Italien Wie wild ist die Wildnis?

Eine Wanderung durch den norditalienischen Nationalpark Val Grande

Flache Felsbrocken überlappen sich schindelartig, decken die traditionellen Val-Grande-Häuser, die wie versteinerte Saurierrücken im Vigezzo-Talgrund buckeln. Sie prägen das Ortsbild von Malesco, dem nördlichen Hauptort des Nationalparks. Früher waren die Dächer tödlich wie Bergstürze, wenn unter der tonnenschweren Steinlast einer der Dachsparren aus Kastanien-Kernholz barst.

Was waren das für Menschen, die so hoch belastet schliefen? Einer, der es wissen könnte, ist Bernhard Herold, 46, Schweizer Agrarökonom, sehnig, hoch aufgeschossen, fließend in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Beruflich überprüft er von Zürich aus Schweizer Firmen, die Fair-Trade-Waren vertreiben. Wenn’s sein muss, mahnt er Defizite an. Und ein Defizit – es gab bis vor Kurzem keinen deutschsprachigen Val-Grande-Wanderführer – inspirierte den passionierten Alpengeher auch zu seiner Fleißarbeit über den 146 Quadratkilometer großen norditalienischen Nationalpark.

Herold hat die Geschichte dieses abgelegenen Winkels erforscht: »Damals hatten die Bergbewohner nicht mehr Gottvertrauen oder mehr Schicksalsergebenheit als ihre Nachbarn im Tessin oder im Wallis. Es waren arme Milchbauern, die sich für den Hausbau nur das leisten konnten, was die Natur ihnen gratis überließ.«

Und das waren ein paar Kilometer westlich vom Lago Maggiore vor allem diese fladenflachen Gneis-Brocken, ähnlich denen, die man über die Wasseroberfläche flitschen lässt. Nur tausend Mal so schwer und hundertfach größer. Massivfels-Bedachungen baute man nur dort, wo sich die Naturschindel im Winter auf eisigen Rutschen und mit vertretbarem Aufwand zu Tal schlittern ließen.

Über den archaisch geschuppten Dächern von Malesco, dem idealen Ausgangsort für Wildniswanderer im oberen Teil des Val-Grande-Parks, flirrt die Junisonne. Hohe Wolkenschleier ziehen von Domodossola im Westen durchs Vigezzo-Tal ostwärts zum Lago Maggiore – fadenscheinige Gespinste, die den durchscheinenden Himmel noch höher, noch blauer machen. Und hier soll so ziemlich die feuchteste Ecke des gesamten Alpenbogens sein? Ja, sagt Bernhard Herold und fügt hinzu, davon werde man wohl spätestens morgen Nachmittag eine Ahnung bekommen.

Sicher?

Ich beschließe, das nicht gehört zu haben. Heute ist heute, und heute möchte ich, bitte schön, einen sonnigen Einstieg in das größte geschützte Wildnisgebiet der Alpen.

»Wildnis« – das Wort liest man meist in Anführungszeichen gesetzt, weil unbestreitbar echte Wildnis in Westeuropa nur noch in winzigen Relikten existiert, verstreut wie Goldkörner in ordinärem Gestein. Und Bernhard Herold, der seinen Val-Grande-Wanderführer immerhin mit Unterwegs in der Wildnis (ohne Anführungszeichen!) untertitelt hat, räumt ein: »Neowildnis« sei vielleicht richtiger, eine Neuwildnis, die das einst mühsam kultivierte Land wieder überwachsen hat.

Schwarze Hummeln sitzen auf Enzian, Kolkraben krächzen zum Gruß

Die Täler und Almen zwischen dem Großen See im Osten und dem Ossolatal im Westen erlebten in den vergangenen hundert Jahren eine Landflucht, die an Entvölkerung grenzt. Zu klein die nutzbaren Flächen, zu steil die Stege, zu einsam und unzugänglich die Almen, zu mager die Erträge. Und wo die klassischen Bergweiden nicht mehr entbuscht und entbaumt werden, rückt der Wald vor. Erst die Pioniere, Grünerlen und Alpenrose, dann die Stämmigen: Buchen, Bergahorn, Lärche. Zwischen 1950 und 2000 hat sich der Waldanteil verdoppelt. Weit und breit wunderbar wilder Wald, aus dem die Val-Grande-Urgesteinskämme aufragen: Gneis, Granit vielfach marmorgeädert.

Gut so, Natur pur, sagt sich der Wildnisfreund… etwas voreilig vielleicht. Denn Artenvielfalt, ein erklärtes Ziel für jeden Nationalpark, steckt weniger im Bergwald, sondern weit mehr auf sparsam genutzten Almen. Wo ausreichend Licht hinfällt, rangelt das Leben in großer Buntheit und Mannigfaltigkeit um die besten Plätze. Also doch wieder eingreifen, roden, mähen, zurechtstutzen? Selbst im Kerngebiet des Nationalparks, wo das Gesetz schon kleinste Eingriffe verbietet?

Ich merke mir die Frage für den Hüttenabend. Erst einmal nehmen mir Anstieg und Fernblicke zur Alpe Straolgio (hier heißt Alm: Alpe) den Atem. Ein Waldmeer brandet in Dutzenden Grünchangierungen gegen den Fels, umfließt Flanken und Steilwände, fällt in grünen Großtropfen in Schluchten und Klammen. Schwarze Hummeln – die Farbe hilft ihnen, Sonnenwärme zu tanken nach kühlen Bergnächten – belagern Enzian und Soldanellen; Kolkraben krächzen einem Unwillkommensgrüße zu, Gämsen federn zu Dutzenden über die letzten Schneezungen, die noch tropfnass ins Tal hängen.

Isomatten und mäusesichere Truhen – keine Hütte für Warmduscher

Ein paar Hundert Höhenmeter weiter oben an der Genoveva-Kapelle fällt der Blick auf eine dieser Kampf-Almen. Kampf nicht so sehr wegen der Auseinandersetzung Mensch-Natur, sondern vor allem und besonders aus siedlungsgeschichtlichen Gründen. Davon weiß Wanderbuchautor Bernhard Herold ziemlich Schauerliches zu berichten: Vor 600 Jahren soll es zwischen den heutigen Parkdörfern Malesco und Cossogno um die Alpe Campo ein schreckliches Gemetzel gegeben haben, das mit aufgespießten Köpfen, mit Gehenkten, mit in Milch Ertränkten und einer vielhundertjährigen Feindschaft der konkurrierenden Dörfer endete. Wie wahr sie sind, die grässlichen Überlieferungen um Rind und Raub, Rechte und Rache, ist umstritten.

Andere Geschichten sind wahr. Nach kurzer Höhenwanderung von der Kapelle westwärts, vorbei an Felsen mit schwefelgelben Algensignaturen und Wasserfällen, die mehr zu Tal stäuben als fallen, erreicht man eine Gedenktafel, angebracht am Eingang zur Straolgio-Biwakhütte. Die Inschrift ehrt drei gefallene Partisanen, drei von rund 350, die im Val Grande im Mittsommer 1944 von Hitlers Soldaten erschossen oder gefangen und hingerichtet wurden.

Im Großen Tal wurde eines der letzten Kapitel des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Hitlerdeutschland nutzte sein Sieg nichts mehr, aber Italien, das kurz vor Kriegsende noch die Seiten wechselte, bekam ein paar späte Helden des Widerstands. Herolds Buch bietet auch Wanderungen auf den Spuren der Partisanen an: …an dieser Furt liefen die ausgehungerten, oft kampfunerfahrenen Idealisten ins deutsche MG-Feuer … in diesem Stall mit dem eingestürzten Dach rasteten sie … am Eingang dieser Schlucht fanden sie eine weggeworfene deutsche Zigarettenschachtel und konnten so der gestellten Falle am anderen Schluchtende entgehen.

Die gut ein Dutzend Biwakhütten, die im Parkgebiet errichtet wurden, sind schlicht und angemessen: Kanonenofen und offene Feuerstellen, rohe Holztische und Bänke, eine eingezogene Zwischenetage, wo man seine Isomatte ausrollen kann, eine mäusesichere Holztruhe – und alles überwölbt von den massiven Val-Grande-Steindächern, die zum Glück auf frischen, soliden Holzgestellen ruhen. Diese Hütten sagen mit steinernem Gesicht: Kommt her, alle, die ihr mühselig und gepäckbeladen seid, kommt alle her, wenn ihr born to be wild seid. Aber bleibt weg, wenn ihr Warmduscher und vom Frühstücksbuffet abhängig seid.

Bernhard Herold zaubert aus dem Nichts (oder doch eher aus seinem Rucksack) ein Pilzrisotto-Fertiggericht und empfiehlt zum Nachtisch den Sonnenuntergang, so, als hätte er ihn selbst angerichtet. Der lohnt jeden vergossenen Schweißtropfen. Graue Wolkenschiffe stranden im Westen am Monte-Rosa-Massiv, die Topsegel rot, die Kiele berühren die obere Waldgrenze. Aus den Rümpfen wetterleuchtet es, als würden Breitseiten gegen den Alpenhauptkamm abgefeuert.

Vorboten des Regens, den Herold für morgen angekündigt hat? Aus den offenen alpinen Buschflanken unterhalb des Biwaks schwillt ein Kollern. Balzende Birkhähne, sagt Herold, und das Restlicht reicht noch gerade so aus, um einen Hahn auf einer freistehenden Erle im Fernglas zu fixieren.

Als die Nacht das Panorama verhüllt hat und das Feuer im Kanonenofen klein gebrannt ist, stelle ich meine aufgesparte Frage von heute Mittag: Wie will man mit der Wildnis umgehen? Soll man die viel zu vielen Wildschweine – von Jägern vor einigen Jahren leichtfertig ausgewildert und seit Jahren als nächtliche Wühlkommandos im und um den Park gefürchtet – nicht doch mit der Büchse dezimieren? Auch im Nationalpark, wo von Rechts wegen nicht gejagt werden darf? Das grundsätzliche Nein zur Jagd schwankt, aber es hält noch. Und soll man, obwohl man in Nationalparks der Natur eigentlich programmatisch ihren Lauf lassen sollte, die zuwachsenden Almen wieder gegen den Wald freikämpfen? Ja, aber mit Augenmaß, zitiert Herold die Nationalpark-Verwaltung. Und er kennt auch die Argumente der nebenberuflichen Wanderführer von der Cooperativa Val Grande. Sie weisen darauf hin, dass man Fernblicke – also den eigentlichen Wanderer-Augenschmaus – im dichten Wald nicht servieren kann. Lupenreine Wildnis schafft nicht schon per se gute Optik.

Eine wissenschaftlich ausgewertete Befragung der Nationalpark-Anlieger ergab, dass die Menschen hier kein abbandono, keine totale Aufgabe der Almen, wollen. Aber Alm-Einsiedeln will auch niemand. Die jungen Paare, die einen Sommer lang Sennerei betrieben – es gab sie, als die Ökobewegung noch jung war und lindgrün träumte –, gibt es nicht mehr. Und Aussteiger, die nicht zugleich in harte körperliche Arbeit einsteigen, sind als Senner nicht einmal eine Notbesetzung.

Dennoch will man seitens der Parkverwaltung alte Almen offenhalten. Nicht wegen der paar Tausend Liter Milch, sondern wegen der Naturtouristen, deren Zahl Jahr für Jahr zunimmt. Wie sich der Fortbestand der Almen verwirklichen lässt, ist aber noch unklar.

Die neuen Liebhaber des Val Grande sind zu 70 Prozent deutschsprachig. Denn Italiener aus der Poebene und dem Süden, so ließ sich der stellvertretende Bürgermeister von Malesco gestern in der Tourismus-Zentrale vernehmen, hätten in der Regel null Ökogefühl: Berge die man nicht hinaufgondeln oder mit dem Pkw befahren kann, interessieren sie nicht. Biwaks ohne Espressomaschine, Bar und TV? Inaccettabile!

Der Morgen ist feucht, die Täler sind verhangen. Die anstehende Gratwanderung wird zur Gratwanderung zwischen Abrutschgefahr und Wegverlust. Aber – seltenes Privileg! – ich habe ja nicht nur den gebundenen Herold-Wanderführer im Gepäck, sondern den Autor trittsicher vor mir.

Wer ansonsten unkundig in Regenwolken geht, geht Risiken ein. Und noch sind auch die Hauptwanderrouten des Val Grande nur sparsam ausgezeichnet, was im Normalwanderbetrieb ärgerlich, bei geringer Sicht bedenklich ist. Herolds Wanderführer merkt an, dass man gewisse Routen bei unsicherer Wetterlage meiden sollte; für diesen und jenen Weg empfiehlt er ortskundige Begleitung. Wir überqueren Rinnsale, die zu Bächen anschwellen, Bäche, die sich zu Sturzbächen aufschäumen, Sturzbäche, die wild die Betten wechseln.

Was Wildnis ist oder wie und wo wieder werden könnte, lässt sich lang und breit diskutieren (übrigens ein Lieblings- und Dauerthema in deutschen, österreichischen und schweizerischen Naturschutzakademien). Aber erst wenn ein alpiner Dauerregen den Regenschutz durchdringt, wird sie hautnah, die Wildnis.

Information Val Grande

Anreise:
Mit dem Zug von Basel nach Domodossola. Von dort erreicht man die Ausgangspunkte für Touren ins Val Grande im Ossolatal mit dem Regionalzug oder Bus, für Touren ins Vigezzotal nimmt man die Centovalli-Bahn. Lokale Fahrpläne: www.vcoinbus.it

Unterkunft:
Im Ausgangsort Malesco kostet das Doppelzimmer im Leon d’Oro (Tel. 0039-0324/92127, www.leondoro.eu ) oder im Val Grande (Tel. 0039-0324/92421, www.valgrande.info ) jeweils 50 Euro

Nationalpark:
Die Besucherzentren in Buttogno, Cicogna, Intragna, Premosello und Rovegro sind jeweils an den Wochenenden im Sommer geöffnet. Informationen mit Hinweisen zu Kartenmaterial und Ausrüstung erteilt die Parkverwaltung: Ente Parco Nazionale Val Grande, Villa Biraghi, I-28805 Vogogna (VB), Tel. 0039-0323/557960, www.parcovalgrande.it

Literatur:
Bernhard Herold Thelesklaf: »Nationalpark Val Grande – Unterwegs in der Wildnis zwischen Domodossola und Lago Maggiore«. Rotpunktverlag, Zürich 2008; 296 S., 26 Euro

Auskunft:
Italienische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/237434, www.enit.de

 
Leser-Kommentare
  1. Der Natioanlpark Val Grande ist eine einmalige aufgelassene Kulturlandschaft, die in der Tat erobert sein will. Mit den Schnitzelalmen und der Hüttengaudi der Ost-Alpen hat das nichts zu tun und ist deshalb wohltuend.

    Seit es den hervorragenden Führer von Bernhard Herold Thelesklaf gibt ist das Abenteuer auch für Wanderer planbar, die keine Expeditionsambitionen haben. Aber unterschätzen sollte man die "Wildnis" dennoch nicht.

    Schön, dass es mitten in den Alpen auch sowas noch gibt!

    Interessante Berichte und Tipps zu Touren im Val Grande Nationalpark gibt es auch auf
    www.mountainzones.com

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Italien | Reise | Wildnis | Tessin | Lago Maggiore | Wallis | Basel | Alpen | Zürich
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service