Es war ein Wort. Ein unerwartetes, komisches, magisches Wort, in dem alles zusammenkam, Bertolt Brecht, die Stadt Augsburg, die Literatur. Der bayerische Kulturminister Thomas Goppel sprach das Wort aus. Am Eröffnungsabend des dritten Augsburger Brecht-Festivals glänzte der SZ -Redakteur Dominik Wichmann bei der absurden Aufgabe, mit dem CSU-Minister über den Kommunisten Brecht zu reden. Warum Goppel denn, fragte Wichmann, auch heuer nach Augsburg komme, was seine Homepage zudem schamhaft verschweige? Auf diese Frage, die eigentlich schon alles sagt über Goppels Brecht-Flirt, antwortete der Minister: »Aus der Gewohnheit«, jener nämlich, die Stadt und ihren Sohn zu ehren.

Aus der Gewohnheit, sagte Goppel. Kann das Zufall sein? Die Macht der Gewohnheit, so heißt das Stück von Thomas Bernhard, das böser über Augsburg schimpft als Brecht in seinem Gesamtwerk. In Bernhards Drama verfolgt der Zirkusdirektor Caribaldi vergebens den Plan, mit seinen Artisten das Forellenquintett zu spielen. »Morgen Augsburg«, flucht Caribaldi, flucht den ewigen kunstfeindlichen Bann der Provinz, der Augsburg und alle grauen Gewohnheiten der Welt seither literarisch verschweißt. Nein, Goppels »Gewohnheit« kann kein Zufall sein. Was aber wollte er damit sagen? Müssen wir uns Goppel, der Wichmanns Frechheit sichtlich genoss, müssen wir uns den bayerischen Kulturzirkusdirektor als einen Verzweifelten vorstellen, der über nichts lieber als über Brecht spräche, der ihm durch die Politik so fern ist wie Schubert dem Caribaldi?

Das war ein erster großer Theatermoment des abc-, des »Augsburg Brecht Connected« - Festivals, das am Wochenende 137 Autoren, Schauspieler, Musiker und Poeten nach Schwaben gelockt hatte. Man las, diskutierte, feierte in brechtscher Manier, schlürfte den von Charles Schumann kreierten Cocktail Fatzer (hintersinnig erfrischend: Cranberry und Wodka. Hollywood und Moskau?). Das musikalische Programm war dem Komponisten Hans Platzgumer, das literarische dem Schriftsteller Albert Ostermaier zu verdanken, der mit ansteckender Begeisterung und bubenhaftem Charme die halbe jüngere Literaturszene des Landes in den platzend vollen Kalender steckte. Vieles lief gleichzeitig, aber selten erlebt man eine so neugierige und dabei kulturell selbstbewusste Stadt, so viel Nähe von Kunst und Publikum. Es lag wohl an den kurzen Wegen zwischen den Spielstätten, an Eintrittspreisen von vier bis zehn Euro und an der Unwiderstehlichkeit schöner Sommertage, in deren Licht schon manches Provinzfestival das Metropolengetue bloßgestellt hat.

Prompt hieß das (erstmals) ausgegebene Motto »Im Dickicht der Städte«. Das abc-Festival, und das macht es so innovativ, will nicht in Verehrung seines Patrons verharren. Fernab vom rot-goldenen Kitsch der Brecht-Revuen nimmt es Brecht als Inspirator, Reizwortgeber und Streitfigur, an der man weiterdenkt. Im herausragenden Eröffnungsbeitrag hatte Daniel Kehlmann gezeigt, wie gut man sich an Brechts furchtbarer Ideologie und seiner unerhörten Poesie reiben kann. Das war in den nächsten Tagen schwer zu übertreffen. In den Diskussionen zu Stadtplanung oder urbanen Genüssen traten je zwei, drei Autoren und Experten aufs Podium, lasen, dazu gaben sehr gute Schauspieler Brecht, dann diskutierte man. Das gelang mal gut, mal schlechter, erschöpfte sich zuweilen im unterhaltsamen Geplauder.

Dann aber gab es Ereignisse wie die Runde, die im schattigen Garten des Schaezlerpalais über den »Terror der Maßnahme « sprach. Erst erläuterte der Peruaner Santiago Roncagliolo die Strategie des Leuchtenden Pfads und erklärte daran, warum er lieber von einem Verrückten als von einem Idealisten ermordet würde: Der Verrückte lässt sich vielleicht auf Kompromisse ein, aber wer die Welt verbessern will, verhandelt nicht. Dann schloss man vom stalinistischen auf den aktuellen Terrorismus, bis Mark Ravenhill den »export of our conflicts and images of suffering« ins Gespräch warf, um diesen nun als Theaterszene zu reimportieren: in der unheimlichen, absurden Begegnung eines behüteten Knaben und eines Soldaten, der dessen gated community (Europa?) bewacht. Stefan Hunstein und Natalia Wörner lasen das böse Traumspiel um die subtile Gewalt der Exklusion – und nachher sah man die prächtige Barockmauer um den Garten des Silberhändlers Benedikt Liebert mit anderen Augen. Das Silber kam 1770 ja auch längst aus Übersee. Hier war es gelungen: Roncaglioglo, Ravenhill und ihre Mitstreiter hatten Brechts oft altmodisch scheinende Probleme in aller Schärfe neu erkennbar gemacht: als aus Europa abgeschobene Konflikte, die, anderswo längst reale Brutalität, nun als Wiedergänger in Gestalt des Terrorismus zurückkehren.

Eine solche Heimholung Brechts in die Gegenwart gelang anderswo noch viel leidenschaftlicher. Wer sich freute über die jungen Leute, die tagsüber zu Brecht fanden, sollte einmal deren Begeisterung für die Spoken-Word-Künstler abends in der gesteckt vollen Komödie erleben. Warum kamen denn so wenig Ältere hierher? Ihnen entging pulsierend lebendige Dichtung wie die junge Berlinerin Peh mit der Billigung der Welt oder die in Chicago gebürtige Mayda del Valle mit ihrem Text Decendecy, in dem sie über die eigene kulturelle Identität dichtend nachdenkt. Die deutschen und internationalen Spoken-Word-Stars nennen sich ironiefrei Poeten, sind kaum Mitte zwanzig, scheuen keinen Reim, kein Sprachspiel, werfen ihre Kunst mit maximalem Herz- und Körpereinsatz auf die Bühne. Dagegen war manche Diskussion ein Stammtisch.

Albert Ostermaier hat Brechts Erben nach Augsburg geholt. Es sind die jungen Dichter aus den USA oder Südafrika, darunter viele Frauen, es sind Autoren aus den alten, fernen und den neuen, inneren Peripherien unserer Weltkultur. Damit ließe sich wuchern, das müsste der alten Bankenkapitale Augsburg doch gefallen. Ostermaier sprüht vor Ideen, aber noch ist nicht klar, ob das auf drei Jahre angelegte Festival fortgesetzt wird. Doch es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass sich die Kulturpolitik das vielleicht aufregendste Literaturfest auf deutschem Boden entgehen lässt. Sie könnte Bernhards Bannfluch lösen: Nächstes Jahr Augsburg? Hoffentlich!