Biographie Wie ein unruhiges Schiff

Zwei neue Bücher versuchen sich der faszinierenden Franziska zu Reventlow anzunähern

Herumtoben im Leben! Purzelbäume schlagen! Dazu sei sie geschaffen, sagte Franziska zu Reventlow einmal über sich selbst. Nur nicht dies »trostlose Nein dem Leben gegenüber«, wie es die Konvention ihrer Zeit für ein pflichtbewusstes Frauenleben vorsah. Sich nichts entgehen lassen, was Freude macht, so intensiv wie möglich leben, das sei die beste Vorsorge fürs Alter. Alt ist sie nicht geworden – 47 –, aber im Experiment eines körperlich und geistig selbstbestimmten Frauenlebens um 1900 ist sie so weit gegangen wie wenige.

Begabt zum Rausch, zugleich in einer Weise nüchtern, dass sie die eigene Entfesselung wie auch jene im wilden Schwabing um sie herum mit Ironie und Distanz sehen, satirisch beschreiben und auch bewerten konnte. Dass man sie mehr als genussfähige Bohémienne und weniger als tapfer am Rande des Existenzminimums kämpfende Frau sieht, hat sie mitverschuldet. Noch wo sie klagt, markieren Witz und scharfsinniger Spott eine Distanz. »Man muss sogar sich selbst gegenüber diskret sein«, schreibt Reventlow. Etwas hält sie immer raus – aus den härtesten Lebensphasen, aus den größten Lieben. Das Schreiben als Ort, an dem man das Gelebte fassbar zu machen versucht und es diszipliniert. Ihrem Schreiben und gar einem eigenen professionellen Image steht sie dabei mit stupendem Gleichmut gegenüber. Schriftstellerin, sie? Ein Arbeitsloser, der im Winter Schnee schaufle, wolle ja auch nicht sein ganzes Leben »als Schneeschaufler angeödet« werden.

Umso mehr ist über sie geschrieben worden seit hundert Jahren, wie ein kürzlich erschienener Materialienband bestätigt. Siebzehn Bücher über die Reventlow allein in den letzten dreißig Jahren; die jüngste Biografie gerade erschienen; 2004 die Werkausgabe; 2006 eine Neu-Edition der Tagebücher. Eine Reventlow-Welle? Nein, sagt Igel-Verlagsleiterin und Reventlow-Expertin Johanna Seegers. »Natürlich haben der Feminismus und die Gender-Debatte Reventlow im Besonderen für sich entdeckt. Aber wirklich weg war sie nie.« Wie steht sie denn da, heute?

Dass nach der »heidnischen Heiligen« (Ludwig Klages), der »wilden« oder »Skandalgräfin« oder »erotischen Rebellin« nun die »anmutige Rebellin« folgt, lässt nichts Gutes – zumindest nichts Neues – erwarten. Offenbar lädt die Reventlow dazu ein, sich ihr zu nähern mit Formeln, die ihre faszinierende Bandbreite auf den Punkt zu schrumpfen versuchen und so die wirkliche Annäherung verstellen. Bis heute funktioniert sie als Projektionsfläche: die Frau, in der weibliche Autonomie und erotische Weiblichkeit zueinandergefunden hätten. »…wenn man mich besitzen will, nicht in dem Sinne des Ehe-Besitzens, aber des inneren – meine Leidenschaften besitzen – davor weicht es in mir zurück.« Sie gebe doch viel – warum solle sie alles geben?

Sie hat so viel zu bieten, dass es schon literarisch völlig Unbegabten ein Leichtes war, daraus einen Kitschroman zu basteln; dass andererseits die ernsthafteren Biografen die sprachliche Tragfläche ihrer Bücher mühelos aus Reventlow-Zitaten beziehen können. Das gilt auch für Gunna Wendt, die in klarer Sprache und um einiges München-Kolorit ergänzt, den großen Linien folgt, die bereits die rororo-Monografie von Ulla Egbringhoff (2000) gelegt hatte – ohne aber über diese wesentlich hinauszugehen. Wünschen würde man sich eine Biografie, die ihrer Vorlage gewachsen wäre. Denn an wem könnte sich das Genre Biografie besser beweisen als an einer Frau, deren radikales Denken der Spur eines radikalen Lebens folgte? Und so haben in den letzten Jahren die Texte der Reventlow die Biografien über sie gleichsam überholt: Die schnell vergriffene – und voraussichtlich ab Ende 2008 wieder erhältliche – Gesamtausgabe, die Tagebücher; sie führen eine Frau vor, deren Denkschwünge und Suchbewegungen, deren Fähigkeit zu Witz und Ironie und Gefühl sich in der freien Luft des Widersprüchlichen bewegen. Sich der Reventlow biografisch nähern müsste heißen, Erotik, Hingabe, Rebellion nicht nur als Attribute zu begreifen, die ihr so überreich verliehen werden, sondern als Gegenstände ihres so scharfsinnigen wie poetischen Denkens zu erörtern.

So schließt zwar der Materialienband eine Lücke, was den Blick – von Rilke bis Karl Krolow – auf die Reventlow betrifft. Bleibt zu wünschen übrig eine Biografie, die geduldig genug wäre, um Widersprüche gegeneinanderzustellen, und doch den Mut aufwiese, das Inkommensurable jener Frau zum Porträt zusammenzudenken, die sich als »einer von den glücklichsten Menschen« fühlte, »mit meinem Kind und in mir selbst, während mein äußeres Dasein noch wie ein sehr unruhiges Schiff umherirrt«.

 
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