Gesundheitsreform So ist der Plan
Auf den ersten Blick scheint alles einfacher zu werden: Von Anfang 2009 an legen die rund 200 gesetzlichen Krankenkassen ihre Beitragssätze nicht mehr selbst fest. Stattdessen gibt es dann einen Einheitsbeitrag für die 71 Millionen gesetzlich Versicherten. Den bestimmt die Bundesregierung einmal im Jahr per Rechtsverordnung. Alle Beitragseinnahmen fließen künftig an einen neuen Gesundheitsfonds, der das Geld wiederum an die einzelnen Kassen verteilt. Wie viel die Kassen bekommen, hängt von den dort Versicherten ab: ihrem Alter, ihrem Geschlecht und vor allem vom Gesundheitszustand. Dafür setzt das Bundesversicherungsamt eine Liste von 80 Krankheiten auf, für die es unterschiedlich hohe Zuweisungen gibt.
Wie viel die einzelnen Kassen am Ende genau gewinnen oder verlieren, weiß noch niemand, weil das Bundesversicherungsamt die nötigen Daten erst Mitte August vorlegt. Es ist aber absehbar, dass auf Dauer nicht alle Kassen mit den Zuweisungen aus dem Fonds auskommen werden. Um ihre Einnahmen zu erhöhen, können sie künftig von ihren Versicherten Zusatzbeiträge verlangen. Diese dürfen ohne Rücksicht auf das Einkommen der Versicherten bis zu acht Euro betragen. Liegen sie darüber, greift eine Härtefallklausel. Danach darf der Zusatzbeitrag nicht höher als ein Prozent des Einkommens ausfallen. Einem Auszubildenden mit 600 Euro zum Beispiel darf die Kasse einen Zusatzbeitrag von acht Euro abverlangen. Sie kann diesen Betrag jedoch nicht um einen Euro erhöhen. Dann würde nämlich die Härtefallklausel greifen und den Zusatzbeitrag paradoxerweise von neun auf sechs Euro verringern.
Kompliziert? Es kommt noch besser: Die Kassen dürfen nicht nur Zusatzbeiträge erheben, sondern auch Prämien an die Versicherten überweisen. Das kann beispielsweise für eine Betriebskrankenkasse interessant sein, die bisher einen niedrigen Beitragssatz hat und fürchtet, ihren Wettbewerbsvorteil zu verlieren. Sie kann jedem Versicherten beispielsweise 20 Euro überweisen. Allerdings fürchten die Kassen, auf diese Weise vor allem Geringverdiener und Arbeitslose anzulocken. Die pauschale Prämie von der Kasse wäre gerade für Menschen mit wenig Geld ein netter Zuverdienst. Gut möglich, dass in Zukunft eher Menschen mit wenig Geld die Kasse wechseln – bisher versuchten das vor allem Gutverdienende.
In jedem Fall müssen sich alle Versicherten auf ein ziemliches Durcheinander einstellen. Für jemanden, der bisher von niedrigen Beitragssätzen profitiert hat, wird die Krankenversicherung zunächst teurer – in einem zweiten Schritt aber vielleicht wieder billiger, weil er eine Prämie erhält. Wer hingegen in einer teuren Kasse ist, zahlt ab Januar weniger, muss dafür aber mit einem Zusatzbeitrag rechnen. Eine einfache Reform? Ganz sicher nicht. NIA
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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