In der Kirche Santa Croce zu Florenz steht ein Ehrenmal für Niccolò Machiavelli. Die Inschrift lautet: »Tanto nomini nullum par elogium«, etwa »Keine Lobpreisung wird diesem großen Namen gerecht«. Doch 14 Jahre vor seinem Tod (1527) lag Machiavelli noch auf der Folterbank: Gegen die Medici hätte er sich verschworen, die der Republik Florenz im Schutze spanischer Waffen gerade den Garaus gemacht hatten. Er hatte Glück und wurde nur ins halbe Exil verbannt: Der frühere Staatsdiener durfte das Zentrum der Macht, den Palazzo Vecchio, nicht mehr betreten, aber auch nicht den Bannkreis von Florenz verlassen. So zog er sich auf seinen bescheidenen Landsitz in Sant’Andrea in Percussina zurück.

Hier, in den Chianti-Weinbergen, ein paar Kilometer von Florenz entfernt, ist heute alles irgendwie Machiavelli. Das Restaurant, das Albergo, das Bed and Breakfast tragen seinen Namen. Wer ein paar freundliche Worte mit Guido Falcone, dem Restaurantchef, wechselt, bekommt eine Führung durch die sorgfältig restaurierte Villa des Meisters. Sechs Meter im Quadrat misst das Arbeitszimmer; an diesem Schreibtisch gegenüber einem überdimensionierten Kamin verfasste Machiavelli sein berühmtestes Werk, Il Principe (Der Fürst). Aus dem Fenster konnte er sein geliebtes Florenz sehen, die Stadt, die ihm unter den Medici Amt und Ruhm genommen hatte.

Warum Machiavelli, warum der »große Name«, für den jede Eloge zu klein sei? Weil er mit Fug und Recht als Erfinder der Politikwissenschaft gelten kann. Wieso das? War nicht Aristoteles der Erste, der über Regierungsformen – über Despotie, Oligarchie, Republik – nachdachte, wie sie entstehen und vergehen? Oder 200 Jahre nach Machiavelli jener Charles de Secondat, besser bekannt als Montesquieu, der über den Einfluss von Klima und Geografie auf die Entwicklung politischer Systeme räsonierte? Oder gar Platon mit seinem Hauptwerk Der Staat?

Diese Großen und Größten gehören in das Reich der politischen Philosophie, die sich mit dem Guten, Wahren und Erhabenen in der Politik, also mit Werten beschäftigt. Die Politikwissenschaft hat ein anderes Anliegen. Sie will wissen, was ist und warum – nicht, was sein soll. Sie sammelt Fakten, um sie kausal zu verknüpfen – wenn A, dann B –, nicht um sie zu verdammen oder zu preisen. Platon und Nachfahren dozierten über den guten Staat, Politologen wollen wissen, wie Herrschaft funktioniert.

Natürlich hat sich auch Machiavelli mit Sinn und Zweck der Politik beschäftigt. Sonst hätte er nicht seinem Fürsten, Giuliano II. de’ Medici ein ganzes Buch lang gute Ratschläge erteilt – und schon gar nicht die Discorsi, das reifere und ruhigere Werk, geschrieben, die Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius, die ein Hohelied auf die Republik, den Vorläufer der Demokratie, singen. Aber wie schrieb er doch 1513 im Exil in einem oft zitierten Brief an Francesco Vettori? »Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, was Herrschaft sei, von welcher Art und wie man sie erwirbt, wie man sie behält und wie man sie nie verliert.«

Mithin: Die Macht – nicht die Moral, nicht der Glaube, nicht das Telos (»Bestimmung«) – stand im Mittelpunkt. Er wollte Technik und Wesen der Herrschaft ergründen; das war das ungeheuerlich Originelle an Machiavelli. Und der Anfang der Politikwissenschaft. Jede Wissenschaft braucht ein Fundament, ein zentrales Konzept, das Beobachtung und Vermessung zulässt. Die Chemie hat ihre Elemente und Valenzen. Die Physik kreist um Masse und Energie, um Raum und Zeit – Variablen, die sich zumindest prinzipiell in Zahlen fassen lassen. Die Ökonomie versucht, das wirtschaftliche Verhalten von Millionen auf einen gemeinsamen Nenner, den des Geldes als Zähleinheit, hinunterzubrechen und so hochgetürmte ökonometrische Modelle zu bauen. Die »Zähleinheit« der Politikwissenschaft ist die Macht. So will sie die Schlüsselfrage aller Politik beantworten, die der amerikanische Politologe Harold Laswell ganz knapp in den berühmten Satz gekleidet hat: Wer kriegt was, wann und wie?

Macht statt Moral – diese Vorstellung von Politik hat Machiavelli nicht gerade populär gemacht, und schon gar nicht in Deutschland, wo spätestens seit Kant und Hegel eine idealistische Auffassung von Politik vorherrscht. Die Ironie will es, dass ausgerechnet Friedrich der Große (da war er noch ein kleiner Kronprinz) eine wüste Polemik gegen Machiavelli verfasste, den Anti-Machiavel , der anonym von Voltaire herausgegeben wurde.