Kunst Die fertige Moderne
Strandhäuser und Notunterkünfte: Eine New Yorker Ausstellung über die Faszination des Fertighauses
Die Verkäufer hatten das Traumhaus mitten in Manhattan auf einer leeren Fläche aufgebaut, an der 52. Straße, Ecke Sixth Avenue. Das war Ende der vierziger Jahre. In der Mittagszeit und am Feierabend strömten hier die Angestellten aus den Hochhäusern vorbei und staunten. Schon Kinder bauen sich aus Polstern und Tüchern, aus Latten und Ästen erste Eigenheime, der Traum von der eigenen Höhle oder Hütte scheint so etwas wie eine anthropologische Konstante zu sein. Und hier stand es nun, ein Haus, wie es sich viele Menschen aus der Unter- und Mittelschicht wünschten: mit Satteldach, einem recht geräumigen Bad, Küche, Wohnzimmer, wahlweise zwei oder drei Schlafräumen. Und billig war es, ein seriell hergestelltes Fertighaus der Marke Lustron. Innerhalb von acht Tagen ließ es sich aus vorgefertigten Blechteilen zusammenbauen. In einem der gelben und grauen Blechpaneele war bereits die Klopapierhalterung integriert, in einem anderen der Ventilator.
Tausende Exemplare des Lustron-Hauses wurden nach dem Weltkrieg in den amerikanischen Suburbs aufgestellt. Die Käufer waren heimgekehrte Soldaten. Für die Avantgarde der modernen Architekten aber war das Haus ein Hassobjekt. Auch das Museum of Modern Art (MoMA) fühlte sich damals durch das in unmittelbarer Nachbarschaft aufgestellte Musterhaus herausgefordert, 1949 ließ man Marcel Breuer eine Gegenarchitektur in den Skulpturengarten bauen: ein Haus mit einem Schmetterlingsdach, also einem umgedrehten Satteldach. Spießerhütten wie das Lustron-Haus richteten sich, so die Kritik, an den primitivsten Geschmack, sie waren rückständig, nicht progressiv. Das Breuer-Haus sollte mit Hilfe der Presse für eine Hebung des allgemeinen Baugeschmacks sorgen. Vergeblich, wie jeder weiß, der einmal durch nordamerikanische Vororte gefahren ist.
Jetzt unternimmt das MoMA einen neuen Versuch der Geschmacksbildung im Bereich Wohnarchitektur: Im Rahmen von Home Delivery, einer Ausstellung über die Geschichte und das Design von vorfabrizierten Heimen, sind auf einer Brachfläche neben dem Museum fünf zeitgenössische Beispiele für avanciertes Fertighaus-Design zu bewundern. Hier soll gezeigt werden, wie unsere Vorstädte in Zukunft aussehen könnten, wenn für diese Bauaufgabe gute Architekten engagiert würden. Dort, wo demnächst Jean Nouvel für ein Immobilienunternehmen ein 75-stöckiges Hochhaus errichten soll, steht nun das wahrscheinlich kleinste Haus von New York. Die Münchner Architekten Lydia Haack und John Höpfner haben es zusammen mit Richard Horden aus London entworfen, es ist ein Aluminiumwürfel mit 2,60 Meter Kantenlänge, in den auf kluge Weise ein Bett und ein Bad, eine Küche und ein Tisch geschachtelt wurden. In München hat ein großzügiger Sponsor sieben der Würfel in einem Studentendorf aufgestellt. Für die Zeit eines Langzeitstudiums möchte man hier jedoch nicht wohnen, das micro compact home ist ähnlich geräumig wie eine Mondlandefähre – oder eine Gefängniszelle.
Der Algorithmus besorgt den Entwurf
Die anderen Musterhäuser neben dem MoMA sind da großzügiger gestaltet. Jeremy Edmiston und Douglas Gauthier haben ein dekonstruktiv aussehendes Sommerhaus Burst*008 auf die Brache gestellt, an dessen Fertigstellung die Handwerker noch nach der Vernissage arbeiteten. Vorfabriziert war an diesem Haus nämlich nur der Algorithmus, der Code, mit dessen Hilfe die Architekten das Haus nach Wünschen des Klienten vom Computer planen ließen. Der Bau kostet dann allerdings auch 3000 bis 4000 Dollar pro Quadratmeter. Billiger und in Zeiten der Hypothekenkrise zeitgemäßer ist der Unterschlupf, den der MIT-Professor Lawrence Sass mit seinen Studenten für den Wiederaufbau von New Orleans entwickelt hat: Am Computer entwarf das Team einen Bausatz, dessen Teile von Lasern aus billigem Sperrholz geschnitten werden. Die Holzstücke werden dann ineinandergesteckt, als Werkzeug benötigt man nur einen Gummihammer. Am Ende entsteht ein einfacher Wohnraum, dessen Fassade an die vom Orkan zerstörten historischen Wohnhäuser erinnert.
Zwischen den Polen Sommerhaus und Notunterkunft war das Fertighaus-Design schon in der Vergangenheit angesiedelt. Im gelungenen architekturhistorischen Teil der Ausstellung im MoMA hat der Kurator Barry Bergdoll zahlreiche Skizzen, Modelle und Filme versammelt, von der Patentzeichnung eines vorgefertigten Strandhauses aus dem Jahr 1882 bis zu den Plänen der Quonset Hut, einer von der US-Marine über die ganze Welt verteilten Unterkunft mit gewölbtem Dach. Meist diente das Fertighaus als Durchgangsquartier der sowohl sozial als auch geografisch mobilen Bürger. Simpel und in großer Masse produzierbar musste das Fertighaus sein, transportabel und billig. Und dieser rational-moderne Geist des vorgefertigten Hauses war es auch, der die großen Architekten Frank Lloyd Wright, Le Corbusier und Marcel Breuer faszinierte. An den real existierenden Fertighäusern etwa der Marke Lustron störte sie nämlich nur das individuelle Design, keineswegs die Produktionsart oder die Wohnweise. Wenn die Mehrheit der Menschen industriell hergestellte und nicht maßgearbeitete Schuhe trage, wieso sollten dann nicht auch die Häuser aus Fabriken kommen, fragte Walter Gropius.
Modernistische Hüllen fürs Kleinbürgeridyll
Und so entwarf Gropius für ein großes Metallwerk ein recht biederes Kupferhaus, das zunächst in Deutschland gebaut, von 1933 an auch für jüdische Emigranten nach Palästina geliefert wurde. Einige der Kupferhäuser wurden im Krieg wieder eingeschmolzen, andere Exemplare überlebten, etwa in Strausberg und in Haifa.
Ein kommerzieller Erfolg waren die architektonisch anspruchsvolleren Einfamilienhäuser nicht. Die meisten Entwürfe, etwa die von Frank Lloyd Wright in gut 900 Zeichnungen skizzierten American System-Built Houses , wurden nie gebaut. Auch die von Jean Prouvé für die französischen Kolonialherren geplante Maison tropicale oder das elegante, an ein Ufo erinnernde Wichita-Haus von Buckminster Fuller gingen nie in die Massenproduktion.
Fertighäuser, so hatten es viele der Erfinder und Gestalter gehofft, könnten bei der Rettung der Welt helfen. Sie träumten von der Demokratie des Wohnens und von einer ressourcenschonenden Produktion. Doch oft schufen auch sie nur eine modernistische Verkleidung der Kleinbürgeridylle: das Einfamilienhaus im Vorort.
Die industrielle Wohnraumproduktion sollte im sozialen Wohnungsbau im Westen und in den Plattenbauten in den Ländern des Ostblocks schließlich ihre größten Erfolge feiern – in der MoMA-Ausstellung findet dieser Teil der Geschichte leider kaum Beachtung. In den modernistischen Fertighaus-Wohnanlagen zeigten sich auch Züge dessen, was der Architekturtheoretiker Gerd de Bruyn einmal als die »Diktatur der Philanthropen« umschrieben hat. Wollen wir wirklich alle in den gleichen Wohnmaschinen leben? Müssen die Decken darin 2,25 Meter niedrig und die Grundrisse für Schlafen, Wohnen und Arbeiten unbedingt festgelegt sein?
Mit offen wuchernden Fertigbausystemen versuchten dann in den sechziger und siebziger Jahren junge Architekten wie die Londoner Gruppe Archigram, den individuellen Wünschen der Bewohner gerecht zu werden. Von dem Münchner Richard Dietrich ist in New York ein Modell seines Metastadtsystems von 1969 zu sehen: In ein beliebig erweiterbares Stahlgerüst sollten die Bewohner je nach Bedarf Wohnraum oder Gärten bauen können, das System sollte der »Verdichtung, Verflechtung und Intensivierung aller urbanen Funktionen durch Überlagerung und Terrassierung« dienen.
Gemessen an den Konzepten und Programmen dieser Zeit, wirken die aktuellen Bauten auf der Brache neben dem Museum merkwürdig alt. Denn keins dieser zeitgenössischen Architekturmodelle wird die Welt retten, keines geht auf die Probleme ein, mit denen die Menschheit längst konfrontiert ist. Die Zahl der Erdbewohner steigt unerbittlich, die unversiegelten Flächen werden immer weniger. Das Einfamilienheim auf grünem Rasen, ob Fertighaus oder nicht, ist ein Teil des Problems. Sicher nicht dessen Lösung.
- Datum 29.07.2008 - 13:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.07.2008 Nr. 31
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