Prager FrühlingDie unerhörten Tage der FreiheitDie unerhörten Tage …

40 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings: Christian Schmidt-Häuer, der als einer der letzten Korrespondenten aus der damaligen CSSR ausgewiesen wurde, erinnert sich von 

Der Wenzelsplatz ist stockfinster. Die letzten Bierseligen haben die baufälligen Gassen ringsum späte Ruhe finden lassen. Nur aus der Etage der Zeitung Svobodné Slovo fällt Licht wie aus einem grellen Schlitz auf die dunkle Stadt. Svobodné Slovo bedeutet freies Wort. Einer, der es seit acht Monaten erkämpft und verteidigt hat, steht auf dem Balkon. Der Mann heißt Jaroslav Černý. Als Jugendlicher hat er den Einmarsch der Nazis erlebt. Vor einem Jahr nahm er den jungen deutschen Kollegen in Prag mit offenen Armen auf. Jetzt, in der ersten Stunde des 21. August 1968, lauscht der alte journalistische Fahrensmann in die Nacht. Sie ist still. Noch. »Komm wieder rein«, sagt er, »wir werden sie nicht überhören.«

In den Redaktionsräumen klackern die Fernschreiber, überschneiden sich die Stimmen. Die Sprachen. Die Sendestationen. Nur der sonor vibrierende Tonfall der Nachrichtensprecher ist gleich: »Die Armeen des Warschauer Paktes haben gegen 22 Uhr die Grenzen der Tschechoslowakei überschritten und rücken in breiter Formation vor.« Die Redakteure reißen die Meldungen von den Telexgeräten. Lydia, die Feuilletonistin, spannt frische Papierrollen ein. »Hier«, ruft Černý ihr zu, »das wäre ein Zitat für die Kulturseite – wenn wir noch erscheinen! Der französische Romancier Blaise Cendrars hat mal aus Prag geschrieben: ›Die Welt dreht sich überstürzt rückwärts wie die Turmuhr im alten Judenviertel‹.«

Es ist wieder so weit. Der Kalte Krieg rattert über die Ticker, dröhnt aus dem Radio. Ein ehemaliger NS-Journalist und längst führender Kommentator der DDR-Medien preist die Invasion als Rettung vor dem westdeutschen Revanchismus. Die ersten Augenzeugen aus Nordböhmen, Mähren und der Slowakei berichten live, stockend, weinend. Die ersten Falken in Washington, London und Bonn stoßen auf die »zerronnenen Illusionen der Pazifisten und Sozialdemokraten« herab. Präsident und Regierung der ČSSR rufen ihre Landsleute auf, Tauben zu bleiben: »Vermeidet jedes Blutvergießen!«

Der Himmel beginnt zu dröhnen. Wir rennen auf den Balkon zurück. Aus bleigrauen Wolken sinken viermotorige russische Antonow-Transportmaschinen zum Tiefflug über das Nationalmuseum und den Wenzelsplatz herab. In immer kürzeren Abständen bringen sie Panzer und Truppen nach Ruzyně, dem neuen Zivilflughafen.

So senkt sich vom 21. August 1968 an ein alles vernichtender Frost über den Prager Frühling. Für 21 Jahre. Jaroslav Černý wird den langen Winter der Erniedrigungen nicht überleben. Doch der Balkon, auf dem er der zweiten Invasion seines Lebens zusehen muss, hat die nächste geschichtliche Wende Prags noch vor sich. Von hier aus werden Ende 1989 der von aller Welt bewunderte Dissident Václav Havel und der von Moskau geschundene Reformkommunist Alexander Dubček die samtene Revolution ausrufen. Über den Wenzelsplatz. Unter dem Jubel von 500000 Pragern.

Am Morgen des 21. August schreckt der Platz gegen drei Uhr früh auf. Hupende Taxis mit tschechoslowakischen Fahnen und Polizeiwagen mit Martinshörnern kreisen um diese ovale Riesenarena böhmischer Geschichte. Doch der erste Auftritt des sowjetischen Imperators spielt auf einer noch leeren Bühne. Wir sind von der Redaktion an das Moldau-Ufer gefahren, zum Hauptquartier der Kommunistischen Partei, dem Zentralkomitee der KPČ. Noch ist keine Menschenseele zu sehen. Im grauen Betonklotz brennt trübes Licht.

Um 4.20 Uhr führt eine schwarze Wolga-Limousine der Sowjetbotschaft drei leichte Panzerwagen aus dem Dämmerlicht heran. Soldaten in langen Feldmänteln umstellen das Gebäude im Laufschritt. Einer der Posten, den wir anzusprechen versuchen, lädt wortlos seine MP durch. Fallschirmjäger mit weinroten Baretts stoßen hinzu. Die ersten T-55-Panzer rasseln heran.

Wir wissen zu dieser Stunde, dass oben, hinter den matt erleuchteten Fenstern, die gesamte KPČ-Führung mit Parteichef Dubček sitzt. Die Reformer und ihre moskautreuen Opponenten haben bereits seit 14 Uhr über die Einberufung eines außerordentlichen Parteitags beraten und gestritten. Der jüngste und klügste Kopf der Reformkommunisten ist der 39-jährige Staatsrechtler Zdeněk Mlynář. Viele Jahre nach dem Einmarsch wird man erfahren, dass Mlynář 1950 beim Studium in Moskau einen russischen Kommilitonen zum Freund gewonnen hat, der 1968 der Welt noch völlig unbekannt ist. Er heißt Michail Gorbatschow. Gut 15 Jahre nach der Invasion wird dieser Mann die Hoffnungen der Prager Reformer auf sein eigenes Land zu übertragen versuchen.

Am Morgen des 21. August 1968 aber soll alles niedergewalzt werden, was die tschechoslowakischen Kommunisten in den vorangegangenen Monaten beschlossen – von der Abschaffung der Zensur bis zu marktwirtschaftlichen Elementen. Weil sie voller Furcht sehen, dass der Prager Frühling auch die Bürger der DDR, Polens, der Ukraine betört, haben die sogenannten Bruderparteien schon seit Monaten auf den Einmarsch gedrängt.

Während die Reformpolitiker in Dubčeks Arbeitszimmer auf ihre Verhaftung warten, sieht Mlynář, wie er später erzählt, hinter den Gardinen auf die Soldaten hinunter. Da fällt ihm ein Bild aus der Kindheit ein: »In der Nacht nach dem Attentat auf den Reichsprotektor Heydrich sah ich durch ein Fenster, wie die gleichen grauen Gespenster der deutschen Besatzer in unserer Gasse Haus für Haus durchkämmten.«

Bevor die sowjetischen Offiziere ins Zimmer stürzen, hört Mlynář noch die fernen Sprechchöre des ersten Protestzugs: »Russen nach Hause!« Mit der blau-weiß-roten Trikolore der ČSSR – der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik – kommen die Demonstranten in Zwölferreihen auf das ZK-Gebäude zu. Sie haben einander nicht untergehakt wie im gleichen Jahr die Studenten gegen die Polizei in Paris und die Springer-Presse in Berlin. Ihre Lippen sind schmaler, ihre Gesichter härter. Ohne die Schritte zu verlangsamen, rücken sie gegen die russischen Posten an. Passanten mit ausgebreiteten Armen können sie nicht aufhalten.

Als die Demonstranten die Soldaten erreichen, löst sich ihr Strom in wilde Strudel auf. Einer der Panzer dreht sich, Auspuffwolken ausstoßend, auf der Stelle. Die Tschechen entern ihn, aus dem Rohr hängt bald ihre Fahne. Erste MP-Garben stieben durch die Rauchschwaden. Seit 4.45 Uhr wird in Prag geschossen. Die Trikolore liegt am Boden. Ein junger Mann verblutet auf ihr. Die verfärbte Fahne wandert von da an von Demo zu Demo, wo immer die Panzer drohen und die damals noch wenigen Fernsehkameras drehen. Sie wird zur Zeugin der Anklage in einem beispiellosen, friedlichen Widerstand von Tschechen und Slowaken, der in den nächsten zehn Tagen die Welt erschüttert. War die KP in den Monaten zuvor zur Volkspartei geworden, wird jetzt fast das ganze Volk zur Partei.

Von alldem wollen Tschechen und Slowaken heute so gut wie nichts mehr wissen. Nach 21 Jahren der Unterdrückung und Zensur, der Berufsverbote für die Protagonisten und der Anpassung der resignierenden Mehrheit erfuhren die Bürger das Wendejahr 1989 als ihre antikommunistische Neugeburt. Orwells Großer Bruder hatte doppelte Arbeit geleistet. Das System der Moskauer Statthalter vertrieb nach dem sowjetischen Einmarsch nicht nur eine halbe Million Mitglieder aus der Partei und Zehntausende aus dem Land. Es löschte auch den großen heroischen und humanen Moment einer begeisterten Bürgerbewegung aus dem heutigen Geschichtsbewusstsein.

Die Helden der samtenen Revolution von 1989 trugen zu dieser Verdrängung bei. Sie ließen die nun nicht mehr altkommunistischen, sondern neoliberalen Medien mit ihren oft frisch gebackenen journalistischen Yuppies den Prager Frühling instrumentalisieren. Er wurde für die neue politische Grundsteinlegung in Prag als bloßer Machtkampf zwischen zwei kommunistischen Fraktionen diskreditiert, Dubčeks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« als illusionäre Propaganda abgetan. Konservative westliche Publizisten assistieren bei dieser Umwertung bis heute. »Fast alle Kommunisten um Alexander Dubček« seien damals dabei gewesen, so stand es erst jüngst in einer großen deutschen Zeitung, »nicht in der Lage oder willens, echte Demokraten zu werden«. War der ganze Prager Frühling also nur eine Scheinblüte?

Ich habe ihn anders erlebt.

Am 25. Juni 1967 brütet ein früher Sommer über Prag. Das Thermometer zeigt 35 Grad. Die Hitze drückt auf die Gemüter. Doch die Hochspannung, die sich im Kulturhaus der Verkehrsbetriebe auflädt, hat andere Gründe. In Hemdsärmeln und Hosenträgern verliest der noch allgewaltige Parteisekretär für ideologische Fragen, Jiří Hendrych, die Eröffnungsrede auf dem IV. Schriftstellerkongress. Der Verband, so poltert er, habe alle Kräfte gegen den ideologischen Pluralismus in seinen Reihen zu sammeln. Der Schriftsteller Milan Kundera schiebt daraufhin sein mit der Partei abgestimmtes Referat für »ein paar Privatbemerkungen« zur Seite. Der Schriftstellerverband müsse in seiner Resolution, so fordert er unter Beifallsstürmen, Rede- und Pressefreiheit verlangen und auch die Herausgabe aller verbotenen Werke.

Als sich immer mehr Autoren dem Aufstand anschließen, stürmt der Parteiideologe mit dem Satz »Jetzt habt ihr Schriftsteller verschissen!« aus dem Saal. Verzagte fürchten, dass die Partei den Kongress auflösen wird. Gerüchte machen die Runde mit Namen von Schriftstellern, die aus dem Verband ausgeschlossen werden sollen – und dann mittellos dastehen würden.

Einer von ihnen ist Ludvík Vaculik. »Ich habe Angst«, sagt er vom Podium herab, »aber es kann nicht verschwiegen werden, dass bei uns in 20 Jahren keine menschliche Frage gelöst wurde – von primären Dingen wie Wohnungen, Schulen, wirtschaftlichen Erfolgen bis zu feineren Bedürfnissen, welche die undemokratischen Systeme dieser Welt nicht erfüllen können. Ich nenne das Gefühl einer vollen Geltung in der Gesellschaft, die Unterordnung politischer Entscheidungen unter ethische Kriterien, den Glauben an den Sinn auch der kleinen Arbeit, das Sehnen nach Vertrauen unter den Menschen. Meine Kritik an diesem Staat hefte ich nicht dem Sozialismus an, weil ich davon überzeugt bin, dass eine solche Entwicklung bei uns nicht nötig war, und weil ich diese Macht nicht mit dem Sozialismus identifiziere, so wie sie es selbst tut.«

Vaculiks Rede löst Erschütterung aus. Ein Parteimitglied aus proletarischem Milieu bricht mit der kommunistischen Wirklichkeit und hält ihr den sozialistischen Wahrheitsanspruch entgegen. Nirgendwo in Europa war die Verbindung von Intellektuellen und KP zuvor so eng und so dauerhaft gewesen wie in der Tschechoslowakei.

Anders als die aufbegehrenden Studenten im Westen, die später das Etikett »68er« erhalten, kann man die Prager Reformer »38er« nennen. Geboren in den zwanziger Jahren, müssen sie 1938 das Münchner Abkommen miterleben – als »die Weltdemokratie ihren abscheulichen Verrat an dem Lande Masaryks und Beneschs beginnt«, wie es Thomas Mann formuliert hat. Im Stich gelassen vom Westen, findet diese Generation in – vor allem literarischen – marxistischen Texten das Versprechen einer besseren Gesellschaftsordnung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Tschechoslowakei das einzige Land, in dem eine KP die Wahlen gewinnt. Erst die folgenden stalinistischen Verbrechen, die Hinrichtung des jüdischstämmigen KP-Generalsekretärs Rudolf Slánský nach dem Schauprozess von 1952, lassen die Intellektuellen vom realen Kommunismus abrücken. Die legendäre Konferenz zur literarischen Rehabilitierung Franz Kafkas, die der Germanist Eduard Goldstücker 1963 im Schloss von Liblice organisiert, vertieft die Entfremdung.

Diese Vorgeschichte, dieser lange Klimawandel, erklärt, warum der Prager Frühling sich so plötzlich ausbreiten und vom alten Machtapparat nicht aufgehalten werden kann. Nach dem Schriftstellerkongress überstürzen sich die Ereignisse. Die Solidarität der Intellektuellen steckt Bürger, Arbeiter und die Partei an. Für den nach seiner Rede von der KP ausgeschlossenen Ludvík Vaculik, der drei Kinder zu versorgen hat, treffen Geldspenden ein. Stahlarbeiter und Betriebsparteiorganisationen erklären sich solidarisch.

Parteichef Antonín Novotný gerät Ende Oktober unter den Beschuss eines Slowaken, der den Prager Bürgern kaum bekannt ist: Alexander Dubček. Der bezichtigt den Tschechen, die Schriftsteller »diktatorisch« behandelt und die Wirtschaftsreformen vernachlässigt zu haben. Der Parteichef kontert mit dem Vorwurf, Dubčeks Äußerungen verrieten »bourgeoisen slowakischen Nationalismus« – und macht ihn damit zum Helden aller Slowaken. Am selben Abend begeht das Zentralkomitee auf der Prager Burg die 50. Wiederkehr der Oktoberrevolution, die nach dem alten russischen Kalender am 31. Oktober 1917 begann. Während des Festakts schallt es vor der Burg: »Wir wollen Licht!« 1500 Kommilitonen ziehen mit brennenden Kerzen am Hradschin vorbei zum Stadtzentrum.

Sie protestieren dagegen, dass die verrotteten Kabel zu ihrer Studentensiedlung nicht repariert, sondern Abend für Abend durch Stromsperren geschont werden. Prags Polizisten reagieren wie ihre Kollegen in Berlin Monate zuvor beim Schahbesuch, der Benno Ohnesorg das Leben kostete. Nach Knüppelorgien bleiben 46 verletzte Studenten auf dem Schlachtfeld.

Die Brutalität der Polizei, die Brüskierung der Slowaken, die Bilanz des Schriftstellerkongresses führen zum Sturz des Parteichefs. Unter den Lüstern des Spanischen Saals auf dem Hradschin, wo einst Rudolf II., Habsburgs kaiserlicher und Böhmens königlicher Faust, sich bei seinen Kunstschätzen der widrigen Tagespolitik entzog, öffnet die Partei 1968 selbst das Tor zum Prager Frühling. Während des ZK-Plenums tritt ein Altkommunist aus dem Schatten der Vergangenheit ans Mikrofon. Den kurz geschorenen Graukopf leicht gebeugt, ruft Josef Smrkovský, Minister für Forst- und Wasserwirtschaft, den Stalinismus in Erinnerung. Mit dunkler, schleppender Stimme beschreibt er die Todeszelle, in der er auf sein Urteil wartete, während sein Zellennachbar ohne Prozess erschossen wurde. Darum reiche es nicht, nur die Mitverantwortlichen für jene Untaten abzulösen. Die Herrschaft unkontrollierter, totalitärer Macht müsse für immer gebannt werden – durch Umwandlung der Partei.

Die ZK-Mitglieder, die atemlos zugehört haben, ersetzen mit ihrer allerersten geheimen Abstimmung Antonín Novotný durch Alexander Dubček. Ein Slowake als Parteichef in Prag – auch das hat es noch nie gegeben.

Zum ersten Idol der Jugend aber wird Josef Smrkovský. Auf einem wackligen Tisch stehend, über ein hohes Metallgitter mit scharfen Spitzen gebeugt, spricht der Mann aus der Todeszelle der Stalinzeit am 13. März zu Prags Jugendlichen. Sie sind am Nachmittag zum »Graben« geströmt, jener Straße zwischen Wenzelsplatz und Pulverturm, die Egon Erwin Kisch einst den Korso der Deutschen nannte.

Das Slawische Haus dort, in dem sich Schriftsteller und Reformkommunisten zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren, ist überfüllt. Das Heerlager draußen blockiert den Verkehr. Smrkovský, der vom Podium drinnen gekommen ist, hält keine Rede. Er spricht in abgehackten Sätzen, manchmal schwerfällig nach Worten suchend, mit den Leuten.

Trotz aller furchtbaren Fehler, sagt Smrkovský, habe die KP noch 1,4 Millionen Menschen in ihren Reihen. »Leider«, antwortet eine Stimme. Alles lacht, auch der alte Mann hinter dem Gitter. Er gewinnt die Jugend, als er sich auf die Seite der Warschauer Studenten stellt, die gerade gegen den antisemitischen Kurs der polnischen Kommunisten demonstrieren: »Es ist die heilige Pflicht eines jeden Kommunisten, den Antisemitismus in jeglicher Form zu bekämpfen. Antisemitismus ist eine Schande!«

Drinnen im Saal mit seinen Emporen und Säulen aus der Gründerzeit ist das dicht gedrängte Auditorium noch bunter als draußen. Ältere Prager Damen, die eine gutbürgerliche Vergangenheit sichtbar zur Schau tragen. Mädchen mit Miniröcken und Make-Love-Plaketten. Arbeiter in zerknüllten Nylonmänteln. Kommilitonen im Castro-Look. Soldaten und Teenager, die sich immer wieder Notizen machen. Zuhörer, die leise, ungläubig nachsprechen, was sie vom Podium an selbstkritischen, ironischen Pointen hören.

Es ist dieser 13. März im Slawischen Haus, an dem sich Regierte und Regierende zum ersten Mal unter einem Dach finden. Metaphern blühen auf, die bald schon die Schriftstellerzirkel verlassen und über Politiker und Studenten, Arbeiter und Angestellte, Mütter und Militärs die Sprache eines ganzen Volkes für den Traum und Albtraum von 1968 prägen.

Putschgerüchte werden gemeldet. Eine Panzerdivision soll 1030 Reformanhänger verhaften und so Novotný im Amt des Staatspräsidenten halten. Als die Liste veröffentlicht wird, erschießt sich der Stellvertretende Verteidigungsminister General Vladimír Janko. Ein halbes Dutzend höherer Offiziere und Geheimdienstler folgt ihm in den Tod. Novotný verliert seine letzte Bastion. Mit ihm treten binnen 48 Stunden rund 50 Politiker zurück. Mehrmals stehen wir vor leeren Büros, weil die, die wir interviewen wollen, gerade ihre Posten verlassen mussten.

Die Zensoren sind schon arbeitslos, obwohl die Zensur noch gar nicht abgeschafft ist. Die Meldungen überschlagen sich. Zeitungen, die bis vor Kurzem nur wegen des Sportteils gelesen wurden, sind früh um sieben Uhr ausverkauft. Die Presse wird zur Opposition. Sie spiegelt den plötzlichen Überschwang einer schon lange veränderungsbereiten Gesellschaft wider. So trägt sie dazu bei, dass die Revolution von oben, angestoßen vom Reformerflügel, zur bürgerlich-friedlichen, politisch kaum noch einzufriedenden Kulturrevolution von unten wird.

Am 5. April billigt das ZK-Plenum das neue Aktionsprogramm der KPČ. Es kündigt tief greifende Veränderungen an: Rede- und Versammlungsfreiheit, Reisen ins Ausland, Privatisierung kleinerer und mittlerer Betriebe, Entscheidungskompetenzen für Betriebsräte. Dubčeks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« erhält gewinnende Züge. Tschechen und Slowaken können Presse- und Grundfreiheiten genießen, nach Österreich und Westdeutschland reisen, Vereine gründen, den Künsten und ihrem Glauben unbeschränkt frönen. Allein beim Sozialismus soll es bleiben: Das Aktionsprogramm will keine Parteien gestatten »in dem Sinne, dass sich eine Opposition gegen die Linie der staatlichen Politik bildet … und ein politischer Kampf um die Macht im Staate geführt wird«.

Einige Prager Intellektuelle nennen das Programm »minimalistisch«, der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew verurteilt es als »revisionistisch«. Moskautreue Genossen der KPČ, die im Parteipräsidium noch gleich stark vertreten sind, sammeln ihre Anhänger zum Gefecht.

Da erscheint am 27. Juni das »Manifest der 2000 Worte«. 69 Prominente haben es unterzeichnet. Sein Verfasser ist Ludvík Vaculik, der ein Jahr zuvor den Schriftstellerkongress erschüttert hat. Das Manifest erkennt an, dass sich die Kommunisten »ehrlich bemühen, die letzte Gelegenheit wahrzunehmen, um die eigene Ehre und die Ehre der Nation zu retten«. Doch habe die Demokratisierung jüngst ihren Schwung verloren. Deshalb empfehlen die Unterzeichner Demonstrationen, Streiks, Boykotts und die Gründung von Bürgerkomitees, um die diskreditierten Funktionäre abzulösen. Zur »Möglichkeit, dass fremde Kräfte in unsere innere Entwicklung eingreifen«, heißt es schließlich: »Wir können aber der Regierung versichern, dass wir hinter ihr stehen werden, wenn nötig mit Waffen.«

In hektischer Atmosphäre verurteilt das gespaltene KPČ-Präsidium den Appell als Angriff auf die Parteiführung, der »objektiv antikommunistischen Tendenzen den Weg« ebne. Smrkovský, inzwischen Parlamentspräsident, nennt das Manifest »tragisch«, die Unterzeichner hätten sich von politischer Romantik leiten lassen.

Am Moldau-Ufer, in den Redaktionsräumen von Literární Listy , treffe ich Ludvík Vaculik zum Interview. Der Tischlersohn und einstige Fabrikarbeiter, Autor des zu jener Zeit berühmtesten Prager Gegenwartsromans Das Beil, trägt wie immer sein groß kariertes Wollhemd, die uralte Aktentasche, den Dreitagebart unter den wirren dunklen Haarsträhnen. »Nichts hat sich verändert«, sagt er. »Der Wirbel ist im Grunde mehr wert als das Manifest selbst. Die Bürger sollten erkennen, weshalb die Situation im Lande noch immer nicht ausschließt, dass sich bei der Rückkehr aus den Ferien plötzlich die andere Seite etabliert hat.«

Die »andere Seite« nutzt das Manifest, um die angelaufenen Vorbereitungen zur Invasion ideologisch zu flankieren. Die Moskauer Prawda warnt vor einem »Umsturz« und der Restauration des Kapitalismus. Dabei hatte sich Parteichef Breschnew anfangs eher bedeckt gehalten. Im Dezember 1967 war er sogar in geheimer Mission nach Prag geflogen, um den sich anbahnenden Wechsel an der Parteispitze gutzuheißen. Er mochte Novotný nicht, weil der als einziger Ostblockführer 1964 Kritik gewagt hatte, als Breschnew seinen Vorgänger Chruschtschow stürzte. Für Dubček, in einer kirgisischen Bauernkommune aufgewachsen, weil sein slowakischer Vater dort die sowjetische Wirtschaft aufbauen half, empfand er hingegen zunächst Sympathie.

SED-Chef Walter Ulbricht und seine Kollegen in Warschau und Sofia jedoch sehen die ČSSR schon im Februar als Opfer imperialistischer Infiltration. Als im Prager Frühling eine freie Presse aufblüht und die Macht der Altgenossen dahinwelkt, sieht auch Breschnew Handlungsbedarf. Dubček wird zu einem Treffen der Bruderstaaten über gemeinsame Wirtschaftsfragen am 23. März nach Dresden geladen. Doch die Konferenz nimmt ihn ins Kreuzverhör über die Rolle der Partei. Der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin spricht zum ersten Mal das K-Wort von 1968 aus: »Mit dieser Konterrevolution, diesem Dreck, der jetzt überall hochkommt«, müsse Schluss gemacht werden.

Ende Mai rücken sowjetische Truppen über die polnische Grenze zu Manövern ein. Der deutsche Bundesnachrichtendienst registriert schon bald »dauerhafte Markierungen im Gelände«. Nach dem »Manifest der 2000 Worte« laden die »Bruderparteien« (mit Ausnahme Rumäniens) am 11. Juli zu einem Gipfel nach Warschau. Doch die Prager Reformer haben drei Tage zuvor beschlossen, nur noch bilaterale Gespräche auf eigenem Boden zu führen. Einer von ihnen sagt mir: »Es war der entscheidende Fehler des Reformators Jan Hus, 1415 zum Konzil nach Konstanz zu fahren.« Dort wurde der Prager erst angehört – und dann verbrannt.

So kommt es am 29. Juli zu einem noch nie da gewesenen Moment in der sowjetischen Geschichte. Die Zeiger der Bahnhofsuhr stehen auf 9.52 Uhr, als ein Sonderzug mit 15 grün gestrichenen Salonwagen über die Grenze der UdSSR in den slowakischen Marktflecken Čierna nad Tissou einrollt. Aus dem Wagen steigen mit verschlossenen Gesichtern neun von elf Mitgliedern des Moskauer Politbüros. Zum ersten Mal seit der Oktoberrevolution ist die nahezu gesamte Kremlführung außer Landes gereist. Kühl begrüßen sie die Prager Genossen. Die Delegationen gehen hinüber zum Kulturhaus der Eisenbahner, wo sich sonst die Dorfbewohner zum Kinobesuch treffen. Über die Begegnung ist absolutes Stillschweigen vereinbart worden. Die Moskauer Gäste geben sich empört, als sie uns Journalisten neben gewaltigen Gänse- und Entenscharen entdecken. Doch sie sind ohnehin nicht gekommen, um zu verhandeln, sondern um eine Spaltung der Prager Führung zu erzwingen.

Das misslingt diesmal noch, aber Dubček wird die Zusage abgepresst, exponierte Reformer zu entlassen und die Presse an die Kandare zu nehmen. Später erfahren wir, dass die »Bruderstaaten« bereits am 15. Juli in Warschau geschlossen für den Einmarsch gestimmt haben.

Am ersten Augustwochenende wird die besorgte Weltöffentlichkeit noch einmal in Sicherheit gewiegt. Die Partei- und Regierungsspitzen der UdSSR, der DDR, Polens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei treffen sich zum Blitz-Gipfel in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Die Delegationen sitzen sich im Gewerkschaftsheim hoch über der Donau gegenüber. Vom Fluss führt eine schmale Stiege hinauf, vor der zwei geduldige Polizisten stehen. Zu den Journalisten dort unten dringen, wie von Kafkas Schloss, ab und an unbedeutende Botschaften hinunter.

Doch dann kommen, wie Bürokraten aus der Welt des Prager Dichters, drei Männer in Schwarz die Treppe herab: Ministerpräsident Kossygin, der hoch aufgeschossene Moskauer Chefideologe Michail Suslow und der kleine, füllige Parteichef der Ukraine, Pjotr Schelest. Als ich Kossygin nach dem Stand der Gespräche frage, lächelt er: »Lassen wir das doch jetzt beiseite, wir wollen die Donau sehen!« Zwei Minuten schauen die drei offenen Befürworter der Invasion auf den Fluss, dann steigen sie strahlend wieder zum Gipfel hinauf.

Als die Delegationen am späten Nachmittag im Spiegelsaal des Rathauses ihre Deklaration unterschrieben haben und sich gut gelaunt auf der Balustrade zeigen, kennt der Jubel der Menschen keine Grenzen. Die Agenturen melden eine Wende zum Guten. Noch einmal siegt das Wunschdenken. Nur wenige achten auf die in der Deklaration versteckte Formulierung, die später einmal als Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität gelten wird: »Die Bruderstaaten … werden es niemals und niemandem erlauben, einen Keil zwischen die sozialistischen Länder zu treiben, die Grundlagen der sozialistischen Ordnung zu untergraben.«

In diesem heißen Sommer stehen Böhmen, Mähren und Slowaken so eng beieinander wie noch nie in ihrer Geschichte. Sie sind zusammengerückt hinter der KPČ wie hinter keiner bürgerlichen Partei zuvor. Nicht nur in Prag, nicht nur vor Zeitungskiosken und in Fabriken. Auf Dorfplätzen versöhnen sich lange verfeindete Bauern »za Dubčeka«, für Dubček. Als sich die Meldung verbreitet, der Kreml habe beide Parteiführungen in voller Besetzung nach Čierna beordert, fragen Schriftsetzer bei Literární Listy an, ob dort ein Aufruf dazu verfasst werde. Sonst würden sie selbst zur Feder greifen. Doch der Schriftsteller Pavel Kohout hat bereits einen Appell an die Prager Führung verfasst.

Kaum ist die Sonderausgabe auf den Prager Straßen, bauen Studentinnen und Rentner, Spaziergänger und Arbeiter in Blaumännern Tische auf und lassen den Appell unterschreiben. Passanten und Polizisten, Kellnerinnen und Köche sammeln sich um die Listen. Und immer wieder auch DDR-Touristen – eine Weile abwartend, bevor sie sich einen Ruck geben und ihren Namen, oft mit voller Adresse, eintragen. Auf dem Graben, Prags Speakers’ Corner in diesen Monaten, gehen die Diskussionen Nacht für Nacht bis in die Morgenstunden. »Was ihr hier habt«, sagt ein Dresdner, »gibt es auf der Welt nicht noch mal. Ihr könnt gar nicht wissen, was das für uns bedeutet, weil wir jetzt nicht mehr nur nach’m Westen gucken müssen.«

Als dann das kurze, nichtssagende Kommuniqué von Čierna im Radio verlesen wird, entlädt sich die Anspannung in fieberhafter Erregung und Enttäuschung. Auf dem Altstädter Ring wird das klobige Denkmal, das 1915 zum 500. Todestag des in Konstanz verbrannten Ketzers Jan Hus errichtet wurde, zu einer Menschensäule mit Fahnen und Transparenten. Parlamentspräsident Smrkovský erscheint auf dem gegenüberliegenden Balkon der früheren Musikschule. Das Idol der Jugend wirkt ausgebrannt, spricht schleppend. Sagt nichts Konkretes über die Verhandlungsergebnisse. Die Zwischenrufe werden immer bohrender. »Wir sind keinen Schritt zurückgegangen!«, rechtfertigt sich der Politiker gequält und tritt vom Balkon ab.

Wenig später hetzt ein gespenstischer Zug durch die stockfinsteren Torbögen der Prager Altstadt. Der Parlamentspräsident, der das Haus durch einen Hinterausgang verlassen hat, wird von einer Kette Jugendlicher abgeschirmt. Doch sie können ihn vor dem Gedränge und Geschubse nicht bewahren. Die bis dahin nie schwankende Vaterfigur zeigt nur noch ein todmüdes, verlegenes Lächeln. Einige aus dem Strom klatschen Beifall, andere schreien ihm ins Gesicht: »Die Wahrheit! Wir wollen die Wahrheit hören!« Ein junger Mann läuft voraus und hält einen privaten Wagen an. Smrkovský zwängt sich hinein. Die Menge gibt das eingekeilte Auto frei.

Fünf Tage vor dem Einmarsch warte ich in einem der goldverzierten Säle der Prager Burg auf Alexander Dubček. Er kommt zu dem vereinbarten Gespräch, nachdem er beim Staatsempfang Rumäniens Präsidenten verabschiedet hat. Mein Weinglas ist fast leer. Dubček sieht es, als er anstoßen will, und schüttet aus seinem Glas nach, genau überprüfend, ob der Wein auch gleichmäßig verteilt ist. »Damit Sie nicht sagen, wir Kommunisten seien ungerecht!«, lacht er. Auch als das Gespräch ernster wird, sind seine Repliken weder eitel noch heftig. Zum geplanten Egerländer Treffen in Schirnding, das die SED propagandistisch ausschlachtet, sagt er nur: »Es ist doch nicht nötig, dass man durch eine solche Sache Unruhe schafft.«

Der Parteichef spricht so selbstverständlich und scheinbar entspannt von den kleineren Sorgen, dass ich ihm die große Frage nach der drohenden Besetzung des Landes gar nicht stellen mag. »Sehen Sie«, weist er auf die Stadt hinunter, »es ist schade, dass die täglichen Straßendiskussionen ein wenig in Gefahr geraten, von verschiedenen Leuten zu anarchistischen Aktionen ausgenutzt zu werden. Wir könnten die nächtlichen Gruppen natürlich leicht mit der Polizei auflösen. Im Westen hat General de Gaulle bei den Pariser Studentendemonstrationen ja ein Beispiel dafür geliefert. Aber für uns ist die Polizei keine Lösung. Wir wollen die Menschen überzeugen.«

Dubček lächelt mit leicht geschlossenen Lidern und etwas zurückgelehntem Kopf. Druck und Erschöpfung der vergangenen Monate haben auf jeder Wange eine scharfe Furche hinterlassen. Auf seine weichen Züge scheint ein Anflug von Trauer zu fallen. Was Wunder: Vom Schlosser war er in zehn Jahren zum Musterschüler der Moskauer Parteihochschule aufgestiegen, kam schnell, aber solide auf der Karriereleiter der KP voran. Selten konnte sie ein toleranterer Genosse erklimmen. Doch zum gewieften Machtpolitiker ohne viele Skrupel, zum Staatsmann gar hat er weder das Zeug noch den Willen. Zum Demokraten eher. Doch bevor Alexander Dubček nach diesem Abend wieder in der Öffentlichkeit erscheint, wird die Freiheit der Tschechoslowakei – für die er einstehen wollte, so gut er konnte – von den Panzern überrollt sein.

Als die Panzer am Morgen des 21. August auf die zentralen Punkte der großen Städte zurollen, haben Tschechen und Slowaken ihre einzigen Waffen in den Händen: Transistorradios. In endlosen Kolonnen machen sie sich auf, um zu verteidigen, was zur Demokratisierung des Sozialismus führte: das freie Wort. Vor dem Rundfunk in der Vinohradská bilden die Prager eine lebende Mauer. Mit Straßenbarrieren aus Bussen, Baufahrzeugen und Bulldozern kesseln sie die Panzer in diesem Straßenabschnitt ein. Jugendliche versuchen, ihre Jacken in die Sehschlitze der Panzer zu stopfen. Um 8.10 Uhr strahlt das umkämpfte Radio die niedergeschlagen klingenden Worte Staatspräsident Ludvík Svobodas aus: »Ich möchte euch nur darum bitten, dass ihr völlige Ruhe und Besonnenheit bewahrt.«

Mit Gewehrsalven auf die oberen Stockwerke der Häuser gegenüber kämpfen sich die Soldaten den Weg ins Rundfunkgebäude über einen Nebeneingang frei. Wie sie es angekündigt haben, legen die Redakteure als Schlusszeichen die Nationalhymne auf. Dieses eine Mal singen die Tschechen nicht mit. Sie zünden die Barrikaden an. Junge Arbeiter und langmähnige Studenten stehen auf den brennenden Bussen und schwenken die Trikolore. Der erste Panzer geht in Flammen auf, Jugendliche haben die Reservekanister angebohrt. Die behelmten Soldaten auf den Mannschaftswagen beginnen in ihrer hilflosen Panik zu schießen. Zwischen den Stichflammen des brennenden Benzins und den dunkler werdenden Rauchschwaden treffen Querschläger die ersten Opfer. Ein älterer Tscheche reicht mir noch warme Patronenhülsen: »Von unseren Brüdern! Ihr Deutschen seid damals wenigstens als Feinde gekommen!«

Weiter unten am Wenzelsplatz breitet sich der gewaltlose Widerstand aus. Mit jedem T-55 taucht auch ein Lastwagen auf, überladen mit jungen Pragern, gespickt mit Fahnen. Seit dem Nachmittag nehmen die Prager Mädchen das Heft in die Hand. Sie haben ihre schicksten Kleider, ihre kürzesten Miniröcke angezogen. Sie hängen ihre Handtäschchen an MG-Läufe, klettern auf Panzer, fragen die verlegenen, oft ahnungslosen Bauernjungen, die nicht einmal wissen, wo sie sind: »Kommt man so zu Freunden?« Vor den Panzern, auf die oft schon SS-Runen gemalt sind oder Parolen wie »Breschnew=Hitler, »UdSSR=USA«, »Vietnam«, pflanzen sich Teenager auf. Sie verlesen den geduldig bis stoisch Zuhörenden auf Russisch Resolutionen von Kleinstbetrieben, Gewerkschaften, Theatern.

Der Einmarsch ist ein imperialistischer Akt. Die meisten Soldaten aber erscheinen nicht imperialistisch, sondern ratlos, hungrig, verwirrt. Ich habe Offiziere gesehen, die sich verstohlen die Augen wischten. Vier Fünftel der Okkupationstruppen sind aus der UdSSR gekommen. Die DDR-Einheiten mussten draußen bleiben, auf Anordnung Breschnews und zum Leidwesen Ulbrichts. Rund 500 Menschen verlieren ihr Leben. Dass es nicht mehr werden, ist beiden Seiten zu verdanken: der damals noch streng disziplinierten Sowjetarmee und den tschechischen und slowakischen Untergrundsendern.

Sie melden sich plötzlich auf allen Wellen, regen die Widerstands-Happenings an, die sich über das ganze Land verbreiten, und sorgen dafür, dass diese nicht in den aussichtslosen Heroismus von Straßenkämpfen umschlagen. Stattdessen empfehlen sie, alle Straßenschilder abzuschrauben und die Namensschilder an den Türen zu ändern. Vom zweiten Tag an heißt in Prag fast jede Familie Dubček oder Svoboda. Und wohnt in einer Gasse gleichen Namens. Tschechische Stasi-Beamte spielen den Sendern die Nummern jener Autos zu, mit denen Verhaftungen vorgenommen werden sollen. Sofort werden sie ausgestrahlt, wenige Minuten später stehen Hunderte vor den Häuserwänden und schreiben: »Achtung! Folgende Wagen verhaften: AE 3092, AD 4819, RK 5313, ABA 7191…«

Prag wird zur Wandzeitung, die das chinesische Patent weit übertrifft. Jede Sparte, jede Berufsgruppe, jede Organisation klebt ihre eigene Protestresolution an Türen, Fassaden, Schaufenster. Es sind Texte von ohnmächtiger Überlegenheit wie dieser in russischer Sprache: »Soldaten, begreift, dass die Besatzung unseres sozialistischen Landes eine Schande für die KPdSU und ein schwerer Schlag für die kommunistische Weltbewegung ist.«

Es war der Schlag, der ihren Untergang einleitete. Der Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, einem liberalen Marxismus als Konkurrenz oder Partner des traditionellen Liberalismus geht im August zu Ende. Die nach Moskau verschleppte Parteiführung kehrt mit dem Diktat zurück, die Reformen selbst zu begraben, da sich zunächst kein Quisling durchsetzen kann. Der kommt acht Monate später an die Macht. Am 17. April 1969 lässt der Kreml Parteichef Dubček stürzen und durch den Slowaken Gustav Husák ersetzen.

Acht Tage später wird mir die Akkreditierung als Prager Korrespondent entzogen und jede Wiedereinreise verboten. Nur 48 Stunden bleiben, um von den nun bedrohten Freunden und Kollegen Abschied zu nehmen. Von vielen für immer.

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Leserkommentare
  1. 1. danke

    für diesen artikel! gerade in deutschland, wo man häufig auf '68 mit einiger nostalgischer verklärung zurückblickt, fehlt häufig der blick auf die ereignisse hinter dem eisernen vorhang, gegen die die studentenrevolte wie ein alberner zwergenaufstand erscheint.durch solche berichte wird ferner der versuch vereitelt, historische ereignisse machtpolitisch zu instrumentalisieren, wie es in jüngster zeit geschehen ist. gerne mehr davon!

  2. Die Russen haben den Humanismus verraten, indem sie Freiheit und Demokratie verraten haben - aber in den letzten Tagen haben wir gesehen, dass die nach wie vor nicht einmal wissen, wovon bei Beidem die Rede ist. Russische Politik war, ist und bleibt imperialistisch, menschenverachtend und repressiv. Der Unterschied zu den USA: Die lassen zusätzlich ein Kasperletheater aufführen, das sie "Demokratie" nennen und bei dem der Oberkasper POTUS wird, der von den Plutokraten das meiste Geld kriegt. Sonst ist alles gleich und wir sollten uns von beiden fernhalten. Obwohl: Das gesamte russische Bruttosozialprodukt ist kleiner als das Frankreichs. Vielleicht sollten wir Europäer sie einfach kaufen...Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

  3. Die tschechischen Politiker, aber auch die Intellektuellen sowie ein Teil der Bevölkerung hatten vergessen, was die Ostdeutschen wie auch die Ungarn bei ihren jeweiligen Protesten gegen die herrschenden Kommunisten bitter hatten lernen müssen.
    Substantielle Veränderungen waren in den jeweiligen Ländern gegen die russischen Machthaber nicht möglich. Solange sich in Russland nichts verändert, solange hatten Freiheitsbewegungen in den Ostblockstaaten keine Chance.
    Erst mit Gorbatschow , der glaubte, die kommunistische Partei Russlands von innen reformieren zu müssen und auch können, änderte sich die Lage. Eine der Ursachen dafür war die konsequente Politik der USA, Russland in einen Rüstungswettlauf zu zwingen, der zwar von den USA finanziert werden konnte, Russland jedoch überforderte.
    Es ist bis heute nicht ganz verständlich, warum die tschechischen Reformkommunisten diese zwingende Lage 1967 und 1968 nicht sahen, vielleicht auch nicht sehen wollten. Die Hoffnungen der Bevölkerung waren groß, die Enttäuschungen mindestens ebenso.
    Die 21 Jahre von 1968 bis 1989 waren für viele Tschechen eine verlorene Zeit in ihren Lebensläufen.

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  • Schlagworte Thomas Mann | Walter Ulbricht | Frühling | Sowjetunion | Tschechoslowakei | Polen
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