Wenn zwei Menschen an einem Konzertflügel stehen und einander anschreien, handelt es sich vermutlich um ein Familiendrama in gehobenen Kreisen – oder aber um eine Unterrichtsstunde bei Melissa Cross. Was die Wiener HNO-Ärzte Heinz und Reinhard Kürsten für die Prominenz der Opernsänger sind, das ist die in New York lebende Vokaltrainerin für die Barden des Bösen. Zu ihr kommen sie, die harten Kerle und eisernen Mädels, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes die Kehle aus dem Hals geschrien haben.

Die an der Interlochen Arts Academy und am Bristol Old Vic Theatre School ausgebildete Sängerin sorgt heute dafür, dass Metal-Sänger bis ins hohe Alter ihrer Profession nachgehen können. Auf ihren DVDs The Zen of Screaming I & II (2006, 2007), durch welche eine headbangende Buddha-Figur führt, dokumentiert die quirlige Frau mit der roten Mähne ihre Sitzungen mit Kunden wie Lou Koller (Sick of It All), Melissa auf der Maur (ehemals Smashing Pumpkins), Andrew W. K. oder Angela Gossow (Arch Enemy). In Cross’ gemütlich eingerichteter Wohnzimmerpraxis wird in allen Stimmlagen gegrunzt, gekrächzt, gekeift, aber so, dass es bitte schön nicht wehtut. Ein wenig Wellness kann dem Business mit der Aggression nicht schaden. Was auf den Konzertbühnen als spontane Manifestation eines Gefühls, als pure Energie-Eruption daherkommt, wird hier nicht anders als im Jazz oder in der Klassik gelehrt.

»Schreien ist eine Kunst«, predigt Cross ihren tätowierten und gepiercten Klienten. Die nicken brav, hocken in gelockerter Sitzhaltung vor ihrer Mentorin und blicken konzentriert drein, wenn sie Laute von sich geben, in denen sich Erstickungstod, Schwingschleifer und Schlachtgebrüll überlagern. Aus der zierlichen Sängerin Angela von Arch Enemy etwa quellen Klänge, welche aus einem anderen Körper – Höhlentroll? Thor? Belzebub? – zu stammen scheinen. Cross erläutert, wie der Stimme dabei die richtige Menge an »Kieselstein« oder »Sandpapier« hinzuzufügen ist, wie man die Stimmbänder »korrumpiert« und dennoch eine klare Aussprache bewahrt. Nach ein paar Sitzungen haben sie’s dann gelernt: Die Kehlenkünstler schreien nicht mehr nur laut, sondern unangestrengt, kontrolliert und technisch versiert. Für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, gewissermaßen.