»Wenn wir Probanden hier drin haben, ist es nicht so kalt«, sagt Erick Janssen. »Da versuchen wir schon, es ihnen gemütlich zu machen.« Ein bisschen Frösteln ist für Janssens Testpersonen wohl das geringste Problem. Wer sich dem Kinsey Institute in Bloomington, Indiana, für eine Laborstudie zur Verfügung stellt, muss damit rechnen, halb entblößt in einem abgedunkelten Raum allein vor einem Computerbildschirm zu sitzen und mit Gerätschaften verkabelt zu sein. Frauen führen sich ein tampongroßes Gerät namens Vaginaler Fotoplethysmograf ein, das mittels Lichtquelle und Fototransistor die Durchblutung der Scheidenwand und somit ihren Erregungszustand registriert. Männer legen sich zwei dünne Kabelschlaufen um den Penis, die sich alle 15 Sekunden zusammenziehen und so den Umfang messen. Falls dieser zunimmt, wird alle 30 Sekunden noch die Festigkeit aufgezeichnet. Die Apparatur heißt Rigiscan. Von Rigidität: Steifheit.

Dazu bekommen die Probanden ein Blutdruckmessgerät um einen Finger gewickelt. Sensoren, rund um die Augen geklebt, messen die Heftigkeit ihres Lidschlages. Kopfhörer auf die Ohren, ein Handtuch über die Hüften – der Test kann beginnen.

Angenehm sind Erick Janssens Versuche für seine Probanden allerdings nicht unbedingt. Was diese auf dem Bildschirm sehen, gleicht eher einer emotionalen Kneippkur. Sie bekommen beispielsweise eine herzzerreißende Abschiedsszene aus dem Film Sophies Entscheidung vorgespielt, in der eine Mutter entscheiden muss, welches ihrer beiden Kinder vor der Gaskammer gerettet wird. Und danach einen Sexfilm. Oder sie sehen eine Vergewaltigungsszene aus Extremities. Und danach wieder einen kurzen Porno.

Janssen will herausfinden, wie sich Gemütszustände auf die Erregungsfähigkeit auswirken. Er könnte seine Testpersonen natürlich auch einfach befragen. Doch das ist eines der Grundprobleme der Sexualforschung: Entweder ist es den Menschen peinlich, auf intime Fragen ehrlich zu antworten. Oder sie sind sich ihrer Reaktionen gar nicht bewusst. »Ich wollte echtes Verhalten«, sagt der niederländische Psychologe, »nicht nur Aussagen.«

Um direkte, von guter Erziehung oder introvertiertem Charakter unbeeinflusste Reaktionen zu erlangen, muss die Sexualwissenschaft manchmal Umwege nehmen. Als Janssen herausfinden wollte, welche Stimmungen zu riskanten sexuellen Entscheidungen führen können, tarnte er seine Versuchsreihe als Marketingstudie für ein Aphrodisiakum, komplett mit Broschüren, eigener Webseite und zwei Phiolen, von denen die Probanden eine auswählen mussten: jene mit höherer Dosierung, aber auch höherer Gefahr von Nebenwirkungen, oder eine softe Version mit geringerem Risiko. »Manche inhalierten die Substanz so stark, dass wir es im Nebenraum hören konnten.«

Die Interviewerin sollte den Probanden nicht an die eigene Mutter erinnern

»Wir wollen die sexuelle Gesundheit und das Wissen über Sexualität weltweit verbessern«, sagt Julia Heiman, seit 2004 Direktorin des Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction. »Wir versuchen herauszufinden, wie die Menschen ihre Sexualpartner auswählen. Denn auch das hat Auswirkungen auf ihre sexuelle Gesundheit.« Einfach ist das nicht. Das Forschungsobjekt Mensch ist eine harte Nuss. Kaum ein anderer Aspekt des menschlichen Lebens ist durch so viele Hemmungen, gesellschaftliche Normen und religiöse Vorschriften eingeengt wie die Sexualität.