Sachbuch Ach, Kinder! Wozu so viel Aufwand…
Süße Engelchen. Mutterglück. Vaterstolz. Respektlos und witzig räumt die Französin Corinne Maier auf mit dem Mythos vom Familienglück
Die höchste Geburtenrate Europas. Die meisten Kinder pro Frau. Die größten Familien, die tollsten Karrieremütter, die kompletteste Kleinkindbetreuung, die wahnsinnigsten Steuererleichterungen für Eltern, Nulltarif ab drittem Kind! Frankreich gilt als Fünf-Sterne-Location des Familienglücks, im scharfen Wettbewerb mit Schweden. Aber das Klima ist verführerischer. In Frankreich gilt es als chic, Kinder zu haben, ohne dass die Frauen gleich Birkenstock tragen müssten. Ihre Kinder gelten als Ausweis organisatorischer Kompetenz, so bewaffnet, machen sich Ségolène Royal und ihre Schwestern auf zu den höchsten Führungsetagen. Frankreich ist uns Vorbild für modernste Familienpolitik. Und jetzt – dieses Buch. Titel: No Kid. Unterzeile: 40 Gründe, keine Kinder zu haben.
Die Autorin – eine französische Karrierefrau. Studierte Politologin, Volkswirtin, Psychoanalytikerin. Bestsellerautorin, natürlich Mutter, von zweien. Eine Nestbeschmutzerin! Nun ja. In Frankreich haben ihr die Karrieremütter das Buch aus den Händen gerissen. Die Übersetzung in zwölf Ländern steht an. Die deutsche Springer-Presse zeigt sich angelegentlich sehr besorgt: Ob Beruf und Familie vielleicht doch nicht so leicht zu vereinen sein sollten, wie die liebe Ursula es auch hierzulande lauthals propagiert? (Gehauchte Unterzeile: Wenn Frauen dann so überlastet sind, so schrill, unsachlich, hysterisch werden…?)
Das Buch ist schrill, unsachlich und unfair bis zur Beleidigung. Madame Maier gratuliert erst mal Frau Merkel, der deutschen Kanzlerin, wortreich zur Kinderlosigkeit. Ein Wort, das man in Frankreich leider gar nicht kenne. Hat die Frau ein Glück gehabt: Freiheit statt Fron. Die ganze Welt eine Einladung für ein interessantes Leben! Statt in aller Herrgottsfrühe nölende Gören abzufüttern, sich auf schlecht bezahlten Jobs bis abends abzurackern, dann schwachsinnige Hausaufgaben-Übungen abzufragen zum Sound der murmelnden Waschmaschine. Für wen? Undankbare Blagen! »Kleiner Tipp«, schreibt die Autorin: »Wenn Sie unbedingt einen Parasiten durchfüttern wollen, holen Sie sich doch lieber einen Gigolo.«
Das hat einen Überschwang von lustvoller Energie, der ein wenig der These vom abgenutzten Muttertier widerspricht. Eine gewagte Stilübung, exerziert mit dem Florett der Polemik, und das sticht mitten in jene Selbstgefälligkeit, die gelegentlich auch in der Familienszene außerhalb Frankreichs zu beobachten ist. »Vergessen Sie nicht, dass Eltern die Missi dominici aus dem Reich des Guten sind«, lästert die Autorin. Und hält dagegen. Schon dieser Mythos vom Lächeln des Kindes als Glücksquelle. Gilt ihr als Ergebnis einer Gehirnwäsche. Den drängenden Kinderwunsch entlarvt sie als historisch eingrenzbares Produkt einer pharmazeutischen Innovation, in Pillenform. Das Kind möchte man vor ihrem Furor in Schutz nehmen, es muss sich hier als eine Belästigung vorführen lassen, die das Leben auf schmale Zeitfenster verengt, in eine Hast zwischen Kita, Ballett, Job und Supermarkt verwandelt, eine Nonstop-70-Stunden-Plackerei, Schweiß und Tränen, Ärger und Verdruss all inclusive. Kinder also als plärrende, Lärmstörquelle ohne Abschaltknopf. Gibt es in Florida deshalb nicht schon Siedlungen, in denen niemand unter 13 Jahren zugelassen wird, kindbefreite Zonen?
Da entlädt sich etwas. Eine Bitterkeit. Eine Erschöpfung, vor der offensichtlich auch die Eltern in Frankreich, aller wohltönenden Familienpolitik zum Trotz, nicht bewahrt werden. Man könnte auch sagen: ein Überdruss an einem politisch zelebrierten Glücksblabla, das keinen Realitätstest besteht. Schon mal überlegt, warum alle beim Anblick eines Babys in Verzückung geraten, fragt Maier, aber niemand es haben will? Warum Kinderfrauen immer knapp sind, jegliche Kinderaufgaben sich als unterbezahlte Karrierekiller erweisen, sich alle aus dem Staube machen, die Papis sowieso, denen sie dafür keineswegs die Bewunderung versagt. Gewieft, die Typen. Bleibt Mutti.
Es gibt kein Buch, in dem der Kult ums Kind böser beschrieben wird als hier. Das rituelle Stillen, das Säuseln vor dem süßen Schatzilein – a forte: »Nein, Kassandra, wenn Du das Katzenfell anzündest, muss die Katze sterben…« Muttertiere werden umgetauft in Famimami. Kennzeichen? Zu viele. »Die moderne Frau ist zwangsläufig gleichzeitig Mutter, Berufstätige und liebende Ehefrau. Am besten ist sie obendrein auch noch schlank, Das ist zugegebenermaßen ein bisschen viel auf einmal«, höhnt Corinne Maier: »Zumal die Frauen sich ja auch noch 80 Prozent der Hausarbeit ans Bein binden.«
- Datum 28.05.2009 - 10:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.07.2008 Nr. 30
- Kommentare 6
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Fragt man sich, angesichts all der harten und unwidersprochenen Worte und all der bisher ja eher gegenteiligen Beiträge aus der ZEIT-Redaktion (Erstaunlich fast schon, dass diese Buch hier überhaupt besprochen wird).
Es ist aber auch wahr, dass dies, all die vielen Gründe, letztlich auch traurig sind. Aber wir Erwachsenen haben eben auch Kompensationsmöglichkeiten wie nie zuvor. Alternativen zum demographischen Schrumpfen scheinen hier kaum erkennbar.
und mal ganz ehrlich: was wäre denn nun so schlimm an demographischem schrumpfen? - dass die deutschen aussterben? schrumpfen sollen die anderen?
@Rahab:
Unter der Prämisse, dass Sie durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind und ihren Kommentar ernst meinen, treffe ich mal folgende Annahmen (Sie korrigieren mich sicher gerne, wenn eine oder mehrere davon falsch sind):
- Sie sind in der Altersgruppe 50+, sodass sie später nicht mehr wirtschaftlich schaden nehmen werden.
und/oder
- Sie haben, bzw. erwarten in Deutschland keine Enkel, denen sie es zumuten wollen, in einer gesellschaftlich auseinander driftenden Gesellschaft zu leben, die nur noch aus alternden Egozentrikern besteht.
Meine persönliche Antwort auf ihre Frage: es kommt mir nicht auf den "Erhalt der Deutschen Volkssubstanz" an, sondern hauptächlich auf den Gegenstand der zweiten Annahme (und ein wenig auf den der ersten).
Selbstverständlich wären Sie mit Ihrer Meinung nicht alleine. Es gibt ja Prominente, die es "nicht die Bohne" interessiert, ob in Zukunft in D weiterhin Familienstrukturen existieren.
MfG
@Rahab:
Unter der Prämisse, dass Sie durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind und ihren Kommentar ernst meinen, treffe ich mal folgende Annahmen (Sie korrigieren mich sicher gerne, wenn eine oder mehrere davon falsch sind):
- Sie sind in der Altersgruppe 50+, sodass sie später nicht mehr wirtschaftlich schaden nehmen werden.
und/oder
- Sie haben, bzw. erwarten in Deutschland keine Enkel, denen sie es zumuten wollen, in einer gesellschaftlich auseinander driftenden Gesellschaft zu leben, die nur noch aus alternden Egozentrikern besteht.
Meine persönliche Antwort auf ihre Frage: es kommt mir nicht auf den "Erhalt der Deutschen Volkssubstanz" an, sondern hauptächlich auf den Gegenstand der zweiten Annahme (und ein wenig auf den der ersten).
Selbstverständlich wären Sie mit Ihrer Meinung nicht alleine. Es gibt ja Prominente, die es "nicht die Bohne" interessiert, ob in Zukunft in D weiterhin Familienstrukturen existieren.
MfG
@Rahab:
Unter der Prämisse, dass Sie durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind und ihren Kommentar ernst meinen, treffe ich mal folgende Annahmen (Sie korrigieren mich sicher gerne, wenn eine oder mehrere davon falsch sind):
- Sie sind in der Altersgruppe 50+, sodass sie später nicht mehr wirtschaftlich schaden nehmen werden.
und/oder
- Sie haben, bzw. erwarten in Deutschland keine Enkel, denen sie es zumuten wollen, in einer gesellschaftlich auseinander driftenden Gesellschaft zu leben, die nur noch aus alternden Egozentrikern besteht.
Meine persönliche Antwort auf ihre Frage: es kommt mir nicht auf den "Erhalt der Deutschen Volkssubstanz" an, sondern hauptächlich auf den Gegenstand der zweiten Annahme (und ein wenig auf den der ersten).
Selbstverständlich wären Sie mit Ihrer Meinung nicht alleine. Es gibt ja Prominente, die es "nicht die Bohne" interessiert, ob in Zukunft in D weiterhin Familienstrukturen existieren.
MfG
ja, morido, ganz ernst. ob ich enkel zu erwarten habe, weiß ich nicht. wenn ich das richtig sehe, dann entscheiden das meine töchter selbst, ob sie sich und diesen noch ungeborenen enkeln die immer noch aktuellen familien- und anderen strukturen zumuten wollen. wenn meine töchter dies positiv entscheiden, können sie meiner aktiven unterstützung (jenseits von besserwisserei) gewiß sein, und wenn sie es anders entscheiden, dann auch!
ich habe dabei weniger 'alternde egozentriker' im blick (obwohl, die auch, denn wenn ich es richtig beobachte, fängt das bei manchen leuten schon erheblich unter dem zarten alter von 50 an!) und die 'volkswirtschaft' wie auch immer konnotiert auch nicht. eher stelle ich mir die frage, wie diese noch ungeborenen enkel - umgeben von den nachrückenden jahrgangskohorten 'alternder egozentriker' - zu glücklichen menschen aufwachsen könnten. da sieht es zunehmend trübe aus...
ja, morido, ganz ernst. ob ich enkel zu erwarten habe, weiß ich nicht. wenn ich das richtig sehe, dann entscheiden das meine töchter selbst, ob sie sich und diesen noch ungeborenen enkeln die immer noch aktuellen familien- und anderen strukturen zumuten wollen. wenn meine töchter dies positiv entscheiden, können sie meiner aktiven unterstützung (jenseits von besserwisserei) gewiß sein, und wenn sie es anders entscheiden, dann auch!
ich habe dabei weniger 'alternde egozentriker' im blick (obwohl, die auch, denn wenn ich es richtig beobachte, fängt das bei manchen leuten schon erheblich unter dem zarten alter von 50 an!) und die 'volkswirtschaft' wie auch immer konnotiert auch nicht. eher stelle ich mir die frage, wie diese noch ungeborenen enkel - umgeben von den nachrückenden jahrgangskohorten 'alternder egozentriker' - zu glücklichen menschen aufwachsen könnten. da sieht es zunehmend trübe aus...
ja, morido, ganz ernst. ob ich enkel zu erwarten habe, weiß ich nicht. wenn ich das richtig sehe, dann entscheiden das meine töchter selbst, ob sie sich und diesen noch ungeborenen enkeln die immer noch aktuellen familien- und anderen strukturen zumuten wollen. wenn meine töchter dies positiv entscheiden, können sie meiner aktiven unterstützung (jenseits von besserwisserei) gewiß sein, und wenn sie es anders entscheiden, dann auch!
ich habe dabei weniger 'alternde egozentriker' im blick (obwohl, die auch, denn wenn ich es richtig beobachte, fängt das bei manchen leuten schon erheblich unter dem zarten alter von 50 an!) und die 'volkswirtschaft' wie auch immer konnotiert auch nicht. eher stelle ich mir die frage, wie diese noch ungeborenen enkel - umgeben von den nachrückenden jahrgangskohorten 'alternder egozentriker' - zu glücklichen menschen aufwachsen könnten. da sieht es zunehmend trübe aus...
Zudem was Sie jüngst schreiben, habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Wenn ich selber bereits Kinder hätte, würde ich genauso handeln und fast genauso denken. Dies gilt auch für den zweiten Absatz - die Egozentriker der Zukunft werden zwar meistens alt sein (daher meine Bezeichnung), die nachfolgenden Jahrgänge ("Kleine Kaiser") lernen schnell von dem Umfeld, in dem sie aufwachsen.
Ich halte mich seit einiger Zeit in einem der reicheren Länder Lateinamerikas auf. Und nun meine These: das Thema Familie hat hier höhere Achtung (wobei auch hier der Roseto-Effekt, die Auflösung sozialer Strukturen im Zuge steigenden Wohlstands, bereits eingesetzt hat) - und der Gesellschaft geht es sichtbar besser als der in Deutschland. Vielleicht können Sie mir da was über die Gesellschaft in Israel erzählen.
war zu lange nicht mehr da. wenn Sie wissen wollen, was in deutschland so los ist, dann lesen Sie ein bißchen unter 'gesellschaft' und 'recht' rum, vielleicht auch unter 'biologie'. die lektüre vermittelt vielleicht einen kleinen eindruck darüber, wie schweirig sich hier die geschlechter-verhältnisse gestalten. nicht dass ich klage, aber es ist schon eine heidenarbeit, meinen töchtern mut zu machen, mit 'knödels' tragfähige beziehungen zu entwickeln...
war zu lange nicht mehr da. wenn Sie wissen wollen, was in deutschland so los ist, dann lesen Sie ein bißchen unter 'gesellschaft' und 'recht' rum, vielleicht auch unter 'biologie'. die lektüre vermittelt vielleicht einen kleinen eindruck darüber, wie schweirig sich hier die geschlechter-verhältnisse gestalten. nicht dass ich klage, aber es ist schon eine heidenarbeit, meinen töchtern mut zu machen, mit 'knödels' tragfähige beziehungen zu entwickeln...
war zu lange nicht mehr da. wenn Sie wissen wollen, was in deutschland so los ist, dann lesen Sie ein bißchen unter 'gesellschaft' und 'recht' rum, vielleicht auch unter 'biologie'. die lektüre vermittelt vielleicht einen kleinen eindruck darüber, wie schweirig sich hier die geschlechter-verhältnisse gestalten. nicht dass ich klage, aber es ist schon eine heidenarbeit, meinen töchtern mut zu machen, mit 'knödels' tragfähige beziehungen zu entwickeln...
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