Österreich Der Alpenrebell

Fritz Dinkhauser ist der Mann der Stunde. Im Herbst könnte der ÖVP-Renegat aus Tirol in den Nationalrat einziehen

In Wien ist prominenter Besuch eingetroffen. Die Fans haben sich bereits versammelt. Der Ort der Belagerung ist das Café Landtmann am Ring. Mädchen und Burschen klopfen an die Fensterscheiben, wedeln mit Papier und Stift und hoffen auf Autogramme. Ihr Idol ist ein Tiroler mit weißem Strubbelhaar, der in dunkelblauer Strickweste in einer Fensternische Hof hält. Wie immer hat Fritz Dinkhauser die Hemdsärmel demonstrativ hochgekrempelt. Sie sollen eines vermitteln: Hier sitzt ein Macher, einer, der austeilt und dabei auch auf die eigene Partei keine Rücksicht nimmt. Die ÖVP ist sogar sein Lieblingsgegner.

Dank seiner Liste Fritz Dinkhauser erreichte die Volkspartei bei den Tiroler Landtagswahlen Anfang Juni nicht mehr ihre traditionelle absolute Mehrheit. Der »siebente Zwerg von links«, so sein Landsmann und Parteifreund Andreas Khol, überflügelte sogar die SPÖ, und seine Gruppierung wurde mit 18,3 Prozent zur zweitstärksten Kraft im Land gewählt. Nach diesem Triumph will der Alpenrebell nun auch bei den Nationalratswahlen im September den übrigen Parteien Wähler abjagen. Plötzlich ist er der Mann der Stunde. Bürgerlisten und politische Querschläger buhlen um die Gunst des schwarzen Renegaten, die Ärzte-Partei ebenso wie der fraktionslose EU-Kauz Hans Peter Martin. Alle setzen ihre Hoffnungen auf den knorrigen Polterer.

»Ich habe nicht gerufen, ich wurde gerufen«, wiederholt der 68-Jährige unermüdlich. Seinen Messias-Faktor hat er aber verinnerlicht. Er sitzt im Innsbrucker Restaurant Four Seasons, seinem Stammlokal, und berichtet von seiner Wiener »Mission«. Er meint seine Treffen mit Vertretern verschiedener Bürgerlisten. Dinkhauser wirkt gehetzt, das Mobiltelefon hört nicht auf zu klingeln. »Viele Leute ermutigen mich weiterzumachen. Sogar ÖVP-Politiker«, erklärt er.

Eigentlich sollte dieses Jahr Schluss sein mit der Politik. Nach 17 Jahren an der Spitze der Tiroler Arbeiterkammer (AK) wollte er endlich Urlaub machen, bei Verwandten seiner Frau Heidi in Südengland, um sein Englisch zu verbessern. Daraus ist nun nichts geworden. Denn Dinkhauser braucht das Rampenlicht und ein Publikum, dem er die Hand schütteln kann.

Jeder Tiroler kennt den Fritz. Wer Sorgen hat, der soll den ehemaligen AK-Präsidenten doch anrufen, auch privat. Seine Nummer steht im Telefonbuch. Gelebte Bürgernähe wie aus dem Bilderbuch, ein Traum für jeden Spindoktor. Doch am Image des unbequemen Politikers erlaubt er nur einem zu basteln – sich selbst.

Seit er der Tiroler AK vorstand, wetterte er gegen die eigene Partei und drohte jedes Jahr mit einer eigenen Kandidatur. In diesem Juni platzte ihm endgültig der Kragen. Er scharte Dissidenten aller Parteien, enttäuschte ÖVP-Sympathisanten und Prominente wie den Transitgegner Fritz Gurgiser um sich und löste ein politisches Erdbeben aus. Mit sieben Abgeordneten ist dieser Klub Fritz jetzt im Landesparlament vertreten. Bis auf die Titelseite der Neuen Zürcher Zeitung schaffte es Dinkhauser. Den Wahlerfolg bekam vor allem einer zu spüren: Der erklärte Erzfeind und Landeshauptmann Herwig Van Staa verlor seinen Job. Dennoch hatte der Aufrührer das Nachsehen. Nicht er stieg, wie er es erhofft hatte, zum Landesfürsten auf, sondern Innenminister Günther Platter kehrte flugs in seine Tiroler Heimat zurück.

Als Statist will Dinkhauser aber nicht im Landtag verkommen. Dass er nun auf der Oppositionsbank sitzt, widerspricht seinem Rollenbild. Er ist nicht monatelang durch ganz Tirol gefahren, um sich jetzt als kleiner Mandatar von einem Landtagspräsidenten über die Regeln des Hauses belehren zu lassen. Bereits bei der ersten Sitzung protestierte er. Nur zehn Minuten Redezeit für jeden Abgeordneten, solche Limits gab es für einen Fritz Dinkhauser noch nie. Wenn er reden will, tut er das auch. So lange er will. Sei es im Rahmen seiner Telefonseelsorge, bei der ihm Bürger zweimal in der Woche ihr Leid klagen konnten, oder als AK-Präsident, der zu allem und jedem Stellung bezog. Hauptsache, im Mittelpunkt.

Vom Hammerwerfer zum unbequemen Bauernfeind

Das ist er seit seiner Kindheit gewohnt. Politisch prägte den Sohn des Innsbrucker Landesstellenleiters des Roten Kreuzes sein Onkel und Firmpate Josef Dinkhauser. Der kam als Mitglied des ÖVP-Wirtschaftsbundes für den späteren Arbeitnehmervertreter zwar »aus der völlig falschen Richtung«, verstand es aber, seinen Neffen für Politik zu begeistern. Anfang der sechziger Jahre stieg der junge Dinkhauser als Funktionär bei der ÖVP-Parteijugend ein und rasch auf. Die Matura holte der ehemalige Handelsschüler als Externist an der Handelsakademie nach, während er als Zeitsoldat in Wien stationiert war. Gerne erinnert er sich an die Maria-Theresien-Kaserne, lag sie doch nahe der Modeschule Hetzendorf, wo viele »fesche Mädels« schneiderten.

Bevor es ihn in die Politik zog, widmete er sich fast ausschließlich dem Sport. Sechs Mal schleuderte der Hammerwerfer sein Wurfgerät zum Tiroler Meistertitel. Bekannt wurde er hingegen in einer anderen Disziplin: Bobfahren. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble verpasste er in seinem Viererschlitten die Bronzemedaille nur um Sekundenbruchteile. Das wurmt ihn bis heute. Berühmt wurde er vor allem für seine spektakulären Stürze, die ihm den Ruf eines Crashpiloten eintrugen. »Entweder war ich Tiroler Meister, oder ich bin gestürzt. Ich habe immer alles riskiert«, erzählt er.

Noch während er die Eiskanäle hinunterdonnerte, wurde er 1971 Landessekretär des Arbeiter- und Angestelltenbundes, der allerdings in der Tiroler Volkspartei eine eher untergeordnete Rolle spielte. Doch schon bei seiner Antrittsrede machte Dinkhauser klar, wo für ihn der Hammer hängt. »Ich habe eine Rede gegen die Macht der Bauern gehalten. Die war so hart, dass der Walli (Eduard Wallnöfer, war von 1963 bis 1987 Tiroler Landeshauptmann, Anm. d. Red.) aufgestanden und gegangen ist«, erinnert er sich stolz. Die Rolle des Unbequemen schien ihm fortan auf den Leib geschneidert. Während er politisch Erfolg hatte, kam die Familie zu kurz. Nach zehn Jahren Ehe und drei gemeinsamen Kindern ließ sich seine Frau Sigrun Mitte der Siebziger von ihm scheiden. Einige Jahre darauf lernte er seine zweite Frau Heidi kennen. Die gebürtige Wienerin, die eine Boutique für Babymode in der Innsbrucker Innenstadt betrieb, wohnte mit ihren zwei Kindern Tür an Tür mit Dinkhauser. Heute leben sie gemeinsam in einem Mehrfamilienhaus im Innsbrucker Stadtteil Mühlau. Für die Familie bleibt immer noch wenig Zeit. Entspannen tut sich Dinkhauser selten, höchstens gelegentlich beim Wandern oder wenn er ein paar Runden mit seinem schwarzen VW-Cabrio dreht.

Er ist das Zugpferd, alle anderen sollen nur hinter ihm stehen

Er sei »ein Alphatier« und wolle alles unter Kontrolle halten, erzählen ehemalige Kollegen aus der AK. Selbst aus dem Urlaub habe er jeden Tag im Büro angerufen, um zu hören, was es Neues gebe. Unter seiner Regie mauserte sich die Arbeiterkammer zu einer kämpferischen Institution, die zornigen Zwischenrufe aus den Alpen stießen oft im ganzen Land auf ein Echo. Vor über einem Jahr trat der quirlige Mann zurück, und das konnte nicht lange gut gehen. Nun füllt der Kampf gegen die eigene Partei das Ruhestandsvakuum. Aus der ÖVP austreten will Dinkhauser deshalb nicht. »Ich bin das soziale Gewissen der ÖVP«, lautet seine Standardbegründung. Er sei der wahre Schwarze, der als Einziger noch die christlich-sozialen Werte vertrete und nicht wie alle anderen in Tirol zu einer Marionette der Bauernfunktionäre geworden sei.

Die Bauern sind das Feindbild des Fritz Dinkhauser, genauer genommen: die rund 400 Agrargemeinschaften. Diesen landwirtschaftlichen Zusammenschlüssen wurden in den fünfziger Jahren Grundflächen, die im Gemeindeeigentum standen, überschrieben. Die bröckelnde Macht der Bauern sollte dadurch gefestigt werden. Heute besitzen diese Gruppen rund 2000 kostbare Quadratkilometer Grund in Tirol – eine Fläche, die fast fünfmal so groß wie Wien ist. »Eine Ungerechtigkeit«, erregt sich Dinkhauser immer wieder.

Auf Bundesebene interessiert dieser lokale Konflikt aber wohl kaum jemanden. Das weiß auch Dinkhauser. Er hat umgeschaltet. Der Ton ist derselbe, die Schlagwörter sind neu. Nicht die Vorherrschaft des Bauernbundes sei es, die ihn in Österreich störe, sondern der Einfluss der Lobbys und die Macht »des Bonzentums«. Es brauche eine Demokratisierung »von oben nach unten«, fordert er. Die Allgemeinplätze klingen bei ihm offenbar authentischer als bei anderen Populisten. Laut neuen Umfragen wollen sechs Prozent der Wähler »ganz bestimmt« für Dinkhauser stimmen. Vor allem Protestwähler sind von dem Tiroler Haudegen angetan.

Politologen räumen dem gläubigen Katholiken, der nicht gerne in die Kirche geht und den zurückgetretenen Bischof Kurt Krenn schon mal den »Bladen von St. Pölten« nannte, durchaus Chancen ein. Vorerst fehlen noch Personal und Organisation. Und Rückhalt aus den eigenen Reihen. »Wir haben noch nicht einmal in Tirol ordentliche Strukturen aufgebaut, um eine richtige Partei zu werden. Und da will der Fritz schon nach Wien«, sagt einer aus dem Klub Fritz. Dinkhauser sieht das gelassen: »Das sagen die, die vorher schon die Hosen voll gehabt haben.« Ein Parteibuch werde es bei ihm ohnehin nie geben. Seine Gruppe soll lediglich ein Netzwerk von Personen bilden, die sich bereits politisch engagiert haben.

Berührungsängste scheint Dinkhauser keine zu kennen. Selbst mit den FPÖ-Dissidenten Manfred Kölly und Wolfgang Rauter aus dem Burgenland ist er im Gespräch. Rauter verteidigte einst Jörg Haiders Ausspruch von der »ordentlichen Beschäftigungspolitik« im »Dritten Reich« vehement. Das ist für den auch nicht gerade mundfaulen Dinkhauser irrelevant. Er sei nicht dazu da, für andere »Vergangenheitsbewältigung« zu betreiben. Vorläufig sondiere er einmal. Er ist das Zugpferd, die anderen sollen sich nur hinter ihn stellen.

Inhalt und Programm der Liste wird wieder der Fritz sein. Was sonst? Für den Wahlkampf hat er jetzt vorsorglich technisch aufgerüstet. Seit Kurzem ist er stolzer Besitzer eines iPhones. Bis zur Landtagswahl hatte er erst einmal eine E-Mail verschickt – mit Hilfe seiner Frau. Mittlerweile liest und versendet er elektronische Post bereits ganz locker von seinem schicken Gadget.

 
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