Die Geliebte. Es ist ein altmodisches Wort, das wie ein Seidenstrumpf knistert, der über ein angewinkeltes Bein hinuntergerollt wird, ein weiches, anschmiegsames Wort mit gefährlichem Beiklang. Vor dem inneren Auge steigen alte Filmbilder auf: Shirley MacLaine als Sekretärin in Das Apartment  ausgenutzt von ihrem Chef, vor dem Freitod gerettet von Jack Lemmon. Oder Catherine Deneuve, die in Belle de Jour – Schöne des Tages heimlich als professionelle Geliebte arbeitet und abends als keusche Ehefrau wieder in ihre bürgerliche Welt zurückkehrt. Zwischen diesen Polen, zwischen Opfer und Täterin, bewegen sich die Fantasien über die große Unbekannte, die immer im Halbdunkel bleibt und so gut in eine untergegangene Epoche zu passen scheint, als Frauen noch Kamelien im Haar trugen.

Aber auch in unserer Zeit, die scheinbar ohne Tabus und Geheimnisse auskommt, existiert sie noch. Wenn man genauer hinsieht und hinhört, begegnet man ihr überall. Sie sitzt zum Beispiel in einer hellen Küche einer Münchner Altbauwohnung und heißt Jeanet. Sie trägt keine Blüte im Haar, attraktiv ist sie trotzdem: eine schlanke, blonde Frau, ganz in Weiß gekleidet. Gerade hat sie die Fenster weit geöffnet und Milchkaffee gekocht, jetzt erzählt sie ihre Liebesgeschichte, die sie von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen stürzen ließ. Jeanet ist 37 Jahre alt. Als sie Peter kennenlernte, war sie 30. Und sie hatte sich geschworen: Nie mit einem verheirateten Mann.

Es gibt wenige gesicherte Zahlen über die Geliebte, eine Statistik der Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung (Gewis) zählt drei Millionen in Deutschland. Vielleicht sind es mehr, vielleicht sind es weniger, sicher aber ist, dass es noch nie so einfach war wie heute, eine Geliebte zu finden oder zu werden. Man muss nur auf eine der vielen Internetseiten wie firstaffair.de, lovepoint.de oder seitensprung.de gehen, sein Profil und seine Wünsche eingeben, ein bisschen warten und dann auswählen. Es gibt Männer, die sich vor jeder Geschäftsreise mit einer Frau übers Internet zum Sex verabreden, erzählt Silvia Fauck, die in Berlin und Hamburg Menschen mit Liebeskummer berät. Und es ist leichter geworden, die heimliche Liebe zu organisieren, seitdem es das Handy gibt, "das perfekte Gerät für die Geliebte", wie Jeanet sagt.

Heute bezahlt die Geliebte ihren Ausbruch aus der gesellschaftlichen Ordnung nicht mehr mit dem Leben wie ihre literarischen Vorgängerinnen Madame Bovary, Effi Briest und Anna Karenina. Aber einen Preis zahlt sie doch. Sie muss sich nach dem Terminkalender des Mannes richten, sie kann ihn nicht sehen, ihn nicht anrufen, wann sie will (und wird dafür noch nicht mal ausgehalten, weil das ja dem altmodischen und doch wieder so modernen romantischen Liebesideal widersprechen würde). Sie wird verheimlicht wie eine peinliche Krankheit, und wenn sie wirklich krank ist, bleibt sie allein. Auch Jeanet hat das erlebt: Sie lag im Bett mit einer Lungenentzündung, und er konnte sich nicht um sie kümmern.

Natürlich gibt es auch männliche Geliebte, doch sie steigen in der Regel schneller als die Frauen aus, wenn aus der Affäre keine Beziehung wird. Am häufigsten ist immer noch die asymmetrische Beziehung, wie Psychologen es nennen: Der Mann hat Frau und Geliebte, aber die Geliebte hat nur ihn. Warum verfallen Frauen immer noch in dieses traditionelle Muster? Widerspricht so ein Dasein nicht radikal der Vorstellung von einer emanzipierten Frau? Was gewinnt die Geliebte heute noch in diesem Spiel, dessen Regeln für sie so ungünstig zu sein scheinen?

Zwei Jahre lang war Jeanet jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an Peters Antiquitätengeschäft vorbeigegangen. Zwei Jahre lang hatte er um sie geworben. Seitdem sie einmal sein Geschäft betreten hatte, verging kaum ein Tag, an dem er nicht vor der Tür seines Ladens auf sie wartete. Bald sagte er, sie sei die Frau seines Lebens. Doch sie blieb hart. Bis er eines Tages drohte, wenn du heute nicht mit mir ausgehst, lasse ich mich in die geschlossene Psychiatrie einweisen.

Noch heute klingt Jeanets Stimme glücklich, wenn sie von den Anfängen dieser Liebe erzählt. Über ihre Rolle als Geliebte spricht sie sehr offen, aber wer sie wirklich ist, soll keiner wissen. Ihre heimliche Liebe zu Peter soll nicht öffentlich werden. Deshalb heißt Jeanet in Wirklichkeit gar nicht Jeanet, und auch einige Details ihrer Geschichte werden im Halbdunkel bleiben.