PolitikwissenschaftDas Wesen der Herrschaft

Vor 500 Jahren erfand der italienische Philosoph Niccolò Machiavelli die Politikwissenschaft, indem er die Mechanismen der Macht entschlüsselte. Seine Analyse erklärt noch heute, warum Staaten im Chaos versinken und wie Demokratien sich am Leben halten von 

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Klicken Sie auf das Bild und sehen Sie alle Illustrationen!  |  © Alexandra Kardinar und Volker Schlecht

In der Kirche Santa Croce zu Florenz steht ein Ehrenmal für Niccolò Machiavelli. Die Inschrift lautet: »Tanto nomini nullum par elogium«, etwa »Keine Lobpreisung wird diesem großen Namen gerecht«. Doch 14 Jahre vor seinem Tod (1527) lag Machiavelli noch auf der Folterbank: Gegen die Medici hätte er sich verschworen, die der Republik Florenz im Schutze spanischer Waffen gerade den Garaus gemacht hatten. Er hatte Glück und wurde nur ins halbe Exil verbannt: Der frühere Staatsdiener durfte das Zentrum der Macht, den Palazzo Vecchio, nicht mehr betreten, aber auch nicht den Bannkreis von Florenz verlassen. So zog er sich auf seinen bescheidenen Landsitz in Sant’Andrea in Percussina zurück.

Hier, in den Chianti-Weinbergen, ein paar Kilometer von Florenz entfernt, ist heute alles irgendwie Machiavelli. Das Restaurant, das Albergo, das Bed and Breakfast tragen seinen Namen. Wer ein paar freundliche Worte mit Guido Falcone, dem Restaurantchef, wechselt, bekommt eine Führung durch die sorgfältig restaurierte Villa des Meisters. Sechs Meter im Quadrat misst das Arbeitszimmer; an diesem Schreibtisch gegenüber einem überdimensionierten Kamin verfasste Machiavelli sein berühmtestes Werk, Il Principe (Der Fürst). Aus dem Fenster konnte er sein geliebtes Florenz sehen, die Stadt, die ihm unter den Medici Amt und Ruhm genommen hatte.

Warum Machiavelli, warum der »große Name«, für den jede Eloge zu klein sei? Weil er mit Fug und Recht als Erfinder der Politikwissenschaft gelten kann. Wieso das? War nicht Aristoteles der Erste, der über Regierungsformen – über Despotie, Oligarchie, Republik – nachdachte, wie sie entstehen und vergehen? Oder 200 Jahre nach Machiavelli jener Charles de Secondat, besser bekannt als Montesquieu, der über den Einfluss von Klima und Geografie auf die Entwicklung politischer Systeme räsonierte? Oder gar Platon mit seinem Hauptwerk Der Staat?

Diese Großen und Größten gehören in das Reich der politischen Philosophie, die sich mit dem Guten, Wahren und Erhabenen in der Politik, also mit Werten beschäftigt. Die Politikwissenschaft hat ein anderes Anliegen. Sie will wissen, was ist und warum – nicht, was sein soll. Sie sammelt Fakten, um sie kausal zu verknüpfen – wenn A, dann B –, nicht um sie zu verdammen oder zu preisen. Platon und Nachfahren dozierten über den guten Staat, Politologen wollen wissen, wie Herrschaft funktioniert.

Natürlich hat sich auch Machiavelli mit Sinn und Zweck der Politik beschäftigt. Sonst hätte er nicht seinem Fürsten, Giuliano II. de’ Medici ein ganzes Buch lang gute Ratschläge erteilt – und schon gar nicht die Discorsi, das reifere und ruhigere Werk, geschrieben, die Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius, die ein Hohelied auf die Republik, den Vorläufer der Demokratie, singen. Aber wie schrieb er doch 1513 im Exil in einem oft zitierten Brief an Francesco Vettori? »Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, was Herrschaft sei, von welcher Art und wie man sie erwirbt, wie man sie behält und wie man sie nie verliert.«

Mithin: Die Macht – nicht die Moral, nicht der Glaube, nicht das Telos (»Bestimmung«) – stand im Mittelpunkt. Er wollte Technik und Wesen der Herrschaft ergründen; das war das ungeheuerlich Originelle an Machiavelli. Und der Anfang der Politikwissenschaft. Jede Wissenschaft braucht ein Fundament, ein zentrales Konzept, das Beobachtung und Vermessung zulässt. Die Chemie hat ihre Elemente und Valenzen. Die Physik kreist um Masse und Energie, um Raum und Zeit – Variablen, die sich zumindest prinzipiell in Zahlen fassen lassen. Die Ökonomie versucht, das wirtschaftliche Verhalten von Millionen auf einen gemeinsamen Nenner, den des Geldes als Zähleinheit, hinunterzubrechen und so hochgetürmte ökonometrische Modelle zu bauen. Die »Zähleinheit« der Politikwissenschaft ist die Macht. So will sie die Schlüsselfrage aller Politik beantworten, die der amerikanische Politologe Harold Laswell ganz knapp in den berühmten Satz gekleidet hat: Wer kriegt was, wann und wie?

Macht statt Moral – diese Vorstellung von Politik hat Machiavelli nicht gerade populär gemacht, und schon gar nicht in Deutschland, wo spätestens seit Kant und Hegel eine idealistische Auffassung von Politik vorherrscht. Die Ironie will es, dass ausgerechnet Friedrich der Große (da war er noch ein kleiner Kronprinz) eine wüste Polemik gegen Machiavelli verfasste, den Anti-Machiavel , der anonym von Voltaire herausgegeben wurde.

»Die Größe eines Landes«, tobte der junge Friedrich 1740, »bringet (dem Fürsten) nicht Ehre; einige Meilen mehr Erdreich machen ihn nicht berühmt.« Das war der Fritz, der einige Monate später, gleich nach seiner Krönung, Maria Theresia von Österreich ihr Schlesien raubte. Und warum? »Le désir de faire parler de moi«, antwortet er in der Histoire de mon temps – kurz: die Ruhmsucht. Dann im Anti-Machiavel: »Wenn Machiavel bestellet wäre, in einer Schule von Bösewichtern die Laster oder auf einer Universität von Verräthern die Treulosigkeit zu lehren, so wäre es kein Wunder, dass er dergleichen Materien abhandelte; allein er redet zu allen Menschen () Was ist schändlicher und unverschämter, als ihnen in der Treulosigkeit Unterricht zu geben?«

Der Große Fritz hat die Verbündeten so oft wie die gepuderten Perücken gewechselt, sie verraten und wieder umarmt – zum Beispiel just die Todfeindin Maria Theresia, mit der er sich in einer Kriegspause Polen teilte. Friedrich verhielt sich so, wie Machiavelli schrieb; dieser hat jedoch eine viel schlechtere Presse als der Preuße, der bis zu seinem Tod ohne Unterlass in die Schlacht zog, um zu kriegen, was er wollte, oder zu behalten, was er erobert hatte. Ein Heuchler war Machiavelli allenfalls, wo er sich bei den Medici wieder einzuschmeicheln versuchte. (Der Fürst, eine Art Bewerbungsschreiben, war Giuliano gewidmet.)

Friedrich II. ist als »der Große« in die Geschichte eingegangen. Doch der Eremit von Sant’Andrea, von wo er Florenz sehen, aber nicht betreten durfte, wurde in der elisabethanischen Literatur als »murderous Machiavel« verflucht, von den Jesuiten als »Genosse des Teufels«. Der Philosoph Bertrand Russell geißelte die Herrschaftsanleitung als »Handbuch für Gangster«. Hier ersetzt Agitprop die Analyse. Machiavelli war kein Abgesandter der Hölle. Er versuchte, »praktische Wahrheiten« zu ergründen, nicht irgendwelchen »Fantasien« nachzujagen, wie er sein Projekt umschrieb; er wollte eine realistische Wissenschaft von der Politik.

Zu diesen »Fantasien« gehörten Metaphysik, christliche Theologie und Idealismus – die Säulen der mittelalterlichen Philosophie. Machiavelli aber beschäftigte der Mensch, wie er war, nicht wie er sein sollte. Vorweg beginnt der gnadenlose Realist mit einem Menschenbild, das ihm gern als Zynismus angekreidet wird: »Das menschliche Verlangen ist unstillbar«; der Mensch ist demnach »fortwährend unzufrieden«.

Daraus folgt die Gier nach Besitz, Ruhm und Macht – aber auch die Amoral. »Im Allgemeinen«, doziert er, »sind die Menschen undankbar, treulos und falsch; sie scheuen die Gefahr und streben nach Gewinn.« Die Liebe? »Diese Fessel der Verpflichtung werden diese elenden Kreaturen zerschneiden, wenn es ihnen passt.«

Wie können diese Kreaturen in einem Gemeinwesen miteinander auskommen, ohne einander das Leben zur Hölle zu machen? »Die Angst hält sie zurück – das nimmer schwindende Grauen vor der Bestrafung.« Diesen Rat hätten alle Totalitären sofort verstanden. Die Angst war das Herrschaftsinstrument von Stalin und Hitler sowie ihrer kleineren Brüder, der Francos und Mussolinis. Die Angst, das ist heute Kuba, Birma und Nordkorea. Oder sie kommt in Gestalt des Muchabarat-Staates daher, des Polizeistaates, auf den sich alle arabischen Herrscher stützen – in milderer Form in Jordanien, in härterer Ausführung in Syrien.

Bei Machiavelli ist die Angst aber nur Teil der Macht – weshalb man ihn nicht als Vorläufer der Totalitären sehen darf. Die Macht, nicht die Angst, ist zwar das Fundament aller Herrschaft, aber sie ist ein komplexes »Gut«. Hat der Fürst sie errungen, was muss er tun? Vorweg präsentiert Machiavelli eine äußerst moderne Erkenntnis, die gut zur Agenda 2010 passt: »Kein Unternehmen ist schwerer und misslicher als der Versuch, eine neue Ordnung zu schaffen. Der Reformer hat alle zum Feind, die von der alten profitierten, und nur lauwarme Verteidiger unter denen, die Gewinn aus ihr ziehen könnten.« Denn die Leute »glauben nur an das Neue, wenn sie es auch erfahren haben«.

Was tun, um die Macht zu erhalten? Hier ist der Satz, dessen ersten Teil die Leitartikler gern zitieren, wenn sie einem neuen Regierungschef gute Ratschläge verpassen wollen: »Der Eroberer muss alle Grausamkeiten auf einmal begehen, damit er es nicht nötig hat, jeden Tag von vorn anzufangen; so kann er die Leute beruhigen und sie mit Wohltaten für sich gewinnen.«

Diese seien jedoch »nach und nach zu erweisen, damit sie besser schmecken mögen«. Das sagt die moderne Verhaltenstherapie auch: Um den Patienten bei der Stange zu halten, müssen die Belohnungen ständig weiter träufeln.

Den Populismus hat Machiavelli auch erfunden. Ein Fürst soll eben nicht nur durch Angst regieren, sondern »sich vor allem um die Gunst des Volkes bemühen«. Ist das nicht das Rezept aller modernen Politik? Jeder demokratische Regierungschef verteilt Wahlgeschenke vorher und nachher; selbst Autoritäre wie Hugo Chávez oder der saudische König Abdallah verteilen Milliarden. Denn: Die »Freundschaft des Volkes« sei kritisch; »andernfalls hat er nichts, worauf er sich in schlimmen Zeiten stützen kann«. Wenn die Massen des Fürsten Herrschaft schätzten, »werden sie ihm ewig treu sein«. Er soll auch seine Kriege ausfechten, ohne seinen Untertanen »zuviel aufzubürden«. Auf Modern: Kriege möglichst so führen, wie heute im Irak, dass das Volk nichts davon merkt – keine Steuererhöhung, keine Wehrpflicht. Ganz allgemein möge der Fürst doch Haushaltsdisziplin üben, dafür Prunk und Verschwendung vermeiden.

Ist Angst besser als Zuneigung? Beides ist gut, aber wenn er schon die Liebe des Volkes nicht erringen kann, »soll der Fürst sich so fürchten lassen, dass er Hass vermeidet«. Und wenn er einem das Leben nimmt? Das möge er mit gutem und einsichtigem Grund tun. Nie aber sollte er den »Besitz anderer ergreifen« – nicht aus moralischen, sondern aus höchst praktischen Gründen. »Denn die Menschen vergessen eher den Tod ihres Vaters als den Verlust ihres Erbes.«

Eine klare Hierarchie der Werte: Das Schwert ist manchmal gerechtfertigt, der Raub nie. All diese Herrschaftsweisheiten zieht Machiavelli aus der Empirie – mit zahllosen Beispielen aus der Geschichte, die von Alexander und Darius über die Römer in die Renaissance reichen. Nach heutigen Maßstäben ist die Methode krude; Machiavelli kannte weder Korrelation noch Regression; er sucht sich die Fakten aus, die passen, lässt aber Konträres beiseite. Und doch verkörpert dieser Denker den Beginn empirischer Politikwissenschaft, weil er nicht auf einem ungeprüften Prämissen-Fundament aus lauter Ableitungen eine hochstrebende Gedankenkathedrale baut, sondern einen faktischen Stein auf den anderen setzt.

Die Macht ist der Mörtel, der alles zusammenhält – das Theoriengerüst der Politikwissenschaft wie den real existierenden Staat. Was ist denn Macht? Die beste Antwort: Die Kraft, die einen anderen dazu bringt, etwas zu tun oder zu lassen, was er sonst verweigern würde. Diese Stärke kommt aus vielen Quellen: Autorität und Ansehen, Belohnung und Bestechung, Angst und Erpressung, Zwang und Gewalt. Doch in der letzten Konsequenz kommt Macht von Gewaltfähigkeit.

War Machiavelli also ein Theoretiker der Blutrunst, ein präexistenter Heinrich Himmler? Nichts könnte absurder sein. Vielmehr wollte er, wie einer der klügsten Machiavelli-Kenner, Sheldon Wolin von der Princeton University, schreibt, eine »Ökonomie der Gewalt« begründen, eine »Wissenschaft von der kontrollierten Anwendung der Macht«. Der moderne Staat ist in diesem Sinne »machiavellistisch«. Daheim, etwa bei gewalttätigen Demos, setzt er die Polizei am liebsten zur Einschüchterung oder zum Abdrängen ein; tödliche Gewalt findet so gut wie nicht mehr statt. Im Äußeren ficht zumindest der demokratische Staat keine totalen Kriege mehr aus; die Gewalt bleibt begrenzt wie in Afghanistan oder im Irak.

In den Discorsi schreibt Machiavelli: »Zu tadeln sei der Mann, der Gewalt nutzt, um die Dinge zu verderben, nicht jener, der sie zu heilen sucht.« Und: »Je größer seine Grausamkeit, desto schwächer wird seine Herrschaft.« Das ist die eisige Sprache des Realismus, die aber dennoch im Sinne Max Webers eine Ethik der Verantwortung hergibt: Bedenke die Konsequenzen deines Handelns.

Die neue Wissenschaft sollte analog zur Medizin die präzise Gewaltdosis verschreiben, die den politischen Organismus heilt. Manchmal, wenn das Chaos sonst nicht mehr aufzuhalten wäre, müsse eine Schockbehandlung her – kurz, aber heftig. In leichteren Fällen könnte allein schon die Drohung helfen. Auf keinen Fall dürfe der Fürst maßlos und immer wieder zur Gewalt greifen; das brächte ihm den noch schrecklicheren Aufstand der Verzweifelten ein. Aber der Arzt dürfe auch nicht halbherzig sein, schrieb Isaiah Berlin, der Oxford-Philosoph, in dem Aufsatz The Question of Machiavelli. Deshalb müsse er »bereit sein, auszubrennen und zu amputieren, wenn die Krankheit es erfordert. Gewissensbisse sind Zeichen der Verwirrung und Schwäche; sie produzieren die schlechteste aller Welten.«

Ist der Machiavellismus tatsächlich die Unmoral im Quadrat? Dann würde es auch die Chirurgie sein, wo der Operateur die verkrebste Lunge wegschneidet, um den Menschen zu retten. Machiavelli selbst beantwortet die Frage in den Discorsi so: »Der Fürst möge das moralisch Gebotene nicht verschmähen, wenn er es einhalten kann, aber er sollte wissen, wie er mit dem Übel umgehen muss, wenn er dazu gezwungen wird.« Das ist fein austariert, aber nicht die »Boshaftigkeit«, die ihm der junge Friedrich auf jeder Seite des Anti-Machiavel so lustvoll unterstellt.

Machiavelli war der Erste, der so rigoros Privatmoral von Staatsräson trennte: »Staat und Volk folgen anderen Prinzipien als Individuen.« Der Mensch kann gut und edel sein, wenn die schützende Ordnung gewahrt bleibt. Der Staat aber muss für seine Sicherheit selbst sorgen – erst recht in Italien um 1500 herum. Das war Machiavellis Epoche – die Blüte der Renaissance, der Horror im Politischen –, als Italien der Spielball der Großmächte, zumal Frankreichs und Habsburgs, war, als fremde Armeen Florenz und das Land verheerten, als die Stadtstaaten mit den Invasoren paktierten und sich gegenseitig bekriegten. Das war keine Zeit für platonische Dialoge oder scholastische Diskurse.

Folglich schreibt Machiavelli in den Discorsi mit unnachahmlicher Kälte: »Wenn das Überleben des Landes auf dem Spiel steht, dürfen Überlegungen über Recht und Unrecht, Menschlichkeit und Grausamkeit, Ruhm oder Ehrlosigkeit nicht den Sieg davontragen. Die einzige Frage muss sein: Was rettet Leben und Freiheit des Landes?« Dann heiligt der Zweck alle Mittel. Zerbricht der Staat wie weiland in Italien – siehe Angola, Kongo oder Ruanda –, kennt die Grausamkeit keine Grenzen mehr.

Allein die nackte Existenzfrage zu stellen erzeugt heute, da Europa den längsten Frieden aller Zeiten genießt, unsäglichen Widerwillen. Zu Machiavellis Zeiten hätten sie die allermeisten Italiener in seinem Sinne beantwortet: Ohne Sicherheit in Freiheit ist alles nichts. Weder Sklaven noch Tote können moralisch handeln, weil Sittlichkeit den freien Willen und erst recht die Existenz voraussetzt. Ergo muss Macht sein, die beides bewahrt. Und deshalb Machiavellis Brief an Francesco Vettori im Dezember 1513, aus dem Exil zu Sant’Andrea, das heute inmitten manikürter Weinberge auf der Sonnenseite der Geschichte steht: Er wollte ergründen, »was Herrschaft sei, wie man sie erwirbt, behält und verliert«.

Doch selbst dieser scheinbar kaltschnäuzige Techniker der Macht konnte seinem Metier nicht bis zum Schluss treu bleiben. Im letzten Kapitel des Fürsten- Traktats verstummt der leidenschaftslose Arzt des Staates; es tritt auf der passionierte Patriot, der an Giuliano appelliert, »der Plünderung der Lombardei sowie der Raubgier ein Ende zu machen, die im Königreich Neapel und in der Toskana wütet«. Jetzt sei der Moment, »da Italien endlich seinen Befreier finden kann«. Auf der allerletzten Seite zitiert der Moralist Machiavelli ein Gedicht von Petrarca, das in der Übersetzung von 1745, dem Erscheinungsjahr des Anti-Machiavel, so klingt:

Gerechtigkeit ruft itzt die tolle Welt zum Streit;
Doch zeigt der kurze Kampf, die alte Tapferkeit Sey in der Welschen Brust noch itzo nicht erstorben,
Die sonst Italien so großen Ruhm erworben.

Der kühle Politikwissenschaftler als flammender Patriot? Diese Vermengung zeigt, dass weder die Politologie noch irgendeine andere Sozialdisziplin bloß Wissenschaft ist. Ideologie und Vorurteil werden sich immer einschleichen, weil der Forscher seine eigenen Leidenschaften mitbringt. Das ist zwar unwissenschaftlich, aber unvermeidbar. Denn der Politologe, Psychologe oder Soziologe beschäftigt sich mit Mensch und Gesellschaft, nicht mit Molekülen und DNA-Ketten. Bei denen spielen Gut und Böse, Gerecht und Gemein keine Rolle.

Literatur zum Thema:
Niccolò Machiavelli: Der Fürst
Insel Verlag 2008; 165 S., 7,50 €

Niccolò Machiavelli: Discorsi
Gedanken über Politik und Staatsführung. Kröner Verlag 2007; 595 S., 14,90 €

Thomas Hobbes: Leviathan
Erster und zweiter Teil; Reclam Verlag 1986; 327 S., 8 €

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Leserkommentare
  1. In China hatte ich ein Schlüsselerlebnis, um das Wesen der Macht zu verstehen. Macht von der feineren Sorte, die nicht mit Drohungen und Gewalt verbunden ist. Ich war mit ein paar Studenten bei einem Ausflug in einem Park, und wir unterhielten uns alle zusammen mit zwei jungen Frauen, die wir zufällig getroffen hatten. Die fragten meine Studenten, was sie denn so machten. Sie erzählten, dass sie studierten. "Wo denn", wollten die jungen Frauen wissen. "Ja, ratet doch mal", war die angeberische Antwort. "Wir sind nämlich an der XX-Universität!" (eine der top ten in China) "Ach", meinte die junge Frau, "und wenn ihr dann mal fertig studiert habt,  wie müssen wir euch dann anreden? Mit 'Onkelchen' vielleicht?"Eine Uni verleiht ihren Absolventen Status, Macht, Geld, Chancen auf dem Heiratsmarkt. Dafür kann sie verlangen, dass die Studenten sich jahrelang krummlegen. Ein Machtverhältnis, das nicht auf Bajonetten beruht, sondern auf Belohnungen und vor allem auf einem gemeinsam akzeptierten Sinn der Mühe. Man identifiziert sich mit der Uni, die einem die Jugend bitter machte. Es liegt auf der Hand, dass diejenigen, die von dem System nicht profitieren, Wege suchen, es als klein und unbedeutend darzustellen.

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    • Rahab
    • 25. Juli 2008 22:29 Uhr

    Joffe übersetzt das zitat "Ich habe mich mit der frage auseinandergesetzt, was herrschaft sei..."  in ein "Mithin: die macht -nicht die moral, nicht der glaube, nicht das telos - stand im mittelpunkt". geht das so einfach? läßt sich Macchiavelli auf einen ratzugeber zu techniken für den machterhalt reduzieren? oder: warum wird er so gelesen und von wem?

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    • Anonym
    • 25. Juli 2008 23:54 Uhr

    Machiavelli hat mit den meisten Thesen seiner Schrift "Principe" (dt.: Der Fürst) unbestritten Recht, sie treffen den Kern des Begehrens der Mächtigen und Macht ausübenden und jener, die sie noch ausüben wollen.  Der natürliche Mensch wird immer, wenn es um die Machtfrage geht, zu jenem Prinzip, welches Machiavelli sehr lehrreich darlegt und interpretiert, zurückkehren. Gegen dieses Prinzip richtet sich allein der Glaube an den Grund aller Dinge, vom dem die (Heiligen) Schriften bezeugen, dass dieser (Logos) in der Liebe und nicht in der Macht gegründet sei. Dem muss der natürliche Mensch, der Macht will, widersprechen, der Sohn der Erde gegen den Sohn des Himmels. Die Macht des Logos aber zeigt sich eben in der Überwindung der Ungerechtigkeit ohne Anwendung von Gewalt, wozu der natürliche Macht-Mensch nicht fähig ist. Hier eine deutsche Übersetzung aus dem Italienischen zum Gedanken der Formen der Machtausübung (etwa des natürlichen Menschen):»Ihr müßt nämlich wissen, daß es zweierlei Kampfweisen gibt: die eine mit der Waffe derGesetze, die andere mit bloßer Gewalt; die erste ist dem Menschen eigen, die zweite denTieren; da aber die erste oftmals nicht ausreicht, ist es nötig, auf die zweite zurückzugreifen. Daher muß ein Fürst es verstehen, von der Natur des Tieres und von der des Menschen denrechten Gebrauch zu machen.«

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    • Rahab
    • 26. Juli 2008 0:01 Uhr

    gibt es auch 'unnatürliche' menschen? falls ja, wo kommen die her und wie genau sind die beschaffen?

    • Rahab
    • 26. Juli 2008 0:01 Uhr

    gibt es auch 'unnatürliche' menschen? falls ja, wo kommen die her und wie genau sind die beschaffen?

    • Anonym
    • 26. Juli 2008 0:16 Uhr

    vielen dank für die verständnisfrage.wie sie wissen unterscheidet die theologie den geistlich orientierten menschen von dem sogenannten "natürlichen"  menschen. diese begriffe finden sie logischerweise also weder in der zoologie bzw. biologie oder verhaltensforschung. sie sind aber in der begriffswelt des apostels paulus vorhanden. er unterscheidet den menschen dieses äons, dessen denken, fühlen und wollen allein auf das diesseitige beschränkt bleibt von dem geistlichen menschen, der im glauben an den logos auf das himmlische ausgerichtet ist. der natürliche mensch ist ein terminus technikus aus der theologie des paulus.

    • Rahab
    • 26. Juli 2008 0:24 Uhr

    des paulus hatte macchiavelli im sinn? hm. komisch. hatte paulus überhaupt eine? oder haben ihm da vielleicht die falschen eine unpassend-passende zugeschrieben? - ach ne, die hatte macchiavelli ja gerade nicht im sinn. oder doch? sozusagen im höheren sinn?

    • Anonym
    • 26. Juli 2008 1:01 Uhr

    Ich bin der Auffassung, dass der Apostel Paulus die Lösung des Problems der Machtfrage des Menschen in Christus sieht.Machiavelli reflektiert die NT-Ethik in seiner Schrift erst gar nicht, sondern sieht die Fragestellung allein vom Pragmatischen der Erfahrungen her und leitet daraus die Quintessenz des Erfolges ab. Insofern würde ich die paulinische Auffassung als eine geistliche und die Machiavellis als eine ungeistliche ansehen. Jeder soll selber sehen, welcher  ihm als der bessere Weg deucht.

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    • Rahab
    • 26. Juli 2008 1:10 Uhr

    guuut!

    • Rahab
    • 26. Juli 2008 1:10 Uhr
    8. ah

    guuut!

    Antwort auf "ganz anders"

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  • Serie Bildungskanon
  • Schlagworte Politikwissenschaft | Italien | Platon | Thomas Hobbes | Angola | Florenz
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