Der Starbetrieb frisst sich fröhlich durchs Land. Die Fabrikation von Stars ist die erfolgreichste Schlüsselindustrie und erobert Absatzgebiete, die ihr noch vor Kurzem streng verschlossen waren. Der Spiegel feiert Barack Obama als Superstar und befördert ihn in den Sternenhimmel des Pop. Auf seiner Herz-Jesu-Wolke thront dort bereits Shootingstar Benedikt XVI., zu seiner Rechten Altstar Dalai Lama. Unten auf der Erde verwandelt gerade der Star-Scientologe Tom Cruise den Widerstandskämpfer Stauffenberg in einen History-Star. Und in der Hauptstadt der Stars, in Berlin, dämmerte Adolf Hitler ein paar Tage im Wachsfigurenkabinett, bis ihm ein noch unbekannter Star den Kopf abschlug.

Aber warum? Warum investiert eine Gesellschaft so viel Fantasie und Mühewaltung in die Serienproduktion von Berühmtheit? Woher kommt die aberwitzige Erzeugung von Stars und Sternchen? Und warum sind selbst Neugeborene im Kreißsaal vor Casting-Agenten nicht sicher? Anders gefragt: Ist ein Gemeinwesen, das sich flächendeckend in einen Laufsteg verwandelt, noch das alte, so wie es bei den Soziologen im Lehrbuch stand? Oder zeigen sich die Umrisse einer Gesellschaft neuen Typs, für die selbst Fachleute noch keinen Namen parat haben?

Um den Siegeszug des Starwesens und die Ausweitung seines Operationsgebiets würdigen zu können, empfiehlt sich ein kurzer Blick auf zwei europäische Nachbarn. Im Süden regiert bekanntlich ein ehemaliger Bänkelsänger, der sich auf seine Hofschranzen, auf Zeitungen und Fernsehanstalten, verlassen kann, denn etliche davon hat er käuflich erworben. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi verhalf (nach Jörg Haider) dem Starprinzip in der Politik zum Durchbruch, und nur sein französischer Amtskollege kann ihm inszenierungstechnisch das Wasser reichen. Nicolas Sarkozy heiratete sicherheitshalber direkt ins Stargewerbe ein und stellte sich mit Carla Bruni eine singende Öffentlichkeitsarbeiterin zur Seite.

Wie raffiniert der Schachzug des Herzensbrechers war, sieht man allerdings erst, wenn man ein Geschichtsbuch aufschlägt und sich die klassische Gestalt des Königs vor Augen führt. Denn der König, darin bestand die politische Theologie seiner Macht, verfügte über einen doppelten Körper, einen weltlichen und einen religiösen. Mit einem Teil ragte er in die irdische Sphäre profaner Politik, mit dem anderen berührte er die göttliche Welt, das Heilige und Absolute. Nur das Übernatürliche verlieh ihm die Legitimität, den Glanz und die Herrlichkeit.

Manager vergleichen sich mit dem Hollywoodstar Julia Roberts

Seitdem sein Sänger-Model Carla Bruni als gepuderter Engel an seiner Seite schwebt, verfügt auch Sarkozy über einen doppelten Körper. Denn wie es nun einmal ihre Aufgabe ist, vermitteln Engel zwischen Himmel und Erde, und plötzlich sehen wir den Staatspräsidenten mal als irdischen, etwas unberechenbaren Politiker in der grauen Sphäre des Tagesgeschäfts. Und mal als Sonnenkönig, als ätherischen Superstar, dem politischen Alltag ins Überirdische entrückt – in die heilige Sphäre von Glanz und Herrlichkeit, in den sagenhaften Götterhimmel von Lifestyle und Celebrity, der neuen Legitimitätsressource demokratisch erschöpfter Gesellschaften.

Von diesem politischen Kult-Marketing ist die Bundesrepublik noch weit entfernt. Doch auch hierzulande hören die »Celebrity Dressing Manager« schon die Engel singen und stehen bereit, um durch Imaging sterbliche Politiker in unsterbliche Politstars zu verwandeln. Am weitesten brachte es die neoliberalisierte FDP, die mit kühnen Ausfallschritten tief in den Glamoursektor vorstieß. Weil Superstar Guido Westerwelle den geistig Besserverdienenden damit einen gehörigen Schrecken einjagte, will er nun wieder ein seriöser Politiker werden.

Schwieriger liegt der Fall der Bundeskanzlerin. In den Umfragen ist Angela Merkel deshalb eine Starpolitikerin, weil sie alles unterlässt, um als eine solche zu erscheinen. Sie tut auch gut daran, denn dem Wahlvolk steht das Schicksal ihres Vorgängers noch lebhaft vor Augen. Gerhard Schröder wollte immer ein Politstar sein, aber sein Weg zum Ruhm ist das, was vornehme Menschen »umstritten« nennen. Nicht nur, dass seine Steuerverschenkungspolitik Kapitalbesitzer glücklich und seine Partei unglücklich machte. Der weltberühmte Sozialdemokrat schuf mit den Hartz-IV-Empfängern auch eine neue gesellschaftliche Klasse nebst eigener parlamentarischer Vertretung. Nun führen sich die Vorsitzenden der Linkspartei ihrerseits als Stars auf.

Selbstredend verstehen sich auch die Spitzenkräfte der freien Wirtschaft als eingeborene Mitglieder der Celebrity-Kultur, die man zwar feiern, aber nicht zur Rede stellen darf. Berühmt geworden ist eine sonnige Sentenz des Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking, der mit einem zarten Jahresverdienst von 56 Millionen Euro gerade noch einmal so davongekommen ist: »Seit wann wird denn ein Vorstand nach Stunden bezahlt? Auch bei einer Julia Roberts wird es niemandem einfallen, den Stundenlohn auszurechnen.«

Wiedeking, ein empfindsamer Mensch, sieht das ganz richtig. Die Topmanager der Dax-Ökonomie wollen tatsächlich nicht danach gefragt werden, ob die Fantasiesummen, die sie verdienen, durch das Leistungsprinzip gedeckt sind. Deshalb vergleichen sich die ökonomischen Eliten gern mit Hollywoodschauspielern und anderen Exzellenzclustern des Kulturbetriebs: Sie sind Stars, weil sie Stars sind, denn sonst wären sie keine. Einzig und allein die unsichtbare Hand des Marktes befindet über ihren Wert, weswegen Beschwerden wegen fehlender Gerechtigkeit an ihnen abperlen wie der Sekt vom Kelch. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das Starprinzip gilt nur für Premium-Existenzen im oberen Bereich. Für ruhmlose Mitarbeiter in Bodennähe, deren Gesicht nur der Pförtner kennt, gilt weiterhin das Leistungsprinzip auf der nach unten offenen Lohnskala.

Nun mag der Flurschaden, den das Starwesen in der Parallelgesellschaft der Manager hinterlässt, schwer zu messen sein. Ganz anders sieht es auf dem weiten Feld der Kulturproduktion aus oder, wie Alteuropäer zu sagen pflegen: auf dem Gebiet des Geistes. In einer Serie feindlicher Übernahmen hat der Starkult weitläufig Terrain erobert, zum Beispiel die deutschen Universitäten. Vor Jahren zählte die Academia noch zur erdabgewandten Seite des Starbetriebs, und ganz im Humboldtschen Ethos war sie, von wenigen Aufwallungen abgesehen, ein Musterfall an Diskretion und Bescheidenheit.

Maler-Stars haben einen Pakt mit dem großen Geld geschlossen

Damit ist es vorbei. Im Gefolge der dauermobilisierten Exzellenzinitiativen müssen sich nun auch Wissenschaftler in Spitzenstars verwandeln und ihre Forschungsergebnisse an die große Glocke hängen. Je lauter es in den Medien bimmelt, desto berühmter die Forscher und desto tiefer ihre Einsichten. Wer kein Star ist, der kann auch nichts geleistet haben, denn sonst würde die Öffentlichkeit ihn ja kennen.

Wer studieren möchte, wie weit es das Starprinzip in der Kultur gebracht hat, der muss einen Blick in das Magazin Cicero werfen, ein Prestige-Beförderungs-Unternehmen des Schweizer Medienkonzerns Ringier. Gern macht es mit einem Intellektuellen-Ranking Reklame. Mit Hilfe von Internetclicks zählt Cicero die 500 »wichtigsten« Geistesgrößen ab und aus, danach wird die Nummernrevue mit viel Tamtam in die Öffentlichkeit posaunt. Deutschland sucht seinen Superstar, und Platz eins belegt im Sanktuarium zuverlässig unser Papst aus dem schönen Rom. Für Cicero zählt nicht die Originalität einer Idee oder die erhellende Kraft eines Arguments; für sie zählen Quote und Event, kurz: die Performance.

Man könnte so fortfahren. Unvergessen ist die mit Cicero geistesverwandte Wirtschaftsinitiative »Deutschland – Land der Ideen«. Für einen nationalen PR-Event machte sich die Initiative ungeniert an der literarischen Klassik zu schaffen, an den Superstars der deutschen Vergangenheit. Sie sollten das Image der deutschen Industrie polieren, frei nach dem Motto: Goethe war innovativ, Lessing war innovativ, und die Hochleistungsmanager von Mercedesaudi sind es auch. Schade, dass sich Deutschlands Titanen nicht näher kennenlernen und gemeinsam einen Exportschlager singen durften.

Niemand wird behaupten können, die posthume Inbetriebnahme von toten Klassikstars habe es zu vitalem Kultstatus gebracht, im Gegenteil. Damit Marketing-Aktionen von Erfolg gekrönt sind, müssen es lebende Genies sein, Künstler aus Fleisch und Blut, die man anfassen und herzhaft bewundern kann. Gern genommen werden derzeit Fotokünstler, aber noch begehrter sind Stars, die große Bilder malen und zu ihrem fertigen Werk zwei, drei sinnhaltige Sätze sagen können. Tatsächlich sind Maler die neuen Königskinder des Kulturbetriebs. Warum das so ist, ist leicht zu sagen. Die Malerei ist unbestimmt, aber bedeutsam. Sie besitzt eine Aura, die dem Publikum fernbleibt, so nahe es ihr auch kommt. Diese Aura macht die moderne Malerei, wie ein Impression-Manager sagen würde, eventtechnisch »anschlussfähig«.

Keine Frage, die größte Aufmerksamkeitsrendite fällt ab, wenn der Künstler selbst als Kunstwerk auftritt, wenn er – wie der Paradiesvogel Jonathan Meese – mit Haut und Haaren für sein Schaffen einsteht und es mit seinen Wundmalen beglaubigt. Das authentische Leben, sein Wohl und Wehe, strahlt auf das Werk ab und verleiht der Ware Kunst ihre Einzigartigkeit. Spitzenwerte erzielt hier das lange verkannte Genie, das in qualvollen Nächten am Kreuz der Einsamkeit gelitten und es schließlich durch zähe Selbstbewirtschaftung seines Talents an den Champagnerpool des Kunstmarkts geschafft hat. Nach ihm hat man sich verzehrt, er ist der neue Messias, erst recht, wenn er, wie der Malerstar Daniel Richter, ein »politischer Mensch geblieben ist«.

Natürlich geht es im Bezugssystem des Starbetriebs bei großen Künstlern wie Daniel Richter nicht um eine politische Haltung, nicht um einen »Inhalt«. Es geht um eine Differenz, um das Anderssein im Ähnlichen. Es geht um das, was Richter von anderen Stars unterscheidet, etwa vom konservativen Starmaler Neo Rauch. Im Konformismus des Betriebs bezeichnet Dissidenz die größte Kunst. Doch sobald die Dissidenz etabliert und der Markt mit ihr gesättigt ist, bedarf es einer neuen Abweichung, eines neuen Unterschieds. Hat sich diese durchgesetzt, muss der Künstler nur die Schürze ausspannen und warten, bis der Ruhm wie Sterntaler vom Himmel regnet.

Wem das zu kompliziert ist, der darf sich getrost an das Marktgesetz halten, wonach Knappheit den Wert erhöht. Je seltener ein Star öffentlich zu besichtigen ist, desto höher steigt der Sensationswert im Fall seines unverhofften Erscheinens. Damit er in der Zwischenzeit nicht vergessen wird, muss der Star allerdings weiterhin als Marke im kulturellen System zirkulieren. Für die Kopplung von Künstlerstar und Öffentlichkeit existiert eine eigene Spezies, die Prominenten, die nur für ihre Berühmtheit berühmt sind. Sie schaffen zwar keine eigenen Kunstwerke und haben das in diesem Leben auch nicht mehr vor. Aber sie steigern die Ökonomie der Aufmerksamkeit in den Glamourzonen des Kunstbetriebs.

Wenn Claudia Schiffer oder Lady Helen Taylor Ausstellungen und Kunstmessen besuchen oder noch besser: wenn leere Signifikanten wie Paris Hilton auf der Art Miami Basel ein schönes Werk erwerben, dann verleihen sie der Kunst den schönsten aller Adelstitel, nämlich das Logo ihrer Prominenz. Der Promistar promotet den Künstlerstar – und den Käufer seiner Werke gleich mit, also die Reichen und Superreichen, die global class der Globalisierungsgewinner aus Dubai, Shanghai und Moskau.

An dieser Stelle sollte man für einen Augenblick innehalten und sich an alte Tage erinnern. Gab es nicht einmal eine Zeit, in der sich der Starkünstler verdächtig machte, wenn er beim »Celebrity Placement« gesichtet wurde, bei den Minnesängern der Macht und den Lakaien des Kapitals? Gehörte es für ihn nicht einmal zum guten Ton, das Event-Establishment zu meiden wie der Teufel das Weihwasser?

Nun, diese Zeiten sind vorbei. Wenn nicht alles täuscht, dann haben Starkünstler mit dem großen Geld einen Pakt geschlossen, und dieser Pakt geht so: Der Künstler, an sich ein armer Hund, schenkt dem Kapitalbesitzer das, was ihm fehlt, nämlich kulturelles Prestige, ein symbolisches Gewand. Er gewährt Distinktion und ästhetischen Zauber – und im Gegenzug erhält der Künstler eine Gabe, von der er auskömmlich leben kann.

Anders gesagt: Das große Geld ist »nackt« und abstrakt, ihm fehlt das Symbolische, und der Nachbar sieht es leider nicht. Es kreist im Orbit der Spekulation, im virtuellen Raum der Aktien und Optionen, wer weiß. Selbstverständlich kann man dieses Geld auch in nette Dinge investieren, doch einen Ferrari fährt jeder. So schlägt der Kunstkäufer, der mit Gewinnerwartung in den Wertschöpfungskreislauf des Kunstmarkts investiert, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Er steigert nicht nur sein reales, sondern auch sein symbolisches Kapital, das heißt: Er macht mit ästhetischem Luxuskonsum eine Unterscheidung, mit der er sich von anderen unterscheidet.

Berühmtheiten befriedigen die unersättliche Sehnsucht nach Sinn

Bleibt die Frage: Warum ist das alles so? Warum verwandelt sich die Gesellschaft in ein postmodernes Rokoko, in ein Spektakel der Theatralität, in dem sich Markenkünstler rund um die Uhr die Klinke in die Hand geben? Und woher kommt die besinnungslose Feier des Augenblicks, von Präsenz und Gegenwärtigkeit – als gäbe es nie mehr ein Morgen?

Systemtheoretiker, die es mit dem Soziologen Niklas Luhmann halten, sehen die Sache entspannt und betrachten Stars als nützliche Helfer, die das Unsichtbare moderner Gesellschaften, ihre Funktionsweise, ins Bild setzen und anschaulich »verkörpern«. Demnach macht Dieter Bohlens Castingshow Deutschland sucht den Superstar das Konkurrenzprinzip sichtbar, während der Managerstar Josef Ackermann den abstrakten Börsenkapitalismus personifiziert. Und Ökostar Al Gore verleiht dem Kampf gegen die Klimakatastrophe ein Gesicht.

Das ist im Detail zwar pfiffig beobachtet, aber wohl nur die halbe Wahrheit. Vieles spricht dafür, dass sich hinter dem Starkult mehr verbirgt, ja: dass er ein Beweis dafür ist, wie fundamental sich unser Verständnis historischer Zeit verändert hat, unser Verhältnis zur Zukunft. Zweifellos ist der Glaube an den Fortschritt rapide im Kurs gesunken, und nichts scheint so sehr der Vergangenheit anzugehören wie die gute alte Zukunft. Auch von den reichen Mythen des Kapitalismus (»Wohlstand für alle«) ist nicht viel geblieben, außer Ungleichheit und der Panik, dass dem naturverbrauchenden Zuwachsbetrieb bald der Brennstoff ausgeht.

Daraus erwächst ein Problem. Wenn weder die altlinke Utopie noch der amtierende Kapitalismus mythische Bilder der Zukunft liefern, entsteht eine symbolische Lücke, und das Lebensgefühl sagt: »Es kommt nichts mehr, das war es schon.« Doch wer füllt das Loch, das die verschwundene Zukunft hinterlassen hat?

Starkult und Eventindustrie sind die Antwort. Sie bilden ein ideales Zwillingspaar, um den Bilderbedarf der Gegenwart zu befriedigen, die unersättliche Sehnsucht nach Sinn, nach intensiven Bildern und Erlebnissen. Deshalb gibt es nicht wenige Intellektuelle, die beim Triumphzug der visuellen Industrie andächtig Spalier stehen. Sie tun es, weil sie glauben, die Hauptkrise der Gegenwart bestehe schon lange nicht mehr in sozialer Ungerechtigkeit, sondern im Verlust sinnstiftender Bilder, überhaupt im Intensitätsverlust des Lebens. Utopien seien mausetot, und mit siegreichem Kapitalismus müssten wir uns leider abfinden. Nicht abfinden hingegen müssten wir uns mit der Langeweile und dem geistigen Gift des Christentums, dem Warten auf bessere Zeiten.

Klatschgeschichten sind Drehbücher für das gewöhnliche Leben

Solche Intellektuelle schwärmen vom »Kult-Marketing« (Norbert Bolz); andere bejubeln Politstars, Managerstars und Künstlerstars als Helden der Wiederverzauberung, die Farbe in die Profanität des Alltags bringen, nämlich die Transzendenz des Glamours. Natürlich ist das Unternehmensberatungsphilosophie, aber die Beobachtung, dass der Starkult Sinnmuster produziert, ist nicht zu bestreiten. Stars »interpunktieren« die sinnlose Zeit und stiften Gemeinschaftserlebnisse; sie liefern mit den Klatschgeschichten der Boulevardpresse »Skripte«, deren Geschichten wir dann in eigener Regie ins Leben umsetzen sollen. Nicht zufällig enthalten diese Skripte bunte Bilder von Glück und Unglück, von Gefühl und Leidenschaft, von »Tragik« und »Größe«. Am begehrtesten ist hier der Mythos vom Neuen, von Anfang und Geburt. Der bizarre Rummel um Angelina Jolies Niederkunft war ein schöner Beleg dafür, wie unverzichtbar süße Promibabys für die Vitalpolitik des Starbetriebs sind. Sie verkörpern das ursprüngliche, das unschuldige Leben, mit dem das Branding immer wieder neu beginnen kann. A star is born.

Mit Religion hat das allerdings nichts zu tun, es handelt sich um mythische Bilder. Denn die Heilige Familie der Stars erzählt nicht von besseren Zeiten; sie feiert vielmehr die reine Gegenwart, die ungebrochene Präsenz des Augenblicks. Der Star erlöst vom Warten auf bessere Tage und erteilt den Verhältnissen die Absolution. »Alles ist, wie es ist.« Fürchte dich nicht, ich komme wieder, denn nach dem Ereignis ist vor dem Ereignis. Der Starkult ist zyklisch, und die Zukunft löst sich in Gegenwart auf. Je dichter die Kette der Sensationen geknüpft ist, desto mehr Gegenwärtigkeit entsteht. Wenn dann noch das göttliche Auge des Stars wohlwollend auf dem Einzelnen ruht, dann weiß er: Es gibt mich noch.

Um es auf eine Formel zu bringen: Wir sind Zeuge, wie eine säkulare Hochreligion entsteht, ein geschlossenes Weltbild aus Glamour und Celebrity, das sich wie ein Kranz über die alten, weiterlaufenden Funktionssysteme von Politik und Wirtschaft legt. Gewiss, die Realität ändert sich dadurch nicht. Aber wir sollen wieder Gefallen an ihr finden.

Der Starkult in der Politik, seine radikale Personalisierung, verwandelt Demokratien in ein Dauer-Casting. Und auch auf dem Feld der Kunst, der komplexen ästhetischen Erfahrung, verändern sich die Wahrnehmungsweisen. Der affirmative Kult, die Huldigung des Stars und die Feier von Lebendigkeitseffekten, ersetzt die alte reflexive Kritik. »Das zentrale Kriterium künstlerischer, zusehends auch akademischer Veranstaltungen«, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem Buch Eigenblutdoping, »ist nicht Kritik, Wahrheit oder Schönheit, sondern das Gelingen einer möglichst heiter vertriebenen Zeit. Das allgemeine Ziel der Steigerung von voraussetzungsloser Lebendigkeit macht keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Kunst und den Unterhaltungsprogrammen zwischen Club Méditerranée und Chatrooms.«

In der Tat, wenn »Superstars« wie Anna Netrebko und Rolando Villazón ihren Auftritt haben, dann kommt die Oper, die sie singen, kaum mehr vor. Auch bei bildenden Künstlern geht in der Eventberichterstattung das Deutungsinteresse an ihrem Werk gegen null oder wird – gern auch bei einem Hausbesuch – mit ihrer Persönlichkeit verrechnet, mit ihrem »Markennamen«. Mit einem Wort: Der Kulturbetrieb schnurrt auf ein liturgisches Maschinchen zusammen, das die symbolische Deckungsreserve für sinnhungrige Gegenwartsbewohner bereitstellt. Die Aufgabe des Kritikers besteht dann nicht mehr in Kritik, sondern in Popularisierung. Übertrieben? Ausgerechnet der verdiente Produzent Günter Rohrbach machte in einem viel diskutierten Spiegel- Artikel Filmkritikern den Vorwurf, sie seien Nörgler und würden populäre Filme mit Verachtung strafen, nur weil diese an der Kasse Erfolg hätten. Eventmanager sehen das genauso. Gute Kunst ist eine, die sich am Markt durchsetzt, denn im Gegensatz zum Kritiker könne der Markt nicht irren. Man sieht, im Bespaßungsuniversum des Unterhaltungsgewerbes sind Kritiker lediglich Zirkulationsagenten – Kapitalisten der Aufmerksamkeit, deren Animationsprosa dazu dient, unwilligen Konsumenten das neueste Kulturbetriebsprodukt schmackhaft zu machen.

Damit schließt sich der Kreis. Kritik und Marketing gehen Hand in Hand und produzieren, was dem Markt entspricht. Und es stimmt ja auch – in dem Moment, als die Malerei zur Boomindustrie wurde, entdeckten selbst Sänger wie Marilyn Manson ihre Liebe zur Leinwand. So entsteht, wie der Philosoph Giorgio Agamben glaubt, eine für die »spektakuläre Phase des Kapitalismus« typische Kunstbetriebskunst. Darin verliert die Kunst ihre Idee, während ihre Produktion ungerührt weiterläuft.

Das wäre der pessimistische Befund, und für ihn ist die Kunst schon längst rückstandsfrei im Glamourkosmos des Starbetriebs untergegangen. Andererseits: Die vitalen Energien von Literatur und Malerei, von Film und Musik werden darin grob unterschätzt. Denn auch die Kunst hat »zwei Körper«. Mag sie mit dem einen »Körper« als Handelsobjekt gedemütigt und von der Schickeria erdrückt werden – mit ihrem anderen »Körper« bleibt die Kunst doch Kunst, standhaft und eigensinnig, souverän und uneinnehmbar. Weil Kunst, die ihren Namen verdient, dem sprachlosen Grund existenzieller Erfahrung entstammt, bleibt zu hoffen, dass sie feindliche Übernahmen am Ende doch glänzend übersteht.