Wie ticken die Linken? Links oben, links unten
Wie viele Linke gibt es? Und woran erkennt man sie?
Zwei Sorten von Linken gibt es: Gewinner, die ihr Glück mit anderen teilen wollen, und Verlierer, die für sich selbst ein größeres Stück vom Kuchen beanspruchen. Sehr knapp zusammengefasst, ist dies die Kernaussage einer großen Untersuchung über die politischen Milieus des Landes, soweit sie dessen linke Minderheit betrifft.
Jeder dritte Deutsche ordnet sich selbst im Lager links der Mitte ein, Tendenz langsam steigend. Wer da zusammenkommt, was die Linken verbindet und was sie trennt, darüber lässt sich viel in Gero Neugebauers Studie Politische Milieus in Deutschland nachlesen. Vor einem Jahr ist sie erschienen, die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hatte sie in Auftrag gegeben.
Links – was ist das? Nützlich zur Unterscheidung ist die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Linke betonen die Gleichheit, Rechte verweisen auf unterschiedliche Verdienste der jeweils Einzelnen als Rechtfertigung sozialer Unterschiede. Zu einer klassischen egalitären Gerechtigkeitsvorstellung bekennt sich in Deutschland nur eine kleine Minderheit. 17 Prozent meinen, dass »sich alle den annähernd gleichen Lebensstandard leisten können« sollten – gegenüber 45 Prozent, die fordern, dass »jeder nach seiner Leistung entlohnt« werde. Allerdings gibt es zu beiden Gerechtigkeitsvorstellungen große Gruppen, die ihnen zwar nicht uneingeschränkt zustimmen, sie aber auch nicht völlig abwegig finden – man ist demnach nicht links oder rechts, sondern man kann durchaus mehr oder weniger links sein.
Warum ist man links? Diese Frage wird im oberen Teil der Gesellschaft etwas anders beantwortet als unten, die Logik ist aber in beiden Fällen gleich. Den einen geht es um das Schicksal der Schwächeren, den anderen um die Verbesserung ihrer eigenen Lage.
Egoistische Motive für politische Vorlieben sind keine Besonderheit einer links gestrickten Unterschicht. Der ärmere Teil der Linken teilt diese Haltung mit einer großen Mehrheit in fast allen Bevölkerungsgruppen. »Letztlich messe ich eine Partei daran, was sie tut, um meinen persönlichen Lebensstandard zu sichern bzw. zu verbessern« – diesen Satz unterschreiben 60 Prozent der Deutschen, 65 Prozent der CDU-Wähler und 75 Prozent der Anhänger rechtsradikaler Parteien.
Aber es gibt eine Ausnahme: Im akademischen Umfeld der gut verdienenden Großstadtbewohner lässt sich nur jeder Dritte bei der Wahlentscheidung von eigennützigen Motiven leiten. In diesem Milieu kommen SPD, Grüne und Linken zusammen auf 85 Prozent der Stimmen. Und es gibt eine zweite, soziologisch verwandte Gruppe, die sich gleichmäßig über größere und kleinere Städte und Gemeinden verteilt: die Schicht der gut verdienenden Beamten und Angestellten, der Freiberufler, der klassischen materiell gut gestellten Alleinverdienerhaushalte. Lediglich 44 Prozent von ihnen treffen ihre Wahlentscheidung überwiegend unter materiellen Gesichtspunkten; und knapp 60 Prozent wählen Rot-Grün. Zusammen machen diese beiden Gruppen, die Neugebauer »Kritische Bildungseliten« und »Engagiertes Bürgertum« nennt, ein knappes Fünftel der wahlberechtigten Bevölkerung aus. Ihnen entstammt der besser gestellte Teil der deutschen Linken.
Und die linken Verlierer? Mit den Instrumenten der Soziologen sind sie schwerer zu fassen, weil sie sich nur in ihren Ansichten, nicht aber in ihrer Lebensweise vom Durchschnitt abheben. In der bedrohten Mitte der Arbeitnehmer, wo die Angst vor dem Abstieg umgeht, unter den schlecht Qualifizierten, die sich in ihren kleinen Nischen eingerichtet haben, und schließlich in der abgehängten, überwiegend ostdeutschen Unterschicht gibt es Anhänger linker wie rechter Parteien. Ganz unten ist die Drift zu den Rändern des politischen Spektrums am stärksten. Diese Unterschicht, für die Neugebauer den Begriff des »Prekariats« prägte, ist ganz überwiegend in Ostdeutschland zu Hause und trägt dort maßgeblich zum politischen Erfolg von Linken einerseits, von Rechtsradikalen andererseits bei.
Die Angehörigen all dieser sozial schwächeren Milieus setzen auf den Staat als Beschützer vor dem sozialen Abstieg. Wären etatistische Neigungen per se schon links, wie oft zu hören ist, dann müsste man große Teile der CDU-Wähler genauso zu den Linken zu zählen wie die Anhänger der äußersten Rechten.
Was hat die Frage nach der Gerechtigkeit mit der eigenen Lebenslage zu tun? Fühlt man sich eher gerecht oder eher ungerecht behandelt? Eine neue Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung ergibt einen wenig überraschenden Befund: Wer oben ist, meint in aller Regel, das verdient zu haben; nicht nur unter Konservativen, auch unter Grün-Wählern ist diese Ansicht verbreitet. Unten dagegen glauben viele, ihnen sei Unrecht geschehen. So bleibt als Unterscheidungsmerkmal zwischen links und rechts in der unteren Hälfte der Gesellschaft vor allem dies: Die Linken glauben, zu kurz gekommen zu sein, weil ihnen eine gleichmäßigere Verteilung des Wohlstands gerechter zu sein schiene. Die Rechten meinen, sie persönlich hätten aufgrund eigener Verdienste Anspruch auf ein besseres Los.
- Datum 22.12.2008 - 14:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
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