Jugend 2008 Eine Klasse für sich
Wer bin ich? Wer liebt mich? Und wer hat noch Bier? Sieben Tage und sieben Nächte auf Abifahrt in der Camargue
Sara singt. Immer lauter wird ihre Stimme, als wolle sie gegen etwas ansingen. Gegen etwas, das sie in die hinterste Ecke geschoben hat und das jetzt, da sie müde ist und zehn Stunden lang still sitzen muss, hervorgekrochen kommt und sich breitmachen will. Sara singt: "Du wolltest dir bloß den Abend vertreiben und nicht grad allein gehn und riefst bei mir an." Sie hat eine gute Stimme.
Der Busfahrer lässt den Motor an. In der aufgehenden Sonne werfen die Väter und Mütter lange Schatten, sie winken, weichen zurück und schauen dem Bus noch eine Weile hinterher. "Tschüs, hässliches Saarbrücken!", ruft Sara und hebt die Hand zum Abschied.
Ein Bus mit 36 Jungen und Mädchen des Otto-Hahn-Gymnasiums: Die Jüngsten sind 16, die Ältesten 19. Sie brechen auf in die Camargue, es ist ihre letzte gemeinsame Fahrt, in neun Monaten werden sie ihre Abiturprüfungen machen. Sie werden begleitet von drei Lehrern, die auch das Ziel der Reise bestimmt haben. Die Jugendlichen, mit denen wir eine Woche auf Reisen gehen, sind ganz normale Schüler an einem ganz normalen Gymnasium in einer ganz normalen Stadt.
Nun geht das letzte Kapitel ihrer Schulzeit zu Ende, das letzte Kapitel ihrer Jugend. Bevor sie sich in alle Winde zerstreuen, bevor sie sich in der Welt der Erwachsenen zurechtfinden müssen, werden sie eine Woche lang feiern, eine Woche lang noch einmal auskosten, wie offen das Leben gerade ist, so offen wie niemals davor und danach. Vielleicht sind sie sich dessen noch gar nicht bewusst, aber einige von ihnen werden wohl in ein paar Jahren wehmütig auf diese Zeit zurückblicken. Und viele werden denken: So frei waren wir nie wieder. In diesen sieben Tagen kann man vielleicht erfahren, wie es sich heute anfühlt, jung zu sein.
Sara checkt ihr Handy auf neue Nachrichten. Nichts. "Nein, du schreibst dem jetzt keine SMS", sagt ihre Nachbarin Katharina. Sara verrutscht einen Moment lang das Gesicht. Dann schiebt sie sich auf ihrem Sitz nach vorn, verschränkt die Arme, winkelt die Beine an und presst ihre Knie so fest gegen die Rückenlehne des Vordermannes, als wolle sie ihren dünnen Körper festklemmen. Die Hosenbeine ihres weiten Trainingsanzuges sind hochgekrempelt bis unter die Knie, ein Mädchen mit Madonnengesicht in der Kluft eines Rappers. Sie zieht Fontanes Effi Briest aus ihrem Rucksack, Lektüre für den Deutschunterricht. Sara blättert darin, liest ein paar Zeilen. Rasch verschwindet das Buch wieder im Gepäcknetz.
In den vergangenen Wochen hat Sara kaum einmal still gesessen. Sie hat in ihrer Rock-’n’-Roll-Formation getanzt, ist geritten, gelaufen, ausgegangen. Wenn sie abends nach Hause kam, hat sie sich im Internet Gesellschaft gesucht. Ein paar Wochen ist es her, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat.
"Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert…", summt sie vor sich hin. Das alte Lied von Klaus Lage, das schon ihre Mutter hörte, als es in den Hitparaden ganz vorne lag. Es ist ein Lied, das auf Tobias und Annika passen könnte. Der dunkle Tobias, der Verträumte, Sanfte mit seinen hellen Augen, und die blonde Annika, so hübsch, dass bestimmt der halbe Jahrgang für sie schwärmt. Die beiden sitzen zwei Reihen vor Sara und stecken die ganze Fahrt über die Köpfe zusammen. Man könnte sie für Verliebte halten, aber am Abend wird Tobias wegen einer anderen weinen.
Nach einer Pause und mehreren Mautstopps rollt der Bus durch die Hügellandschaft Burgunds. Wer jetzt hinausschauen würde, könnte sehen, dass der Himmel schon ein wenig blauer, ein wenig südlicher wirkt als in Saarbrücken. Doch die meisten Schüler schauen nicht hinaus, sie futtern aus ihren Haribo-Phantasia-Tüten, haben die orangefarbenen Vorhänge zugezogen und ihre riesigen Sonnenbrillen wie Visiere heruntergelassen. In die Ohren haben sie sich Kopfhörer gestöpselt, es gibt keine gemeinsame Musik für den gemeinsamen Aufbruch. Einige sind schon eingenickt, eingelullt vom warmen gelblichen Licht und vom Brummen des Motors.
Wovon träumen sie? Wer ist hier wer: wer der Anführer, wer der Schwarm, der Aufmüpfige, der Verkannte, der sein Potenzial erst in der Zukunft nutzen wird, in einer anderen Konstellation? Wer ist glücklich? Wer wird es sein?
Hinten im Bus sitzt Yannik, er guckt aus dem Fenster, ohne dass sein Blick einen Halt findet. Er trägt eine Lederjacke und schweigt ein melancholisches Schweigen. Später wird er erzählen, dass er Musiker ist. Er spielt Gitarre in einer Popband, sie heißt Lunettes Rouges, Rote Brille. Yannik schreibt auch die Texte. Bisher haben sie auf Deutsch und Englisch gesungen, aber das klingt ihnen zu verwechselbar, so unemotional, sagt er. Sie werden jetzt öfter französisch singen. Die Lederjacke, die Yannik trägt, hat er sich eigens für die Fahrt gekauft. Er hat mehr als zehn Läden durchsucht, bis er eine fand, die ihm lässig genug erschien. Nur die Knöpfe aus Plastik gefallen ihm nicht. "Meine Mutter soll mir lieber Metallknöpfe drannähen."
Yanniks Idol lebt schon lange nicht mehr: Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, brachte sich um, als Yannik gerade mal drei Jahre alt war. Yannik sucht sich seine Vorbilder gerne in der Vergangenheit, er trägt ein T-Shirt mit einem Bild von Sid Vicious, dem Bassisten der Sex Pistols, der Punkband aus den Siebzigern. "Ich bin so ein Überbleibsel, einer, der für eine Bewegung schwärmt, die schon lange tot ist." Er sagt, er sei fasziniert von ihrer großen Ehrlichkeit.
- Datum 05.08.2009 - 08:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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Diese Zeit ist bei mir 4 Jahre her, beim Lesen sind so unendlich viele Erinnerungen an meine Abschlussfahrt hochgekommen.Sie haben sensibel die Themen der Jugend getroffen, ohne anzuklagen, zu loben. Sehr schöner Artikel.
Ich habe nur ca. 10% dieses Artikels quergelesen.Tut es wirklich Not, bits, bytes und Papier für so eine öde Bestandsaufnahme der Jungend zu vergeuden. Pupertäre Sinnkrisen und Klein-Mädchen-Probleme sind für mich so aufregend wie Schlagermusik.Mein Trost: die waren/sind genauso langweilig wie wir damals.Warum sagt denen keiner, dasss es jetzt est interessant wird, dass jetzt erst das wahre Leben beginnt? Oder stand das in den restlichen 90%?[Link gelöscht, bitte respektieren Sie, dass wir keine Werbeplattform für Blogs sein möchten. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.]
Hmm - jemand von der Katagorie: "Das Leben fängt morgen an."
Pech, wenn einem dann heute noch ein Ziegelstein auf den Kopf fällt.
"Mein Trost: die waren/sind genauso langweilig wie wir damals." - sieht nicht so aus, aus ob Herr Faustjucken da heute viel weiter gekommen ist...
Nur ca. 10% dieses Artikels quergelesen aber dumm daherreden?
Mein Tip:
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die * halten.
Hmm - jemand von der Katagorie: "Das Leben fängt morgen an."
Pech, wenn einem dann heute noch ein Ziegelstein auf den Kopf fällt.
"Mein Trost: die waren/sind genauso langweilig wie wir damals." - sieht nicht so aus, aus ob Herr Faustjucken da heute viel weiter gekommen ist...
Nur ca. 10% dieses Artikels quergelesen aber dumm daherreden?
Mein Tip:
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die * halten.
Wie können es sie sich anmaßen zu definieren was das wahre Leben ist?
Hmm - jemand von der Katagorie: "Das Leben fängt morgen an."
Pech, wenn einem dann heute noch ein Ziegelstein auf den Kopf fällt.
"Mein Trost: die waren/sind genauso langweilig wie wir damals." - sieht nicht so aus, aus ob Herr Faustjucken da heute viel weiter gekommen ist...
Nur ca. 10% dieses Artikels quergelesen aber dumm daherreden?
Mein Tip:
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die * halten.
Jugend ist super ZeitMan hat die Freiheit sich finden zu können,ohne durch Pflichten (fester Bindungen) gebunden zu sein.OK.Gilt auch nicht für jeden.Somit hat eine erfüllte Jugend viele Aspekte.
Nein, es ist nicht das Dicke des Königs, sondern das Brackwasser des Königs:Le terme « grau » signifie estuaire ou chenal en occitan, il vient du latingradus qui signifie passage. Il marque une communication entre les eaux de la mer et les eaux intérieures. Noch deutlicher: Der Ort heißt "Grau-du-Roi". Nicht "Gros du Roi".
Netter Bericht, sicherlich.Aber etwas weniger Oberflächlichkeit hätte nicht geschadet. Natürlich ist es schwer, sich in so kurzer Zeit ein korrektes und nicht von den eigenen Erwartungen verzerrtes Bild einer solchen Vielzahl von Personen zu machen, das gebe ich zu. Aber an so mancher Stelle drücken sich eher die US-Teen-Film-Klischees durch, als die Realität.Zufälligerweise sind die Teilnehmer der Kursfahrt Mitschüler von mir, um genauer zu sein, sie sind in derselben Stufe und mit nicht wenigen habe ich gemeinsame Kurse.Daher kann ich das Ganze etwas beurteilen, auf eine wie auch immer geartete Anonymisierung wurde hier ja auch gänzlich verzichtet. Soviel zum Thema "Datenschutz ist für die Jugend im Jahr 2008 das, was für die Jugend im Jahr 1988 der Umweltschutz war.". Das diese Aussage barer Unsinn ist, wissen die Autoren des Artikels wohl selbst; eine Handvoll Aufkleber, die man geschenkt bekommt und dann verklebt, das ist garnichts. Wenn sie was zum Thema Datenschutz und Jugend wissen wollen, besuchen sie Gesichterparty, StudiVZ oder SchülerVZ.Aber trotzdem, ganz passable Leistung.
Hallo Zeit, schafft diese Kommentarfunktion doch einfach ab. Macht es so wie früher - Leserbriefe die Kritik üben kommen einfach in den Papierkorb: Ihr schreibt einen Ortsnamen so dämlich falsch, daß es weht tut - Reaktion: Keine. Das ist schon peinlich. Oder auch nicht. Paßt aber zu der in den anderen Kommentaren geübten Kritik am Artikel.
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