In jenem Sommer, in dem ich mich in den Italiener verliebte, erzählte man sich am Strand von Bettino Craxis Betrügereien, und ich dachte: Komisches Land, wo sogar die Bademeister wissen, wie der Sozialistenchef betrügt! Es war der Sommer 1989, ich lag im Liegestuhl und hörte dem Bademeister zu, der so gleichmütig über das System der illegalen Parteienfinanzierung von Sozialisten und Christdemokraten, über Amtsmissbrauch und Bestechungsgelder referierte, über Mafia-Verwicklungen und Mordkomplotte, als handele es sich um das nächste Boccia-Strandturnier.

Noch im gleichen Jahr fuhr ich zum ersten Mal als Journalistin nach Sizilien. Dort lernte ich den Polizisten kennen, der die Pizza Connection aufgedeckt hatte, den Heroinhandel zwischen Sizilien und Nordamerika. Er wurde von zwei Leibwächtern bewacht und fuhr in einer gepanzerten Limousine, und ich weiß noch, wie ich dachte: Was für ein eigenartiges Land! Die Polizisten müssen hier bewacht werden!

Das Innenministerium hatte ihn aufgefordert, Sizilien zu verlassen, weil man nicht mehr für seine Sicherheit garantieren könne. Als er sich weigerte, wurde er nach Palermo strafversetzt. Ich fand es bizarr, dass man in Italien erfolgreiche Polizisten bestrafte, aber ich dachte, dass dies sicher bald der Vergangenheit angehören würde, schließlich waren wir in jenem Sommer 1989 alle schrecklich zukunftsgläubig: Es herrschte eine unbestimmte Stimmung des Aufbruchs, endlich bewegte sich die Welt. Im Osten bröckelte der Beton, und wir Journalisten waren davon überzeugt, dass auch in Italien das Fundament wankte, auf dem die Mafia, die Christdemokraten und die korrupten Sozialisten ihre Herrschaft aufgebaut hatten.

Es geht voran mit Italien!, fand ich. Der Italiener an meiner Seite blieb skeptisch

Nur zwei Jahre später ergab auch ich mich der deutschen Italien-Sehnsucht und zog zu dem Italiener an meiner Seite, in das Land der Italienischen Reise, »wo alle in ihrer Art nicht arbeiten, um bloß zu leben, sondern um zu genießen, und dass sie sogar bei der Arbeit des Lebens froh werden wollen«, in das Land des ewigen Azorenhochs und der unerschrockenen Staatsanwälte. In Mailand war gerade der Schmiergeldskandal aufgedeckt worden, seitdem waren die Übertragungen aus dem Mailänder Gerichtssaal die beliebtesten Fernsehsendungen. Und in Palermo hatten es Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit dem Maxiprozess zum ersten Mal in der italienischen Justizgeschichte geschafft, einen Mafia-Prozess durch alle drei Instanzen zu Ende zu führen, ohne dass es der Mafia gelingen sollte, die Urteile wieder »zurechtzurücken«. Und selbst nach der Ermordung der beiden Staatsanwälte bestand doch kein Zweifel daran, dass sich Italien an einem moralischen Wendepunkt befand und nicht länger Büttel der Mafia und einer korrupten politischen Klasse sein wollte: 1993 wurde der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti in Palermo wegen Unterstützung der Mafia angeklagt.

Die Geschichte schreitet voran!, befand ich. Nur der Italiener an meiner Seite blieb skeptisch. Hier herrscht die katholische Kirche seit 2000 Jahren, rief er, wir haben den Papst bei uns zu Hause! Vergiss nicht, dass der Katholizismus als Staatsreligion erst 1984 abgeschafft wurde! Die Mafia und die Kirche werden es nie zulassen, dass sich etwas in Italien ändert! Wir sind hier nicht in Deutschland! Sei nicht naiv!

Ich wiederum hielt die Kirche für ein Privatvergnügen und die Mafia für ein von Menschen gemachtes Phänomen: Als solches habe sie einen Anfang und werde auch ein Ende haben, hatte Giovanni Falcone gesagt, und warum sollte das nicht auch für andere Dinge in Italien gelten? Ich geriet erst in Zweifel, als die Kritik am sogenannten Tugendterror der Staatsanwälte immer lauter wurde. Nichts ist im katholischen Italien verpönter als giustizialismo, Gerechtigkeitswahn: Sind wir nicht vor Gott alle Sünder, irgendwo? Die Italiener hörten auf, die Politiker mit Münzen zu bewerfen. Und wählten Berlusconi. Der angetreten war mit hohen Absätzen, einer hauseigenen Partei und mit Damenstrümpfen vor den Objektiven der Fernsehkameras, die sein Bild weicher zeichnen sollten. Deutsche Redaktionen riefen mich aufgeregt an und fragten, was mit den Italienern los sei. Gelassen zitierte ich den italienischen Journalisten Indro Montanelli: »Um sich gegen Berlusconi zu immunisieren, sollten die Italiener ihn nur ein Mal an die Regierung wählen.« Wir konnten nicht ahnen, dass sich die Italiener bis jetzt drei Mal erfolglos gegen ihn impfen lassen würden. Berlusconi muss so etwas wie Ebola sein, stellte der Schriftsteller Roberto Alajmo fest.