DIE ZEIT: Sie haben soeben ein Buch über die Geschichte der Sexualforschung veröffentlicht. Was sind für Sie die Meilensteine in dieser Disziplin?

Volkmar Sigusch: Ich hätte es gern "Meine Geschichte der Sexualwissenschaft" genannt, denn für mich ist nicht Krafft-Ebing, sondern ein Italiener namens Paolo Mantegazza der Pionier der Pioniere. Er hat vor 150 Jahren von der experimentellen Forschung bis zur Ethnologie in allen Bereichen geforscht. Seine Auffassung war bereits damals, dass die Frau eine höhere Potenz in jeder Hinsicht hat, sowohl in der körperlichen Reaktion als auch in der Liebe.

ZEIT: Ist die Forschung heute zu diversifiziert?

Sigusch: Auf der einen Seite gibt es die Globalisierung, andererseits das Paradoxon, dass man sich auf das kleinste Pünktchen konzentriert. Allerdings fängt jede neue Forschung klein-klein an, und man weiß noch nicht, was das bedeutet.

ZEIT: Ist die Sexualforschung heutzutage zu sehr auf physiologische Vorgänge fixiert?

Sigusch: Der wissenschaftliche Nachwuchs orientiert sich an dem, was gewünscht wird. Derzeit gelten eben die Neurowissenschaften als der Renner. Da wird man jedoch mit sexuellen Themen nicht reüssieren, weil man keine Schlüsse ziehen kann, da alle anderen Bereiche, wie die Erforschung der Gefühle, fehlen. Es gibt schon in den USA wenig Sexualforschung, aber in Europa noch weniger. Wir haben in ganz Deutschland nicht einmal eine Handvoll Sexualforscher, die man nach universitärem Status so nennen könnte.

ZEIT: Was hat sich in unserem Sexualverhalten in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Sigusch: Die Selbstbefriedigung ist zum Beispiel zu einer eigenen Sexualform geworden. Davor gab es ja teils drastische Versuche, sie zu bekämpfen. Heute ist sie auch in Dauerbeziehungen von vielen Paaren anerkannt. So wird auf fantasmatischem Gebiet erledigt, was die Beziehung sonst gefährden könnte. Was wir noch nicht überblicken ist, wie sich die neuen Medien in einer Beziehung positionieren. Wir wissen, dass Männer sehr viel häufiger ins Internet gehen, um explizit sexuelle Bilder oder Filme anzusehen. Es wird aber das angeschaut, was zu den eigenen Vorlieben passt. Wie sich das in Beziehungen auswirkt, ist schwer zu erforschen.