eilt zu Hilfe. Das kann teuer werden.

© Peter Menzel/Agentur Focus
Eine Wohnsiedlung in Kalifornien, USA. Sinkende Häuserpreise bringen die Hypothekenfinanzierer in Bredouille.
Armes Amerika: Die kalifornische Immobilienbank Indymac kollabiert und sorgt für die zweitgrößte Bankenpleite der US-Geschichte, den beiden großen Hypothekenfinanzierern fehlt Kapital, weil ihnen die Häuserpreise wegsacken, und der Dollar ist – in Euro gerechnet – schwächer denn je.
Mit voller Wucht meldet sich die internationale Finanzkrise zurück. Kein Wort mehr von jener Beruhigung, von der noch vor wenigen Wochen der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann berichtet hatte. Wie im September, als die britische Hypothekenbank Northern Rock zusammenbrach, bilden sich Menschenaufläufe vor Geldhäusern; wie im März, als die US-Investmentbank Bear Stearns zu kollabieren drohte, schnürt die amerikanische Regierung hektisch Rettungspakete.
Es sind kritische Tage für die USA – und für die ganze Welt. Nicht nur der Dow-Jones-Index hat kräftig nachgegeben, der Dax rutschte gerade sogar auf ein neues Jahrestief, und der Konjunkturindex des Mannheimer ZEW-Instituts fiel so niedrig aus wie noch nie. Die Krise mache ihm »große Sorgen«, sagt der Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der qua Amt Optimist sein muss.
Das Undenkbare ist geschehen: Die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika ist plötzlich ein Thema an den Märkten. Rating-Agenturen sehen sich gezwungen, zu versichern, die Top-Bonitätsnote der größten Volkswirtschaft der Welt sei nicht in Gefahr. Schlimmer geht es kaum.
Vor allem die Probleme der Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac in den USA beunruhigen die Investoren. Die beiden Finanzriesen halten oder garantieren annähernd jede zweite Hypothek im Land. Beide haben ihren Ursprung in den Sozialreformen des New Deal.Ihre putzigen Namen sind der Versuch, Abkürzungen aussprechbar zu machen. So wurde aus FNMA (Federal National Mortgage Association) Fannie Mae, gegründet 1938, um US-Bürgern den Traum vom Eigenheim zu realisieren. Sie kauft den Banken mit geliehenem Geld Immobilienkredite ab, übernimmt die Ausfallrisiken und platziert die Forderungen bei Investoren oder behält sie. Dadurch haben die Banken mehr Platz in ihrer Bilanz für neue Darlehen.
Weder Fannie noch Freddie sind in das Geschäft mit den berüchtigten Ramschhypotheken eingestiegen. Sie prüfen sogar genauer als viele Banken, wie solide die Papiere sind, die sie aufkaufen. Weil aber die Immobilienpreise abwärtsrauschen und breite Mittelschichten ihre Hypotheken nicht bedienen können, weiten sich die Löcher in den Bilanzen von Fanny und Freddie zu Kratern. Nun hat die Wall-Street-Bank Lehman Brothers ausgerechnet, dass die Riesen frisches Kapital in Milliardenhöhe brauchen. Das versetzt Investoren in Panik.
Asiatische Zentralbanken investierten Milliarden bei Fannie und Freddie
Fannie und Freddie sind private Aktiengesellschaften, werden aber vom Staat streng kontrolliert – mit der Folge, dass sie an den Märkten von jeher als Unternehmen mit Staatsgarantie behandelt wurden. Würde die Regierung die Rettung verweigern, würde der Häusermarkt zwischen Boston und Los Angeles vermutlich zusammenbrechen. Und an den internationalen Kapitalmärkten drohte den USA ein gigantischer Vertrauensverlust. Denn mit den Anleihen der beiden Riesen haben die Amerikaner in der Vergangenheit auf der ganzen Welt ihre Rechnungen beglichen. Insbesondere asiatische Zentralbanken haben sich im Vertrauen auf den Staat die Papiere ins Depot geholt. Etwa ein Viertel des ausländischen Kapitals, mit dem die USA ihr enormes Leistungsbilanzdefizit finanzieren, liegt bei Fannie und Freddie. »Die beiden sind zu wichtig, um sie pleitegehen zu lassen«, sagt Harm Bandholz, USA-Experte bei der Unicredit-Bank in New York.
Das sieht auch die amerikanische Regierung so. Das ganze Wochenende über hat Finanzminister Henry Paulson sich in Washington mit Spitzenpolitikern der beiden großen Parteien beraten und mit führenden Investmentbankern telefoniert. Notenbankgouverneur Ben Bernanke berief das Direktorium der Federal Reserve ein. Am Sonntagabend Ortszeit – gerade noch rechtzeitig vor Öffnung der Finanzmärkte in Asien, wo bereits der Morgen graute – stand das Rettungspaket: Wenn sich die Lage verschlimmert, steht der Staat mit Krediten für Fannie und Freddie bereit, im Notfall beteiligt sich die Regierung – also der Steuerzahler – auch direkt an den beiden Unternehmen.
Diesmal könnte die Rechnung höher ausfallen als im Fall Bear Stearns. Fannie und Freddie bürgen für Hypotheken im Wert von gut 5.000 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa der jetzigen US-Staatsverschuldung. Schon rechnen Analysten den Oberen in Washington genüsslich vor, dass die Schuldenquote dann mit einem Schlag auf 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stiege. Diese Summen mögen pure Panikmache sein, denn den Verbindlichkeiten stehen ja auch Vermögenswerte gegenüber, der Rufschaden aber bleibt.
Fannie und Freddie kämpfen mit derselben Krise wie die meisten westlichen Großbanken. Immer neue Abschreibungen müssen sie vornehmen. In Großbritannien trieb akute Geldknappheit diese Woche die Immobilienbank Alliance & Lester in die Arme des spanischen Konkurrenten Santander. In Spanien musste die größte Immobiliengruppe des Landes, Martinsa-Fadesa, aufgeben. Und die Schweizer Großbank UBS muss die unvorstellbare Summe von 40 Milliarden Franken abschreiben.
Eine gemeine Rechnung: Fünf Billionen Dollar Staatsschulden
So wird die Lebensgrundlage vieler Banken langsam aufgezehrt: das Kapital. Schrumpft es, kann eine Bank nicht mehr so viele Kredite vergeben, und geht es ganz zur Neige, wird sie von den Behörden geschlossen. Zuerst wohl in den USA: Josh Rosner, Experte beim Finanzberater Graham Fisher, geht davon aus, dass die kalifornische Indymac kein Einzelfall bleibt. »Das ist erst die Vorrunde.« Als gefährdet gelten gar das Traditionshaus Lehman Brothers und die größte Sparkasse, Washington Mutual.
Als im vergangenen Herbst die erste Krisenwelle rollte, standen noch milliardenschwere Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten mit Kapital bereit. Bei Merrill Lynch und der Citigroup in den USA kauften sie sich genauso ein wie bei der UBS. Aber jetzt? Bei 30 Dollar notierte die Aktie der Citigroup, als die Abu Dhabi Investment Authority im November einstieg. Derzeit liegt sie bei knapp über 15 Dollar. »Wollen Sie uns beleidigen, glauben Sie etwa, wir können nicht rechnen?«, bürstete der Verantwortliche eines Fonds entsprechende Vorstöße eines Vermittlers nach Angaben von Insidern ab.
In ihrer Verzweiflung erwägt die US-Notenbank, Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften den Einstieg bei Banken zu erleichtern. Wenn auch das nichts hilft, bleibt am Ende nur der Staat, so wie jetzt wohl bei Fannie und Freddie. Harm Bandholz sagt, am Ende könnte »eine komplette Verstaatlichung der Hypothekengiganten nötig werden«. Der Staat würde die Institute in diesem Fall sanieren und sie dann wieder verkaufen, um den Schaden für den Steuerzahler gering zu halten. Leer ausgehen würden die Aktionäre. Finanzminister Paulson hat Spekulationen energisch zurückgewiesen, wonach eine Verstaatlichung bereits vorbereitet würde.
Die Lage ist auch deshalb so prekär, weil der Finanzsektor von verschiedenen Seiten zusätzlich unter Druck kommt. So geben Finanzaufseher den Instituten zu verstehen, dass sie einige der hochriskanten Geschäftspraktiken, wie sie auch zur Hypothekenkrise führten, nicht mehr dulden werden. Die Probleme der Wirtschaft seien auf eine »unzureichende Regulierung« zurückzuführen, rügte jüngst Barney Frank, Vorsitzender des Finanzausschusses im US-Kongress. Nun sollen die Banken gezwungen werden, mehr Eigenkapital zurückzulegen. Das aber dürfte den Kapitalbedarf der Institute noch einmal erhöhen. In der Schweiz kämpfen führende Banker hinter den Kulissen bereits gegen strengere Kapitalregeln, die die eidgenössische Bankenaufsicht verhängen will.
Auch dass die Konjunktur ob hoher Energiepreise lahmt, macht den Banken zu schaffen. Die Zahlungsausfälle nehmen zu. All dies geschieht in einer Zeit weltweit hoher Inflationsraten. Das bedeutet, dass die Zentralbanken anders als sonst im Abschwung üblich nur wenig Spielraum haben, um die Wirtschaft durch niedrige Zinsen anzukurbeln. Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins zuletzt sogar erhöht.
Wie es jetzt weitergeht, das ist auch eine Frage der Psychologie. Eine Schrumpfkur im Finanz- und Immobiliensektor halten die meisten Ökonomen nach den Exzessen für gesund. Doch genau wie in den Boomjahren nach oben übertrieben wurde, droht jetzt eine Übertreibung nach unten. Das liegt vor allem daran, dass die Banken die meisten Papiere in ihren Büchern zum aktuellen Marktwert oder zu aktuellen Schätzpreisen bilanzieren müssen. Sinken diese, weil die Anleger kalte Füße bekommen, muss der Wert der betroffenen Papiere in den Büchern der Bank nach unten korrigiert werden – auch wenn es sich eigentlich um eine solide Anlage handelt. Folglich kommt es zu neuen Abschreibungen, die Banken vergeben weniger Kredite, und die Anleger fürchten den Kollaps und verkaufen weiter. Eine solche Abwärtsspirale kann direkt in die große Weltwirtschaftskrise führen.
Fannie und Freddie sind zum Teil ein Opfer dieser kollektiven Irrationalität, haben sie doch vor allem Qualitätspapiere an Bord. Auch bei der Pleite von Indymac war der Panik-Mechanismus am Werk. Nachdem der Senator Charles Schumer die Frage eines möglichen Zusammenbruchs aufgeworfen hatte, räumten die Menschen ihre Konten, die Bank war am Ende. In Finanzkreisen wird deshalb diskutiert, die Bilanzregeln zu ändern. Die Banken müssten demnach nicht mehr jeden Kursverlust nachvollziehen. An diesem Donnerstag will Josef Ackermann dazu in Washington konkrete Vorschläge machen. Doch nicht mal die Chefs der großen Banken sind sich einig.
Ginge die Abwärtsspirale weiter, könnte sich ihr die deutsche Wirtschaft nicht entziehen. Die Banken müssten weitere Abschreibungen vornehmen. Und die Exportwirtschaft leidet schon an der US-Schwäche. Nach internen Schätzungen der Bundesregierung ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um etwa ein halbes Prozent geschrumpft. Viel hängt davon ab, ob es Henry Paulson gelingt, die Panik einzudämmen. Dann würde sich zwar die Weltkonjunktur abschwächen, aber der Schaden hielte sich in Grenzen. Immerhin: Paulson kennt das Metier. Vor seiner Berufung zum Finanzminister leitete er die Investmentbank Goldman Sachs und hat dort mit jenen Papieren Geld verdient, die ihn jetzt die Wochenenden kosten.
- Datum 04.05.2009 - 10:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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