Prager Frühling : Die unerhörten Tage der Freiheit

40 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings: Christian Schmidt-Häuer, der als einer der letzten Korrespondenten aus der damaligen CSSR ausgewiesen wurde, erinnert sich

Der Wenzelsplatz ist stockfinster. Die letzten Bierseligen haben die baufälligen Gassen ringsum späte Ruhe finden lassen. Nur aus der Etage der Zeitung Svobodné Slovo fällt Licht wie aus einem grellen Schlitz auf die dunkle Stadt. Svobodné Slovo bedeutet freies Wort. Einer, der es seit acht Monaten erkämpft und verteidigt hat, steht auf dem Balkon. Der Mann heißt Jaroslav Černý. Als Jugendlicher hat er den Einmarsch der Nazis erlebt. Vor einem Jahr nahm er den jungen deutschen Kollegen in Prag mit offenen Armen auf. Jetzt, in der ersten Stunde des 21. August 1968, lauscht der alte journalistische Fahrensmann in die Nacht. Sie ist still. Noch. »Komm wieder rein«, sagt er, »wir werden sie nicht überhören.«

In den Redaktionsräumen klackern die Fernschreiber, überschneiden sich die Stimmen. Die Sprachen. Die Sendestationen. Nur der sonor vibrierende Tonfall der Nachrichtensprecher ist gleich: »Die Armeen des Warschauer Paktes haben gegen 22 Uhr die Grenzen der Tschechoslowakei überschritten und rücken in breiter Formation vor.« Die Redakteure reißen die Meldungen von den Telexgeräten. Lydia, die Feuilletonistin, spannt frische Papierrollen ein. »Hier«, ruft Černý ihr zu, »das wäre ein Zitat für die Kulturseite – wenn wir noch erscheinen! Der französische Romancier Blaise Cendrars hat mal aus Prag geschrieben: ›Die Welt dreht sich überstürzt rückwärts wie die Turmuhr im alten Judenviertel‹.«

Es ist wieder so weit. Der Kalte Krieg rattert über die Ticker, dröhnt aus dem Radio. Ein ehemaliger NS-Journalist und längst führender Kommentator der DDR-Medien preist die Invasion als Rettung vor dem westdeutschen Revanchismus. Die ersten Augenzeugen aus Nordböhmen, Mähren und der Slowakei berichten live, stockend, weinend. Die ersten Falken in Washington, London und Bonn stoßen auf die »zerronnenen Illusionen der Pazifisten und Sozialdemokraten« herab. Präsident und Regierung der ČSSR rufen ihre Landsleute auf, Tauben zu bleiben: »Vermeidet jedes Blutvergießen!«

Der Himmel beginnt zu dröhnen. Wir rennen auf den Balkon zurück. Aus bleigrauen Wolken sinken viermotorige russische Antonow-Transportmaschinen zum Tiefflug über das Nationalmuseum und den Wenzelsplatz herab. In immer kürzeren Abständen bringen sie Panzer und Truppen nach Ruzyně, dem neuen Zivilflughafen.

So senkt sich vom 21. August 1968 an ein alles vernichtender Frost über den Prager Frühling. Für 21 Jahre. Jaroslav Černý wird den langen Winter der Erniedrigungen nicht überleben. Doch der Balkon, auf dem er der zweiten Invasion seines Lebens zusehen muss, hat die nächste geschichtliche Wende Prags noch vor sich. Von hier aus werden Ende 1989 der von aller Welt bewunderte Dissident Václav Havel und der von Moskau geschundene Reformkommunist Alexander Dubček die samtene Revolution ausrufen. Über den Wenzelsplatz. Unter dem Jubel von 500000 Pragern.

Um 4.20 Uhr umstellen Soldaten das Gebäude der Kommunistischen Partei

Am Morgen des 21. August schreckt der Platz gegen drei Uhr früh auf. Hupende Taxis mit tschechoslowakischen Fahnen und Polizeiwagen mit Martinshörnern kreisen um diese ovale Riesenarena böhmischer Geschichte. Doch der erste Auftritt des sowjetischen Imperators spielt auf einer noch leeren Bühne. Wir sind von der Redaktion an das Moldau-Ufer gefahren, zum Hauptquartier der Kommunistischen Partei, dem Zentralkomitee der KPČ. Noch ist keine Menschenseele zu sehen. Im grauen Betonklotz brennt trübes Licht.

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Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

danke

für diesen artikel! gerade in deutschland, wo man häufig auf '68 mit einiger nostalgischer verklärung zurückblickt, fehlt häufig der blick auf die ereignisse hinter dem eisernen vorhang, gegen die die studentenrevolte wie ein alberner zwergenaufstand erscheint.durch solche berichte wird ferner der versuch vereitelt, historische ereignisse machtpolitisch zu instrumentalisieren, wie es in jüngster zeit geschehen ist. gerne mehr davon!

Man ist geneigt, zu sagen:

Die Russen haben den Humanismus verraten, indem sie Freiheit und Demokratie verraten haben - aber in den letzten Tagen haben wir gesehen, dass die nach wie vor nicht einmal wissen, wovon bei Beidem die Rede ist. Russische Politik war, ist und bleibt imperialistisch, menschenverachtend und repressiv. Der Unterschied zu den USA: Die lassen zusätzlich ein Kasperletheater aufführen, das sie "Demokratie" nennen und bei dem der Oberkasper POTUS wird, der von den Plutokraten das meiste Geld kriegt. Sonst ist alles gleich und wir sollten uns von beiden fernhalten. Obwohl: Das gesamte russische Bruttosozialprodukt ist kleiner als das Frankreichs. Vielleicht sollten wir Europäer sie einfach kaufen...Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
Ludwig Wittgenstein

Tschechen hatten die Lehren der Ungarn und DDR vergessen

Die tschechischen Politiker, aber auch die Intellektuellen sowie ein Teil der Bevölkerung hatten vergessen, was die Ostdeutschen wie auch die Ungarn bei ihren jeweiligen Protesten gegen die herrschenden Kommunisten bitter hatten lernen müssen.
Substantielle Veränderungen waren in den jeweiligen Ländern gegen die russischen Machthaber nicht möglich. Solange sich in Russland nichts verändert, solange hatten Freiheitsbewegungen in den Ostblockstaaten keine Chance.
Erst mit Gorbatschow , der glaubte, die kommunistische Partei Russlands von innen reformieren zu müssen und auch können, änderte sich die Lage. Eine der Ursachen dafür war die konsequente Politik der USA, Russland in einen Rüstungswettlauf zu zwingen, der zwar von den USA finanziert werden konnte, Russland jedoch überforderte.
Es ist bis heute nicht ganz verständlich, warum die tschechischen Reformkommunisten diese zwingende Lage 1967 und 1968 nicht sahen, vielleicht auch nicht sehen wollten. Die Hoffnungen der Bevölkerung waren groß, die Enttäuschungen mindestens ebenso.
Die 21 Jahre von 1968 bis 1989 waren für viele Tschechen eine verlorene Zeit in ihren Lebensläufen.