Kunst
Knietief in den Trümmern des Kriegs
Die Entgiftung Afghanistans: Wie die Künstlerin Lida Abdul die Wunden ihrer Heimat heilen will.
In Deutschland wären empörte Tierschützer längst auf den Barrikaden, in Afghanistan sieht man das sehr viel lockerer. War Games heißt das Video, Kriegsspiele, und man sieht darauf kräftige Pferde, die sich bis aufs Blut damit abquälen, eine Ruine mit bloßer Muskelkraft zum Einsturz zu bringen. Der Versuch ist aussichtslos, die Mauer hält stand. Der Betrachter spürt den Schmerz, die Angst und die Anstrengung der Pferde. Er spürt etwas von der Vergeblichkeit, die Überreste des Bürgerkriegs, die Erinnerung an ihn loszuwerden.
Es sind solche Bilder, die die afghanische Künstlerin Lida Abdul berühmt gemacht haben. »Als ich 2005 zur Biennale von Venedig eingeladen wurde, um unser Land zu vertreten, spürte ich diesen Druck, die Lage in Afghanistan auf den Punkt zu bringen«, erzählt die 35-Jährige. »Aber nicht durch mitleidtriefende Betroffenheitskunst und auch nicht, wie sooft im Westen, im dokumentarischen Stil von Fernsehnachrichten.«
Lida Abdul, eine zierliche Frau mit schwarzblauen Haaren, ist gerade von Kanada nach Berlin gereist, und der Jetlag steht ihr noch ins Gesicht geschrieben. Sie lehrt Kunst an der Universität von Toronto, ihre Kunst reist weltweit zu Biennalen und Einzelausstellungen. Sie arbeitet im Grenzbereich von Poesie, Architektur, Film und Kunst, ihre Bilder findet sie eher zufällig auf der Straße. »Es genügt doch, in unserem Land einfach die Augen zu öffnen«, sagt sie. Afghanistan sei übersät von Militärschrott, überall Ruinen, die Hinterlassenschaften des Kriegs. »Wunderbare Materialien für die Kunst.« Und deshalb arbeitet Lida Abdul auch am liebsten mit solchen Fundstücken.
Zum Beispiel die Installation Weißes Haus. Da pinselt sie, vor einem wilden Wolkenhimmel, mit rhythmischem Schwung und stoischem Trotz eine Häuserruine weiß an – wieder und wieder. Drei Tage lang malt sie, als könnte sie die kahlen Mauern dauerhaft übertünchen und vergessen machen, dass ihre Füße auf einem Trümmerhaufen stehen, inmitten geborstener Säulen und knietief herumliegenden Bauschutts. Ein absurdes Unterfangen, als wolle man die Sandkörner der Sahara mit einem Staubsauger einfangen. Fast wie eine Meditation bei einer Zen-Übung.
Doch die Sinnlosigkeit hat Methode. In der Geste rituellen Beharrens liegt auch der Versuch, die vergessene Kultur des Kriegslands Afghanistan zu rehabilitieren. Und natürlich wirft die weiße Palastruine auch Fragen auf über die Rolle jenes anderen »Weißen Hauses«, das Tausende von Kilometern entfernt in Washington steht – Sitz einer Regierung, die dreißig Jahre lang die Konflikte am Hindukusch schürte und die mit den jetzigen Ruinen in Afghanistan eine Menge zu tun hat.
Auch wenn mittlerweile immer mehr afghanische Künstler über die Grenzen ihres Heimatlands hinaus bekannt werden und kürzlich gleich 23 afghanische Künstlerinnen in Berlin ausstellen konnten – Lida Abdul ist bislang die einzige, die international große Erfolge feiert. Letztes Jahr bekam sie den Preis der Biennale von Sharjah, einem der Vereinigten Arabischen Emirate, das sich schon seit Jahren mit Kunst zu profilieren sucht.
Mit sechs Jahren wird sie ins Ausland geschickt, gleich zu Beginn der sowjetischen Invasion. Sie geht in Indien zur Schule und kommt auf Umwegen nach Deutschland. Schließlich landet sie in einem Asylantenheim bei Limburg – keine erheiternde Erfahrung. In den USA studiert sie Kunst, wird Dozentin. Immer wieder kehrt sie in ihre Heimat zurück – zusammen mit ihrem deutschen Kameramann, auf den sie schwört und den sie auf alle ihre Weltreisen mitnimmt. Ihn hatte sie bei ihrer Lehrtätigkeit am ZMK in Karlsruhe kennengelernt.
»Ich wollte immer Künstlerin werden«, sagt Abdul. »Ich habe schon als Kind meine eigene Welt zusammengebastelt und fantasiert, um nicht unmittelbar mit ansehen zu müssen, wie ganz in meiner Nähe Menschen sterben.« Andererseits: Kunst ist auch eine sehr genaue Form des Hinsehens. Afghanistan sei heute, meint sie, ähnlich vergiftet wie die berühmte verstrahlte »Zone« in Tarkowskis Film Stalker: ein Territorium, das politisch, moralisch und wirtschaftlich nach einer nachhaltigen Dekontamination verlangt. Nicht nur wegen der fast drei Jahrzehnte andauernden Kriege und der Bürgerkriege oder der am Drogenhandel bestens verdienenden Warlords. Neben dem Opium blühe jetzt vor allem die Korruption, auch im Umkreis von Präsident Karsai, der den Liebling des Westens spiele. »Fast alle in der Regierung sind korrupt – wenn nicht Karsai selbst, dann doch seine gesamten Mitarbeiter. Das neue Afghanistan? So hatten wir es uns nicht vorgestellt.«
Ihre Aufgabe in der Heimat sieht Lida Abdul als einen Prozess der Reinigung durch Kunst. Ihre Filme, Videos und Installationen legen schonungslos die Leerstellen bloß zwischen den Hoffnungen und Träumereien der Afghanen und ihrer geradezu grotesken Lebenswirklichkeit.
Wie aber soll das Geschehene aufgearbeitet werden, angesichts des neuen Vormarsches der Taliban, die manche schon wieder als neue Herren von Kabul sehen, falls der Westen seinen Krieg gegen den Terror hier verliert? Vielleicht findet man kein schöneres und hoffnungsvolleres Bild als Abduls Film The Tree. Es zeigt Männer, die in einem staubigen afghanischen Dorf palavernd auf dem Boden hocken und darüber beraten, wie sie mit dem Baum verfahren sollen, unter dem sie gerade sitzen – der Baum wurde von den Taliban als Galgen für ihre Gegner missbraucht. Am Ende graben die Männer den Stamm samt seiner Wurzeln aus und tragen ihn in einer stillen Prozession auf den Schultern aus der Stadt heraus, geduldig und langsam wie bei einem Ritual oder einer Performance. Dann verschwindet der Baum irgendwo in den Bergen.
Lida Abdul will nichts glätten, die Vergangenheit keineswegs entsorgen. »Schon als Sechsjährige haben mich meine Eltern zu den Riesenbuddhas von Bamian mitgenommen. Jedes Jahr sind wir dorthin gereist, die Buddhas waren mein absolutes Lieblingskunstwerk.« Die Zerstörung der Monumentalstatuen durch Taliban-Bomben – ein nationaler Albtraum. Und ein internationales Skandalon, das afghanische Kunst auf die globale Landkarte brachte. Lida Abdul wollte all das unbedingt in einem Kunstwerk verarbeiten, das ebenfalls 2005 auf der Biennale von Venedig präsentiert wurde: Awakening the Buddha. Das tranceartige Video handelt von Mönchen, die, bewegungslos meditierend, im Kreis sitzen und dabei rhythmisch klackende Steine aufeinander klopfen – die rituellen Geräusche gelten als Teil einer buddhistischen Erweckungszeremonie. »In diesem Fall sollten die Töne die Buddhas wieder erwecken. Das ist meine Hommage an die Buddhas von Bamian.«
Nur in Afghanistan fühle sie sich zu Hause, sagt Abdul. »Afghanistan ist das Herz Zentralasiens. Es verbindet den Nahen Osten mit Indien und Pakistan, Iran mit China.« Der Westen habe bei der afghanischen Staatsgründung nicht begriffen, wie wichtig dieser Raum sei. »Jetzt ist er gerade dabei, es schmerzlich zu lernen.«
In Abduls Video Backsteinverkäufer von Kabul verharren Kinder vor den Toren der Hauptstadt inmitten einer nebligen Mondlandschaft, artig aufgestellt in Reih und Glied. Sie halten Backsteine, die aus den Ruinen zerstörter Häuser stammen, in den Händen und reichen sie nach und nach einem Erwachsenen mit schwarzer Kapuze, der daraus ein rätselhaftes Mauerwerk konstruiert. Dessen Sinn bleibt so nebulös wie die schlafwandlerisch handelnden Personen auf den Gemälden von Neo Rauch.
Die Backsteinverkäufer von Kabul, die Parade der Kinder, ist keine Dokumentation. Lida Abdul hat sie für ihren Film inszeniert. »Aufgeben wäre zu einfach«, sagt sie. »Wenn schon die Afghanen, die unter Schutt leben, lachen und über ihre Arbeit Witze machen – wer hätte dann das Recht, sich von den Problemen unterkriegen zu lassen?«
- Datum 30.7.2008 - 15:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.07.2008 Nr. 31
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ein wunderschöner Artikel - zuletzt, auf dem Flug von Kabul nach Dubai war da auch eine bildhübsche zierliche Frau, die zwei riesige schwarze Koffer mit der Aufschrift Toronto - in großen weißen Lettern gepinselt dabei hatte - mein Partner hat kurz mit ihr gesprochen. Vielleicht war sie das.Wir müssen hier wirklich noch viel über das Land lernen, in dem angeblich unsere Freiheit verteidigt wird. Das Problem ist - die Wenigsten sind bereit, sich auf diese komplexe Rolle dieses Landes - und - gerade auch Deutschlands gegenüber diesem wunderschönen Land einzulassen. Wie immer beherrschen vorgefasste klischéehafte Meinungen das Bild. Genaueres Hinsehen - wie Lisa Abdul hier richtig einfordert - ist verpönt. Es könnte ja die vorgefassten Meinungen erschüttern.Mein Bericht über diese meine Reise darin ist soweit fertig.Ob ich ihn hier publizieren werde - ich weiß es noch nicht.
Bitte veröffentlichen sie diesen Bericht. Viele Menschen haben nicht das Geld oder die Möglichkeit dieses Land selber kennen zu lernen und wollen doch mehr über seine Kultur und seine Menschen erfahren.Als ich vor einigen Jahren den wirklich wunderbaren "Drachenläufer" las, habe ich zum erstern Mal erkannt, dass es in Kabul mehr als nur ein fanatisches Morderregime gab und welche faszinierenden Aspekte dieses Land sonst noch bietet.
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