Roman
»Ich schaufle und schaufle«
Französisch, existentialistisch und geheimnisvoll: Der Roman »Das Vorgebirge« von Henri Thomas, übersetzt von Paul Celan
Als Paul Celan im Februar 1961 den französischen Lyriker und Erzähler Henri Thomas kennenlernte, schienen beide auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn angelangt. Celan hatte den Büchner-Preis erhalten, Thomas den Prix Médicis für seinen Roman John Perkins und, Ende 1961, den Prix Fémina für Le promontoire, das Buch, dessen Übersetzung sich Celan im Dezember desselben Jahres vornahm. Andererseits waren und blieben beide, Celan wie Thomas, gefährdete Existenzen mit Sicherheitsabstand zum Literaturbetrieb, oft auf Ablehnung und Feindseligkeit stoßend oder diese provozierend. Henri Thomas veröffentlichte bei Gallimard, er hatte für diesen und andere bedeutende Verlage diverse Arbeiten gemacht, nicht zuletzt Übersetzungen: Ernst Jünger, Adalbert Stifter, Herman Melville, Puschkin. Mag sein, dass Celan sich von seiner Bekanntschaft mit Thomas Zugang zu den Heiligtümern der Pariser Szene erhoffte.
In der französischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist Thomas vor allem als Erzähler eine fixe Größe. Die Surrealisten um André Breton kannte er, aber nur mit dem oftmals mystifizierten Außenseiter Antonin Artaud war er enger befreundet. Die literarischen Strömungen seiner Zeit gingen zwar nicht an ihm vorbei; trotz seiner Ablehnung des Nouveau Roman tauchen in seinen Büchern hin und wieder »objektivistische«, mit strengem Zeugenblick formulierte Passagen auf. Was ihn jedoch heraushebt und manchen wohl auch suspekt machte, ist die »Schrift des Geheimnisses«, die in seinen Erzählungen Spuren legt und die letzte Auflösung der darin erzählten, oft ineinander verstrickten Geschichten verhindert. Die Hauptfigur von Le parjure, (1964) dem letzten großen Roman, wird einmal als »kleiner Romantiker« bezeichnet. Dieses Attribut trifft auch auf den Autor zu, mitsamt der in ihm schon vorweggenommenen Ablehnung, die es in unromantischer Zeit erwarten lässt. Das Vorgebirge spielt auf der rauen, zwar schönen, aber ganz und gar nicht idyllischen, im Winter ziemlich kalten Insel Korsika. Der Schauplatz hat, wie das meiste, was Thomas schrieb, autobiografische Hintergründe.
In einer Aufzeichnung aus den USA, wo er französische Literatur unterrichtete, heißt es am 29. Juni 1959: »Ich weiß nicht. Habe ich je gewusst? Habe ich mich außerhalb der Zeiten, in denen ich, von den Worten ergriffen, schrieb und mich der Bewegung der Sprache überließ, je in irgendeiner Hinsicht sicher gefühlt?« Thomas, aus den Vogesen stammend, fühlte sich zu den Inseln hingezogen. Korsika kannte er aus eigener Erfahrung, und die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er überwiegend auf einer kleinen Insel vor der Bretagne. Inseln erscheinen, im Vorgebirge ebenso wie im Parjure, als mystische, aber auch bedrohliche Entitäten, wo in bestimmten Momenten ein sonst verborgener Seinsgrund durch den Lebensalltag schimmern kann.
Ein großer Teil von Das Vorgebirge besteht aus Dorfgeschichten und Dorfgerüchten, die der Erzähler vom Hörensagen kennt und in seinen Aufzeichnungen wiedergibt. Viele Bücher von Thomas haben diesen Aufzeichnungscharakter, der es mit sich bringt, dass der Schreibvorgang im Text mit abgebildet wird und das einmal Notierte immer wieder infrage gestellt wird oder in einem anderen Licht erscheint. Unsicherheit gehört nicht nur zur Thomasschen Befindlichkeit, sie ist ein Antrieb des Schreibens, hin zu einem Wissen, das sich letzten Endes dem Zugriff entzieht (aber auf dem Weg dahin stellt sich ein anderes, bescheideneres, vorläufiges Wissen ein).
Dieses Konzept musste auf Celan anziehend wirken; es deckte sich teilweise mit seinem eigenen. Im Fall des Vorgebirges kommt eine Thematik hinzu, die den dunkel-orpheischen Sänger der Abwesenheit besonders berühren musste. Thomas’ Roman kreist nämlich um den nicht restlos aufzuklärenden Tod – Mord? Selbstmord? – eines erblindenden Mädchens, der zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen schon einige Jahre zurückliegt. Eine rätselhafte, mit schneidender Klarheit erzählte Schlüsselszene zeigt den Icherzähler beim Schaufeln des Grabes einer Verwandten des Mädchens. Der Erzähler kommentiert die Szene: »Der Schmutz hier, der Kot, den ich mitgeschleppt habe, mit dem ich beladen bin! Ich habe keine Zeit zum Saubermachen, ich haue drauf los, ich schaufle und schaufle, immer noch, jawohl.«
So lautet die Übersetzung Celans, und Barbara Wiedemann macht in ihrem Nachwort darauf aufmerksam, dass Celan hier ein Wort hinzugefügt hat: das strenge, quasi militärische »Jawohl«. Hinzufügung, ja; der Übersetzer ist hier wortreicher als der Verfasser des Originals, wiewohl ein Vergleich zuallererst zeigt, dass Celan nicht nur Inhalte, sondern auch – und in diesem Fall besonders – Rhythmen und Klänge übersetzt hat. Auch im Original steht nämlich eine Art Apposition, eine Hinzufügung, das zweite »Ich« (moi) neben dem je der ersten Person; eine Verdoppelung, die sich im Deutschen so nicht wiedergeben lässt. Man sieht, dass Celan an dieser heiklen Stelle der Erzählung von seiner eigenen Arbeit gleichsam übermannt wurde und seine Übersetzung aus dem Ruder zu laufen drohte. Celan brach sie ab, der Text blieb Fragment und seinerzeit unveröffentlicht. Barbara Wiedemann hat nun sehr behutsam und eher im Geiste Celans als Thomas’ die restlichen Seiten übersetzt und das Ganze mit einem kundigen Nachwort, textkritischen Anmerkungen sowie Fotografien des Übersetzungsmanuskripts versehen.
- Datum 31.3.2009 - 11:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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