Arbeitsmarktpolitik Eiertanz um den Mindestlohn
Wer soll einen Mindestlohn bekommen, und in welcher Höhe? Die Große Koalition streitet weiter. Dabei wäre jede Entscheidung besser als die ewigen Querelen. Ein Kommentar
Der Eiertanz um die Mindestlöhne geht weiter. An einem Tag demonstriert die Große Koalition Entschlossenheit und verabschiedet neue Gesetzentwürfe. Am nächsten Tag streitet sie darüber, was mit den Vereinbarungen eigentlich gemeint ist. Soll auch in der Zeitarbeit ein Mindestlohn gelten? Und wenn ja: Welcher von zwei konkurrierenden Tarifverträgen soll die Grundlage sein? Bei dieser Frage geht es nicht bloß um einen Eingriff mehr in die schon arg lädierte Tarifautonomie, in diesem Fall entscheidet die Regierung, welcher Gewerkschaft und welchem Arbeitgeberverband sie die Existenzgrundlage entzieht.
In den vergangenen Jahren hat Schwarz-Rot bereits einen Flickenteppich mit lauter speziellen Regeln für einzelne Branchen geknüpft. Jetzt will sie weitere Stofffetzen anfügen. Doch dabei ist sie sich nicht einmal einig, wie und wo. Sie will das »Mindestarbeitsbedingungengesetz« aus der Mottenkiste holen, das 1952 erlassen, aber nie angewandt wurde. Und sie will das Entsendegesetz ausdehnen, das 1996 eingeführt wurde, um deutsche Baufirmen und ihre Mitarbeiter gegen ausländische Konkurrenz zu schützen. Doch die geplanten Neuregelungen sind verschlungen und in vielen wichtigen Punkten mehrdeutig.
So dürfte sich nur fortsetzen, was längst bizarre Züge angenommen hat: Bei angelernten Helfern auf dem Bau gilt jede Bezahlung unter 12,70 Euro pro Stunde als illegal, Maler und Lackierer dagegen werden offiziell erst bei weniger als 8,05 Euro in Armut getrieben. Im Osten gelten wiederum andere Tarife. Nur für Dachdecker wurde eine bundesweit einheitliche Ausbeutungsgrenze festgesetzt (10,20 Euro). Ganz wirr ist es bei Gebäudereinigern: Wer Fenster putzt, darf keinesfalls für weniger als 10,80 Euro die Stunde zum Lappen greifen, wer den Boden feudelt, hat mit dem Segen der Bundesregierung nur Anspruch auf 8,15 Euro (jeweils West) – und wer nicht für eine Putzfirma arbeitet, darf zu beliebigen Löhnen wischen.
In diesem Wirrwarr spiegeln sich die Uneinigkeit der Koalition und die Macht unterschiedlich starker Interessenverbände. Vernünftige Sozialpolitik sieht anders aus. Zwei Wege gäbe es: Der Staat hält sich konsequent aus der Lohnfindung heraus. Dafür gibt es gute Argumente. Es würden keineswegs alle Löhne ins Bodenlose fallen, und man könnte sehr wohl die Einkommen der wirklich Armen von Staats wegen aufstocken. Oder der Staat definiert eine einzige Lohnuntergrenze, unter die niemand fallen darf. Die müsste aber im Vergleich zu den gängigen Forderungen auf einem sehr niedrigen Niveau eingeführt werden, um Arbeitsplatzverluste zu vermeiden. Wunder darf man von dem Lohnlimit ohnehin nicht erwarten. Auch wo es flächendeckend gilt, wie in den USA oder Großbritannien, ist Armut verbreitet.
Am Ende muss der Staat so oder so für den sozialen Ausgleich sorgen. Doch wofür auch immer eine Regierung sich entscheidet – jede der beiden Richtungen wäre besser als dieser Eiertanz.
- Datum 30.07.2009 - 09:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.07.2008 Nr. 31
- Kommentare 4
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Es wird höchste Zeit, dass sich der Staat hier einmischt!
In den Dienstleistungsbranchen sind die Löhne schon ins Bodenlose gefallen. Es geht immer noch etwas billiger! Und wer zahlt das. Am Ende die gesamte Gesellschaft. Der Niedriglohn-Arbeitnehmer muss zum Monatsende zum Sozialamt aufstocken gehen, von seinen niedrigen Lohn fallen kaum Sozialabgaben an und wenn er in Rente geht muss er Grundsicherung beantragen.
Ein vernünftiger Mindestlohn würde diesen Sozialmissbrauch endlich stoppen.
Es würden Mrd. in die Sozialsysteme fliesen und die Beiträge könnten gesenkt werden und würden (will man den Aussagen der Arbeitgeber glauben) neue Arbeitsplätze schaffen.
Und was Arbeitsplatzverluste durch den Mindestlohn angeht, auch mit einen Mindestlohn müssen Briefe ausgetragen, Brötchen verkauft, Fabriken bewacht und Büros gereinigt werden.
Ihr letzter Absatz bringt es auf den Punkt: Wirkliche Auswirkungen hätte ein Mindestlohn nur auf Binnenmarktbranchen, wo der globale Wettbewerb nicht wirklich als Argument für Lohnzurückhaltung taugt, ergo fällt die Gefahr
Solange wir in Deutschland Tafeln haben, von denen auch Leute versorgt werden müssen, die Vollzeit arbeiten gehen und damit ihre Familie nicht ernähren können, solange ist ein Mindestlohn wohl unabdingbar.
Einführung eines Mindeslohnes und Lockerung des Kündigungsschutzes.
Ergebnis: Menschen würden wieder zu menschenwürdigen Löhnen arbeiten können und Firmen würde es erleichtert, mehr Menschen einzustellen. Solange wir das enge Korsett des Kündigungsschutzes haben, wird es immer lange dauern, bis Firmen trotz Aufschwung nachhaltig Menschen einstellen. Und das Argument der Gegner des Mindestlohnes lautet u.a., dass wir in Deutschland einen starren Kündigungsschutz haben und somit Deutschland mit anderen Ländern, die einen Mindestlohn haben, nicht vergleichbar ist.
Also, einfach Kündigungsschutz deutlich lockern, denn das führt dazu, dass auch wieder eingestellt wird.
Ich war selbst mal Gewerkschaftler und weiß, wozu ein Kündigungsschutz führt. Nämlich sicher nicht zu mehr Jobs, sondern zu weniger Jobs.
auch der Zwang, jeden aber auch wirklich jeden Job annehmen zu müssen, führt zu einer Entwertung der Arbeitnehmer, der sich in den sinkenden Löhnen ausdrückt.Arbeitsplätze, die nicht einmal das ohnehin viel zu niedrig angesetzte Existenzminimum deken, und den Gesetzgeber dazu zwingt, die Arbeit zu Lasten aller zu subventionieren, braucht doch keiner...__________________________________________________________________
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
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